Von Elchen und Hirschen

Blick vom Totten

Und jetzt downhill ins Tal: Blick vom Totten.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt ist es endlich soweit. „Da“ ruft der Fahrer und schiebt die von unserem heißen Atem beschlagenen Scheiben zur Seite. „Da“ – sehe ich nur einen dunklen Schatten, der entfernt an ein Pferd erinnert. „Das ist ein Pferd“ ruft einer meiner Mitausflügler aus dem Fond des Kleinbusses. „Das ist ein Elch“, entgegnet unser Guide. TEXT UND FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN

Zwei Minuten später stehen wir zu acht im Regen hinter dem Kleinbus und lugen vorsichtig um die Ecke. Per Fernglas wird aus dem Pferd tatsächlich ein Elch. Allerdings einer ohne Geweih. Und im schönsten Mitternachtsregen statt in der ebensolchen Sonne. Sei’s drum. Wir haben das Wahrzeichen gesehen und dürfen wieder zurück ins Hotel.

Am nächsten Tag leihen wir uns direkt neben unserer „Alpin Lodge“ Fahrräder aus. Während das ausgewachsene Hotel selbst Assoziationen an Stephen Kings „Shining“ weckt, da außer uns mitten im Sommer kein einziger Gast in den leeren Fluren weilt, wir Bar und Restaurant nie geöffnet erlebe und selbst die Rezeptionistin um 18 Uhr nach Hause geht, ist der Fahrradverleih zumindest nach unserer vorherigen Anmeldung geöffnet und rückt auch ein paar deutlich über dem normalen Leihgaloschen stehende Räder heraus. Mit ihnen machen wir uns auf den Weg zum Rjukandefossen Wasserfall. Der gemeine Norweger verbringt, so lernen wir, jede freie Minute in der Natur. Er klettert, wandert, angelt, fährt Ski und seit neuestem auch Fahrrad. Da sich Letzteres im touristischen Sommerangebot ganz gut macht, legt man zunehmend Radwege an. Für die ganz Coolen geht es dabei im Lift (samt extra Radabteil) auf den Berg und dann rasant downhill wieder ins Tal.

Dies ist ein Weg

Dies ist ein Radweg!

Für die weniger Coolen wie uns gibt es auch Trecking- und Mountainbikestrecken. Wobei diese nicht immer als solche zu erkennen sind. Man sollte schon einen ortskundigen Führer, Kompass oder guten Orientierungssinn samt Zuversicht mitbringen, dass, wo kein Weg ist, etwas mehr Wille zur Fortsetzung einer Tour nötig, aber auch ausreichend ist. Zum Ausgleich fahren sich die wenigen in die Tour integrierten Hauptverkehrsrouten entspannt. Schließlich gibt es nur fünf Millionen Norweger, von denen knapp zwei Millionen im Ballungsraum Oslo leben. Von einem besonders hohen Verkehrsaufkommen kann man hier rings um Helmsedal also beileibe nicht sprechen. Und kommt schon mal ein Auto, überholt es mit entspanntem Seitenabstand.

Rjukandefossen

Der Rjukandefossen rauscht.

Die letzten zweihundert Meter bis zum angestrebten Rjukandefossen gehen wir zu Fuß. Und schauen einen Moment ins brausende Wasser und auf zwei weitere Radfahrer, die einen anderen Zugang gewählt haben und sich nun auf einer Hängebrücke mühen, nicht Gleichgewicht und Rad an die Schlucht zu verlieren.

Dann geht es weiter Richtung Hemsedal Hjort. Gerade als wir unsere Räder auf den Hof schieben, fängt es an zu regnen. Dann zu gewittern. Und anschließend zu hageln. Wir bekommen Bier und Gespräch in Ragnhild Kvernbergs Küche angeboten. Die Norwegerin betreibt mit ihrem Mann eine Hirschfarm. Auf mehr als zehn Hektar Land laufen die Tiere das ganze Jahr über frei herum und werden zumindest im Sommer nur gelegentlich für touristische Schauzwecke zugefüttert. Etwa eineinhalb Jahre können die Jungtiere so ihr Leben genießen, bevor sie von Ragnhilds Mann geschossen werden. „Mit einem Schalldämpfer, damit die anderen Tiere nichts mitbekommen. Die grasen dann auch schlicht friedlich weiter.“

Ragnhild auf der Hirschfarm

Ragnhild auf der hirschfarm.

Für Ethikvegetarierin wie mich ein gefundenes Fressen: Auf einem Bauernhof mit Massentierhaltung aufgewachsen, esse ich seit langem kein Fleisch mehr und sehe mich nun schon mit einer echten, ehemals freilaufenden, norwegischen Hirschwurst zurück nach Berlin kommen. Ragnhild verkauft aber leider nur Frischfleisch. Und kochen geht in unserem Shining-Hotel nicht. So brechen wir nach beendetem Hagel schlicht zur Tierfütterung auf. Ragnhilds Mann verstreut aus großen Säcken Pellets auf dem Boden und wird dabei von der Herde beinahe umgestoßen. Nach der ersten Aufregung bekommen auch wir ein Eimerchen hingehalten. Und können so in der schönsten Nachmittagssonne zumindest mal eine Hirschkuh aus der Hand fressen lassen.


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