Weniger Autos und mehr Platz fürs Rad in Brandenburgs historischen Stadtkernen

Brandenburger Kommunen setzen vermehrt auf autofreie Innenstädte. Im Gespräch erklärt Frank Steffen, Vorsitzender der AG Historische Stadtkerne und Bürgermeister der Stadt Beeskow, warum zunehmender Fahrzeugverkehr zu einer Belastung der historischen Stadtkerne wird, welche Rolle das Rad bei einer autofreien Altstadt spielt und was für ihn der Schlüssel zum Erfolg ist. Das Interview führte  Magdalena Westkemper, Landesgeschäftsführerin des  ADFC Brandenburg.

Anfang Januar ließ die AG Historische Stadtkerne verlauten, dass die verstärkt auf autofreie Innenstädte setzen will. Warum?

Die historische Bausubstanz ist das Pfund, mit dem wir wuchern können. Die historischen Stadtkerne sind entstanden, als an das Auto noch nicht zu denken war. Der zunehmende Fahrzeugverkehr wird zu einer Belastung der Innenstädte, nicht nur für die Gebäude, sondern ganz besonders für die Menschen, die dort leben. Aus unseren Mitgliedsstädten erreichen uns zunehmend Anfragen nach Lösungsideen und -konzepten, weil der zunehmende Individualverkehr zu Problemen führt.

Frank Steffen ist seit Herbst 2018 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft und ist gleichzeitig hauptamtlicher Bürgermeister der historischen Stadt Beeskow.

Was bedeutet das konkret? Wie kann eine Innenstadt autoarm oder sogar autofrei gestaltet werden?

Hier wollen wir als Arbeitsgemeinschaft Handlungsanleitungen in Fachdialogen erarbeiten. Bereits 2010 haben wir ein Handbuch „Fahrradfreundliche Innenstädte“ erarbeitet. Darauf bauen wir auf und entwickeln neue Lösungen mit Blick auf die sich verändernden Bedürfnisse. Wir wollen insbesondere den reinen Durchgangsverkehr, der kein Ziel in der Innenstadt hat, aus dieser heraushalten. Um autofrei zu sein, braucht man Parkplätze außerhalb des Stadtkerns, von denen man in kurzer Zeit die Innenstadt erreicht.

Welche Rolle spielt dabei das Fahrrad?

Eine ganz zentrale, weil es ein umweltfreundliches und platzsparendes Verkehrsmittel ist. Deshalb brauchen wir Vorrangregelungen für das Fahrrad gegenüber dem Auto. Wir dürfen dabei aber nicht die Fußgänger vergessen, die oft über Fahrradfahrer und deren Fahrverhalten klagen. Vorrang für das Fahrrad ja, aber im Rahmen klarer Regeln. Das gilt auch für die neuen E-Tretroller, die die Bundesregierung kürzlich zugelassen hat.

Sie sind nicht nur Vorsitzender der AG, sondern auch selbst Bürgermeister von Beeskow, also einer Stadt mit historischem Stadtkern. Wie setzen Sie das Vorhaben um, mit welchen Maßnahmen?

Wir haben schon lange viele Gehwege für Radfahrer freigegebenen. Das hat sich bewährt. Durch unser Verkehrskonzept leiten wir den überregionalen Verkehr um die Stadt herum. Erst vor kurzem hat die Stadtverordnetenversammlung zwei Lückenschlüsse im Radwegenetz beschlossen. Wir wollen auch unsere letzten beiden Ortsteile an das Radwegenetz anbinden. Aktuell bereiten wir sichere Fahrradstellplätze an den beiden Bahnhöfen in Beeskow vor. Eine neue Ausschilderung der Radwege ist in Vorbereitung.

Haben Sie Hinweise für andere Bürgermeister, wie das Vorhaben einer autoarmen Innenstadt gelingen kann?

Dialog mit den Betroffenen (Fahrradfahrer, Fußgänger, Autofahrer) glaube ich, ist der Schlüssel zum Erfolg. Es geht nur voran, wenn man alle Interessen im Blick hat. Ich bin gegen Dogmatismus und Verteufelung des Autos, das wir im ländlichen Bereich als Verkehrsmittel weiterhin brauchen.

Was sind in Ihren Augen die größten Schwierigkeiten und Herausforderungen bei einer solchen Umsetzung? Und welche Lösungsansätze sehen Sie?

Die größte Herausforderung sind die Autofahrer, die möglichst dicht an Wohnungen und Geschäfte heranfahren wollen und dort Parkplätze brauchen. Hier müssen bequeme Gewohnheiten aufgebrochen werden. In den historischen Stadtkernen müssen wir bei Planungen im Verkehrsbereich immer auf die historischen Stadtgrundrisse abstellen. Ganz besonders gilt es die Konflikte mit den Anforderungen der Denkmalpflege auszugleichen. Dazu kommen der Lieferverkehr und die Paketdienste. Auch sind die meisten Pflegedienste mit Autos unterwegs und müssen dicht an die Patienten heran.

Radfahrende in Kyritz: „Umweltfreundliches und platzsparendes Verkehrsmittel“

Haben Sie Kontakt zu anderen Kommunen außerhalb Brandenburgs aufgenommen, welche die Idee einer autoarmen/-freien Innenstadt verfolgen?

Wir haben als Arbeitsgemeinschaft einen Austausch mit unserer Partnerarbeitsgemeinschaft in NRW.

Wie sind Ihre Erfahrungen vor Ort: Wie nehmen die Menschen eine autoarme Innenstadt wahr?

Im Grundsatz sind alle dafür. Wenn es konkret wird, dann wird es spannend. Ganz besonders die Einzelhändler fürchten, dass sie noch mehr Kunden an die Shoppingcenter mit den großen Parkplätzen verlieren.

Was wünschen Sie sich von der Landespolitik? Fühlen Sie sich in den Kommunen ausreichend unterstützt?

Hier müssen wir selber vorankommen. Das ist ein Thema der kommunalen Gemeinschaft. Die Lösungen können wir selbst entwickeln. In Brandenburg brauchen wir eine bessere Förderung des innerstädtischen Radwegebaus. Natürlich brauchen wir auch einen guten überregionalen ÖPNV und SPNV mit attraktiven Angeboten und Fahrpreisen auch im ländlichen Raum, in dem viele unserer Mitgliedsstädte liegen. Es muss Anreize geben, zumindest auf den Zweitwagen in der Familie zu verzichten.

Fotos: Beitragsbild& Bild 2: © Erik-Jan Ouwerkerk, Bild 1: © Privat