Wenn die »Generation Handy« für die Radfahrprüfung übt

Fotos © Claudia Lippert

Die Radfahrausbildung steht im Lehrplan der Berliner Grundschulen, üblicherweise legen die Kinder in der vierten Klasse ihre Prüfungen ab. Für die praktische Ausbildung auf dem Velo steigen die Jungen und Mädchen in einer der rund zwei Dutzend Berliner Jugendverkehrsschulen (JVS) auf den Sattel. Wie es bei einer Übungsstunde zugeht und wie wichtig die JVS für die Verkehrserziehung sind, hat sich CLAUDIA LIPPERT angesehen.

Es ist kühl an diesem Morgen Ende März, Claudia Jäger hat den Reißverschluss ihrer blauen Jacke mit dem weißen Polizei-Schriftzug bis oben hin zugezogen. „Wenn ihr Handschuhe braucht, sucht euch ein Paar aus“, ruft sie den Viertklässlern der Elisabeth-Christinen-Grundschule zu, die zum zweiten Übungstermin in die Jugendverkehrsschule in der Straße vor Schönholz in Pankow gekommen sind, und stellt eine große Kiste mit bunten Handschuhen bereit. „Klar wäre das schöner für die Kids, wenn sie hier bei sommerlichen Temperaturen trainieren könnten“, sagt Claudia Jäger, Verkehrssicherheitsberaterin für den Polizeiabschnitt 13. „Aber bis es im Juni Zeugnisse gibt, müssen wir alle Prüfungen abgenommen haben.“ Bis dahin müssen sämtliche Viertklässler der Grundschulen im Ortsteil Pankow zweimal zum praktischen Radfahrunterricht in der Jugendverkehrsschule gewesen sein. „So ist es im Lehrplan festgeschrieben“, erklärt Jäger. Deswegen ist die Ordnungshüterin seit Anfang März regelmäßig auf dem Außenparcours der JVS anzutreffen.

Claudia Jäger, Verkehrssicherheitsberaterin für den Polizeiabschnitt 13, trainiert mit Pankower Viertklässlern für die Radverkehrsprüfung.

„Versucht euch zu erinnern, wann ihr Handzeichen geben müsst. Sonst bleiben die Hände am Lenker“, ruft sie den Kindern zu, während die sich ein paar Runden lang auf den Rädern einfahren, die der Bezirk Pankow erst im vorigen Jahr neu angeschafft hat. „Wir sind hier ziemlich gut ausgestattet“, sagt Jäger. „Manche Kinder wollen vom Rad gar nicht mehr runter“, fügt sie mit einem Lachen hinzu. Das Programm, das sie mit den Kindern zu absolvieren hat, ist straff organisiert. Denn es geht nicht nur darum, dass die sich auf dem Velo fortbewegen können. Alle relevanten Verkehrszeichen müssen die Grundschüler kennen, „speziell natürlich die Vorfahrtschilder“. Das richtige Verhalten an Kreuzungen mit und ohne Ampel gilt es zu trainieren, das sichere Linksabbiegen an Kreuzungen und den Schulterblick beim Rechtsabbiegen an Kreuzungen oder Einmündungen. „Außerdem lernen die Kinder das vorausschauende Fahren“, betont Jägers Kollegin Bettina Rehmer. Das sei extrem wichtig. „Selbst wenn wir als Radfahrer alle Verkehrsregeln beachten – das allein nützt uns gar nichts, wenn uns ein Laster übersieht und wir drunter liegen“, so die  Verkehrssicherheitsberaterin.

Der Betrieb der Pankower Jugendverkehrs-schule erfolgt über den Beschäftigungsträger »Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung Berlin mbH« (GAB). Es unterrichten die Lehrkräfte der Schulen sowie Beamten der Polizei Berlin.

Manche Eltern seien schon mal sauer, wenn ihr Kind wegen Fehlern wie einem vergessenen Schulterblick durch die Prüfung  gerasselt sei. „Mein Kind kann Radfahren“, heiße es da oft. Aber nur in die Pedale treten zu können, reiche nicht aus. Oft steige aber das Verständnis bei den Eltern, wenn sie selbst mitkämen zum Üben. Ab dem zehnten Lebensjahr sei der Gehweg für radelnde Kids tabu. „Dann müssen sie es können. Dann darf es eben nicht passieren, dass es für den Schulterblick nicht mehr reicht, weil zu viele neue Eindrücke auf das Kind einprasseln.“

Mit Erschrecken hat Claudia Jäger festgestellt, dass die Motorik der „Generation Handy“ nachlässt. „Manche Kinder könne nur noch mit zwei Fingern arbeiten“, sagt sie und macht die typische Handbewegung, mit der ein Bild auf dem Smartphone vergrößert werden kann. 20 bis 25 Prozent der Viertklässler seien motorisch noch nicht reif. „Kinder, die Fußball spielen, sind meist besser drauf – aber die sind manchmal zu schnell unterwegs.“ Und da kennt Claudia Jäger kein Pardon: „Wer rast, sitzt auf der Bank.“ Gerne würde sie den Prüfungsaspiranten noch einen dritten Übungstermin in der JVS anbieten, aber das sei bei 70 Klassen, die allein im Ortsteil Pankow verkehrserzieherisch zu betreuen seien, zeitlich nicht zu schaffen. Obwohl ihr das Team des Beschäftigungsträgers GAB (Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung Berlin GmbH), zuständig für den Betrieb der Pankower JVS, unterstützend zur Seite stehe. Je drei Mitarbeiter seien werktags an den Vor- und Nachmittagen da, von 8 bis 18 Uhr. „Das ist für uns eine Riesen-Erleichterung“, sagt Jäger, in anderen Verkehrsschulen seien die Servicezeiten deutlich kürzer.

So macht das Lernen Spaß: Gerade erst hat der Bezirk Pankow neue Fahrräder angeschafft, die auf dem Übungsplatz für die Kinder bereitstehen.

Insgesamt verfügt Pankow über drei JVS in den drei Alt-Bezirken Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow. Das Bezirksamt räume den Jugendverkehrsschulen „große Bedeutung für die Verkehrserziehung ein“, unterstreicht Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU), „insbesondere vor dem Hintergrund wachsender Bevölkerungszahlen und der damit einhergehenden Zunahme des Verkehrs in unserem Bezirk“. Grundsätzlich könne man sich vorstellen, das JVS-Angebot noch auszudehnen, sofern man zusätzliche Ressourcen bekäme. „Grundstücke, Personal, Finanzierung“, zählt Kühne auf. Im Haushalt 2016/17 habe das Land Berlin zwar zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt –  600.000 Euro für alle Berliner JVS –, doch habe man das Geld nur für Honorare oder Sachmittel, nicht aber für Investitionen nutzen dürfen. Der Bezirk Pankow kaufte davon unter anderem Fahrräder, Helme, Unterrichtsmaterial und eine mobile Ampel. „Die weiteren Sondermittel des Landes Berlin zur Sanierung von Verkehrsanlagen waren ausschließlich für die Verkehrsflächen selbst zu verwenden“, erklärt Kühne. Personalstellen seien davon nicht eingerichtet worden. Das verbiete die Landeshaushaltsordnung, nach der aus zusätzlichen Mitteln des Senats keine festen Stellen finanziert werden dürften. Der Grund, warum aktuell die Nachfrage das Angebot der JVS übersteige. Aber zumindest seien die drei Pankower JVS wohl langfristig gesichert, schätzt der Stadtrat ein.

Übersicht der Berliner Jugendverkehrsschulen

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