Von Strand, Bergen und Wüste

Israel hat alles, was einen (Rad-)Urlaub zugleich spannend und entspannend, aufregend und erholsam machen kann: Von der Strandpromenade in Tel Aviv über die Berge Galiläas bis in die Stille der Negev-Wüste. Ein bisschen viel für einen Artikel? Stimmt! Wir versuchen es trotzdem. TEXT UND FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN.

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Leihräder am Strand von Tel Aviv

Tel Aviv. Ende Oktober, strahlender Sonnenschein, knapp 28 Grad und der Strand gute zwei Kilometer entfernt – Zeit für eine Radtour. Ich verschmähe die gut gewarteten offiziellen Leihräder der Stadt und nehme das Rad meiner Freundin Orly. Es ist rot, hat weder Gangschaltung noch Licht, dafür aber eine stattliche Acht im Vorderrad und eine schräggreifende Bremse – ein typisches Modell „Tel Aviv Alltag“. Jetzt muss ich mich nur noch an die einheimischen Regeln halten: Konsequent auf dem Gehweg fahren und Fußgänger bei Bedarf aus dem Weg klingeln. Anders als in Berlin wird das hier allerdings kommentarlos akzeptiert – vom Rentner bis zur Mutter mit Kinderwagen weicht alles aus. Schließlich weiß man, dass Radeln auf der Straße hier nicht unbedingt der Gesundheit dient. Noch nicht. Tel Aviv will Fahrradstadt werden und hat jüngst begonnen, sich ein Radwegenetz anzulegen. Auf dem Rothschild-Boulevard, der Flaniermeile der Stadt, findet sich bereits ein breiter Streifen. Allerdings wird er von Fußgängern noch nicht wirklich als Radweg wahrgenommen. Teilt man sich doch sonst stets den Platz, warum also nicht auch hier entspannt flanieren? Also fahre ich weiter langsam und habe mehr Zeit zum Beobachten: Israel ist das Land mit der weltweit höchsten Immigrantendichte. Der typische Israeli hat russische, westeuropäische oder afrikanische Wurzeln, ist streng religiös bis säkular und kleidet sich hochstylisch bis verschlunzt. Zwanzig Prozent der Israelis sind zudem Araber – wer sich für Menschen interessiert, kann hier also wirklich alles finden, und sich zudem verständigen: Die allermeisten Israelis sprechen Englisch.

Und sie haben das Glück, immer einen Strand in der Nähe zu wissen. Tel Aviv etwa liegt am Meer und mein rotes Singlespeed Marke Baumarkt bringt mich zuverlässig an die fast menschenleere Strandpromenade. Bis zum inzwischen eingemeindeten Jaffa, einer der ältesten Städte der Welt, kann man hier zum Tosen der Wellen radeln. Auf dem Rückweg gerate ich in den Karmel-Markt, wo alles von Gemüse über Gewürze und Kippas bis Tinnef angeboten wird. Ein mit seinem Gewühl arabisch anmutender Markt, auf dem man sich indes (auch als allein reisende Frau!) alles unbedrängt anschauen kann. Als es dunkel wird, radele ich zurück zum südlichen Ende des Rothschild- Boulevards und gönne mir Glück in Waffeln im Eiscafé Laggenda.

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Per Rad durchs Vogelparadies: 500 Millionen Zugvögel rasten jedes Jahr in Hula.

Yokneam. Acht Uhr morgens: Frühsport! Im Spiegel sehe ich mich selbst mit Helm und Funktionskleidung ausstaffiert. Schluss mit Alltags- und Lobbyradeln, heute steht die erste Mountainbiketour meines Lebens an. Mit meinem Gastgeber Nir, einem erschreckend durchtrainierten Triathleten, starte ich einen Rundkurs durch Israels erstes, im vergangenen Jahr von der UNESCO anerkanntes Biosphärenreservat. Einmal von der israelischen Siedlergeneration aufgeforstet, soll zumindest hier versucht werden, nicht den ganzen Wald wieder zu zersiedeln oder für intensive Landwirtschaft zu nutzen. So teilen wir unseren Weg nur mit einigen wenigen Wanderern, Mountainbikern und jeder Menge Natur mit Aussicht und Ruhe. Vier Stunden geht es auf von Römern angelegten Schotterpisten und kleinen Waldwegen voran, vorbei an Öko-Olivenfeldern mit Eulenhäuschen und freilaufenden Kühen – und ganz ohne Autos. Dann, ich gebe es zu, rolle ich mit platten Lungenflügeln auf der Terrasse aus. Wer indes nicht die norddeutsche Tiefebene in den Genen trägt und sich gerne sportelnd verausgabt, der wird hier in den weitläufigen Bergen im Süden Galiläas sein Stück Radlerglück entdecken.

Negev. Bei Sonnenaufgang trieb ich noch im Toten Meer, jetzt geht es per Mountainbike durch die Wüste. Kaum zehn Minuten von den Hotelburgen der Hautheilung Suchenden in Ein Bokek geht es hinein in die Mondlandschaft. Rechts und links der Piste schichten sich Salzsteinformationen auf. Irgendwann verlaufen sich die Anhöhen zu einer Mondlandschaft und wir machen Rast auf einer Anhöhe. Es gibt Pistazien, Datteln und Tee. Während in unserem Rücken die Sonne langsam untergeht, zieht vor unseren Augen der Mond auf und beleuchtet die Salzgewinnung an der israelisch- jordanischen Grenze. Am späteren Abend werden wir per Jeep abgeholt – schade, fürs nächste Mal wünsche ich mir eine Übernachtung im fünf Millionen Sterne Hotel.


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