We are traffic!

Seit 22 Jahren treffen sich Menschen in Berlin am letzten Freitag im Monat zum gemeinsamen Radfahren. Die Critical Mass ist Party, Protest und Liebe zum Fahrrad. Was mit einer Handvoll Eingeweihten begann, ist heute eine etablierte Veranstaltung mit Tausenden Teilnehmenden.

Text: Sandra Ohlmeyer
Fotos: Gitti la Mar (https://www.flickr.com/people/26911113@N04/)
Alle Fotos wurden während Critical Masses in Berlin aufgenommen.

Alles begann an einem Freitagabend 1992 in San Francisco. Unter dem Motto „Commute Clot“, was so viel wie „Pendlerklümpchen“ bedeutet, trafen sich einige Dutzend Radfahrer*innen zu einer gemeinsamen Fahrt durch die Stadt, um gegen Verkehrsstaus und Luftverschmutzung zu protestieren und für eine Verkehrswende zu demonstrieren. Einige von ihnen sahen sich kurz darauf in einem Fahrradladen Ted White‘s gerade fertiggestellte Dokumentation „Return of the Scorcher“ an. Als „Scorcher“ (dt.: Raser) wurden Ende des 19. Jahrhunderts Radfahrer bezeichnet, die mit rasanter Geschwindigkeit durch die Städte fuhren. Die Dokumentation handelt von den Fahrradkulturen in Guangzhou (China), Amsterdam und den Vereinigten Staaten.

In dem Film berichtet der New Yorker George Bliss von seinen Erfahrungen in China, das er 1991 bereist hatte. Damals fuhren dort in den großen Städten noch jeden Morgen Millionen Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Besonders beeindruckt war er davon, dass für die Regelung des Verkehrs weder aufwändige Signalsysteme noch viele Verkehrszeichen notwendig gewesen seien: An einem Kreuzpunkt stoppten die Radfahrer*innen und warteten, bis sich eine bestimmte Menge – eine kritische Masse – angestaut hatte, die den querenden Verkehr zum Halten brachte und die Kreuzung passierte. Währenddessen warteten die Radfahrer*innen an den anderen Einmündungen, bis auch ihre Gruppe wieder auf ein kritisches Maß angewachsen war und losfahren konnte. Ein Vorgang, der in erstaunlicher Harmonie ablief und daher auf George Bliss geradezu magisch wirkte. Als die Radaktivisten aus San Francisco das gesehen hatten, war klar, wie ihr Fahrrad-Event, das ab sofort jeden letzten Freitag im Monat stattfinden sollte, heißen würde: Critical Mass (CM).

Inzwischen treffen sich in mehr als tausend Städten weltweit Radenthusiasten und -aktivistinnen zu Critical Mass-Fahrten, meistens am letzten Freitag im Monat. In Deutschland sind es etwa 130 Städte, in denen es mehr oder weniger regelmäßig eine Critical Mass gibt (eine Liste mit Treffpunkten und Startzeiten findet sich unter itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland/). In Berlin fand am 26. September 1997 die erste deutsche Critical Mass statt – am fünften Jahrestag der Geburts-CM in San Francisco.

Damals trafen sich gerade mal 20 Radfahrer*innen um 16 Uhr am Brandenburger Tor – aber die Zahl reichte, um sich auf Paragraf 27 der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) berufen zu können: „Mehr als 15 Rad Fahrende dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.“ Eine als geschlossener Verband fahrende Gruppe darf Kreuzungen stets gemeinsam überqueren, auch wenn eventuell vorhandene Ampeln währenddessen von Grün auf Rot springen. Die übrigen Verkehrsteilnehmer*innen müssen so lange warten.

Das ist kein Problem, wenn die Teilnehmerzahl einer CM gering ist. Aber schon im Mai 1998 fuhren in Berlin etwa 300 Menschen mit, was ein gewisses Aufsehen erregte und auch die Polizei auf den Plan rief. Diese folgte der Argumentation der Radfahrenden, die auf Paragraf 27 verwiesen, nicht und setzte stattdessen auf Konfrontation. Sie begleitete die CMs ab sofort mit Mannschaftsbussen, versuchte die Strecke vorzugeben, Wege zu versperren und den Zug einzukreisen. Oft genug zwang sie Teilnehmer*innen zum Anhalten und Absteigen, um die Weiterfahrt zu verhindern und Personalien aufnehmen zu können. Die Beamten konfiszierten sogar Fahrräder und verhängten Bußgelder wegen angeblicher Verkehrsverstöße.

Die Critical Mass aber ist keine angemeldete Demonstration, sondern eine spontane Veranstaltung, eine Gruppenausfahrt in der Stadt. Es gibt keine Organisator*innen. Länge, Verlauf und Ziel der Strecke stehen vorher nicht fest. Nicht selten kam es zu Verfolgungsjagden und Ausweichmanövern, bei denen die Polizei den so viel wendigeren Velonaut*innen oft hinterhersah. Es führte aber auch dazu, dass die Gruppe zersprengt wurde und viele potentielle Teilnehmer*innen abgeschreckt wurden, weil sie keine Lust auf ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei hatten; oder in den Fahrten sogar etwas Halblegales sahen. Auch der ADFC bewertete die Critical Mass lange Zeit kritisch und bewarb sie nicht.

Ab Oktober 2001 legte die Berliner CM eine mehrjährige Pause ein; erst seit Dezember 2006 wird wieder regelmäßig an jedem letzten Freitag im Monat gefahren. Zunächst traf man sich am Heinrichplatz in Kreuzberg, erst um 18, dann um 20 Uhr. Das hielt zwar Familien mit kleineren Kindern von der Teilnahme ab, lockte dafür aber die Kurierfahrerszene an, die nach der CM oft noch zu Night Rides durchstartete. Die Teilnehmerzahlen schwankten abhängig von Jahreszeit und Witterung. Im Sommer waren es nicht selten 300, in den kalten Wintermonaten dagegen bloß 50 bis 70 Teilnehmer*innen. Die CM Berlin fuhr immer weite Strecken in zügigem Tempo. Wer von Anfang bis Ende dabei sein wollte, war in zwei bis drei Stunden seine 40 Kilometer gefahren. Aussteigen tut man natürlich gern in der Nähe der eigenen Wohnung oder einer Location, in der man den Abend ausklingen lassen will.

Und dann geschah das Unerwartete. Ab Frühjahr 2013 stiegen die Teilnehmerzahlen kontinuierlich. Innerhalb von zwei Jahren wuchs die CM Berlin um das Zehnfache. Der Treffpunkt musste, um den Autoverkehr in der Oranienstraße nicht komplett zum Erliegen zu bringen, vom Heinrich- zum nahegelegenen Mariannenplatz verlegt werden. Dort befindet er sich noch heute. Unter den Mitfahrenden waren immer mehr Frauen, Gelegenheitsfahrer*innen und Kinder. Die Community öffnete sich, man hörte immer mehr Spanisch, Englisch und andere Sprachen. Alles Zufall? Nein! Zwar betonen alle Aktiven den spontanen Charakter der Veranstaltung und dass es keine Organisator*innen und Verantwortlichen gebe, aber den Tatsachen entspricht das nicht. Seit April 2014 gibt es eine offizielle Website mit Blog, dazu einen Facebook-Account mit derzeit 24.000 Followern, es wird eifrig verlinkt, gepostet und getwittert. Die Verbindungen zu anderen deutschen CMs, zur Lastenradszene, zur Fahrradsubkultur werden gepflegt. Erfahrungen werden ausgetauscht, Flyer und Aufkleber gedruckt. Mit „CriticalMaps“ wurde eine App für Nachzügler und Verlorengegangene entwickelt. Es gibt ein Diskussionsportal, auf dem Artikel und Videos zu Fahrradthemen, Verkehrspolitik und Autokritik geteilt werden. Die Entwickler, Follower und User bleiben zumeist anonym und engagieren sich natürlich ehrenamtlich. Aber hinter all dem steht doch ein überschaubares Grüppchen mal mehr, mal weniger Engagierter, die nicht nur die Veranstaltung Critical Mass bekannter machen wollen, sondern auch fürs Radfahren, wenn nicht gar für eine neue Verkehrspolitik werben. Einige verstehen sich explizit als politische Aktivist*innen, andere sind Fahrradfans, wieder andere feiern einfach nur diese „geile Party auf Rädern“. Die CM ist inzwischen so hip, dass sie sogar auf einschlägigen Portalen für Berlin-Besucher beworben wird.

CMs verfolgen keine politische Agenda, dennoch können sie als Protest gegen die Vorherrschaft des Automobils auf unseren Straßen und für eine Verkehrswende verstanden werden. Denn dass der „Normalfall“ Autoverkehr eine Zeitlang in eine (lange) Reihe fröhlicher Radfahrer*innen verwandelt wird, lässt die Utopie einer Stadt ohne motorisierten Verkehr für einige Stunden Wirklichkeit werden. Slogans, die häufig im Zusammenhang von CMs auftauchen, wie das trotzige „We are traffic!“ oder die Verbindung zur Reclaim-the-Streets-Bewegung sind Ausdruck dieses politischen Charakters, den auch die Berliner Aktiven, die sich um Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit, Aktionen und Werbung kümmern, stets betonen. 2014 fand ein Barcamp mit 25 CM-Aktiven aus mehreren Städten auf der Berliner Fahrradschau statt. Dort wurde rege diskutiert, ob und wie sich die neue Sichtbarkeit und überregionale mediale Aufmerksamkeit für politische Aktionen oder Campaigning nutzen ließe. Zugleich wurde jedoch vor einer Instrumentalisierung der CM gewarnt – die eben noch immer einer gemeinsame Ausfahrt und keine Demo ist.

Die Berliner Critical Mass jedenfalls hat in den letzten Jahren bewusst politische Zeichen gesetzt; etwa mit dem Die-in bei der CM im März 2015 an der Kochstraße/ Ecke Friedrichstraße, wo drei Tage zuvor zum dritten Mal an dieser Kreuzung eine Radfahrerin von einem rechtsabbiegenden LKW überrollt worden war. Vor allem aber wurde und wird über alle ihr zur Verfügung stehenden Kanäle informiert und geworben: etwa für den Volksentscheid Fahrrad (jetzt: Changing Cities e.V.), den jährlich stattfindenden Ride of Silence, die Sternfahrt des ADFC, Demonstrationen und Mahnwachen sowie für die Kidical Masses, die für Kinder und Familien organisiert werden.

Das Vorgehen der Berliner Polizei hat sich inzwischen geändert: Seitdem die Teilnehmerzahlen explodiert sind, begleitet sie die CM mit einer Motorradstaffel. Diese schützt die Radelnden nicht nur an Kreuzungen, sondern hilft ihnen auch bei Diskussionen mit aufgebrachten Autofahrer*innen. Doch von der Versuchung, dem bis zu 3.000 Teilnehmer*innen umfassenden Pulk Tempo und Richtung vorzugeben, können die Ordnungshüter*innen nicht immer lassen. Grund genug, Ursprung und Idee der Critical Mass stets zu erinnern – und kritisch zu bleiben.


Infos:

Die Critical Mass Berlin startet jeden letzten Freitag im Monat um 20 Uhr am Mariannenplatz. EIne kleinere CM startet an jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr am Brandenburger Tor. Wer später dazustößt, kann die CM per App orten: criticalmaps.net

Mehr Infos zur Berliner Critical Mass gibt es unter criticalmass-berlin.org 
Dort finden sich auch die Verhaltensregeln der CM.

Facebook-Seite der Critical Mass Berlin: www.facebook.com/CriticalMassBerlin

Liste aller CMs in Deutschland: itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland