Velogista – Interview mit Oliver Kociolek

Du bist selbst Fahrradlogistiker. Was hat sich in den letzten Jahren auf den Berliner Straßen in Sachen Lastenfahrrad-Logistik getan?
Leider nicht allzu viel. Es gibt ein paar sog. Leuchttürme, wie die Linienstraße in Mitte, die mir derzeit in der Logistik aktuell wenig nützt, da ich in der letzten Zeit meistens in Schöneberg unterwegs bin. Es ist meinem Empfinden sogar eher noch schlimmer geworden, denn zunehmend sind freizuhaltende Auffahrten aber auch die Ränder von Kreuzungseinmündungen zugeparkt, so dass es nicht mehr möglich ist, die letzten Meter direkt bis vor die Haustür zu fahren, worin ja gerade der unschlagbare Vorteil bei der Auslieferung mit dem Lastenrad liegen. Manchmal mach ich mir den kleinen Spaß und ich spreche die Leute auch an, dass sie dort nicht parken dürfen, wenn ich sie dabei auf frischer Tat ertappe. Meistens sagen sie dann: „Ja, ich weiß!“ Meine Replik: „Ja, umso schlimmer!“ Einfach so, die Leute sollen wenigstens ein schlechtes Gewissen haben. Für mehr – wie Polizei holen und warten – habe ich natürlich keine Zeit.
Spannend finde ich aber ein Projekt der BSR und erwarte mir hiervon zwingend pragmatische Schützenhilfe in Form von sogenannten Transportquerungen für die Mülltonnen. Wenn die alle 20-30m in einer Straße stünden, dann brauch ich nicht über 100m über den Bürgersteig fahren, sondern weiß, dass ich dort ungehindert direkt vor die Haustür fahren kann, was mit einem Fahrrad, was es ja nunmal ist, auch erlaubt ist. Wegen meiner könnten diese Transportquerungen im kompletten Innenstandring aufgestellt werden – sollen die Leute sich kleinere Autos kaufen – oder gar komplett abschaffen, wenn sie mit ihren SUV’s nicht parken können.

Online-Handel und Lieferverkehr nimmt immer mehr zu. Welchen Vorteil hat die Belieferung per Lastenrädern gegenüber herkömmlichen Kleintransportern oder LKW?
Weniger Energieverbrauch, Zufahrt in den dritten Hinterhof möglich und v. a. Anfahrt bis direkt vor die Haustür- idealerweise eine Hand am Klingelschild, die andere am Lastenrad. Wenn ausnahmsweise Parken in der ‚zweiten Reihe‘ notwendig ist, kommen andere leichter vorbei. Wenn Autos mal kurzfristig behindert werden, habe ich offengestanden auch kein allzugroßes Problem damit :-). Gleiches Recht für alle! Bei BVG-Bussen und Müllfahrzeugen achte ich aber darauf, dass die durchkommen. Es stellt sich natürlich grundsätzlich die Frage, warum Leute es offensichtlich einfach nicht schaffen, drei Häuser weiter in den vollsortimentieren Bioladen zu gehen und dort alles selber zu erwerben. Der größte Schwachsinn ist natürlich, dass wir linksdrehendes, bei Mondlicht abgefülltes Etepetete Mineralwasser zuliefern und in den vierten Stock Hinterhof buckeln, obwohl ‚Berliner Kranenburger‘ mit eines der besten Leitungswasser einer Großstadt überhaupt ist. Welch Luxus! Und dann ist da nicht mal ein oder zwei Euro Anerkennung in Form von Trinkgeld übrig – geschweige es kommt mal ein freundliches Dankeschön, sondern wird als selbstverständlich erachtet, dass die Kisten hochgebuckelt werden. Man hat es ja schließlich bezahlt. Nur bei älteren Menschen, oder solchen die es nicht können, weil z.B. im Rollstuhl, habe ich großen Verständnis und stelle es denen sogar in die Küche. Die sind aber in der Regel sehr dankbar und schätzen dies sehr wert und bringen ihre Dankbarkeit auch ohne ein kleines Trinkgeld zum Ausdruck.

Welche Kundschaft erreicht Velogista, die andere Logistikunternehmen per Kleintransporter oder LKW nicht erreichen?
Im Grunde sind es die gleichen. Es kann aber bei einem ‚Kunden‘ – also Zulieferer – bei bestimmten Sendungen angeklickt werden, ob die sog. ‚Letzte Meile‘ mit dem Lastenrad erfolgen soll, was viele machen – oder eben nicht. Konkrete Zahlen kenne ich nicht. Bei den anderen Sachen werden die ‚Endverbraucher‘ gar nicht gefragt, sondern wir liefern halt für den entsprechenden Anbieter von Biokisten aus, die uns das gebündelt an die entsprechenden Hubs anliefern, so dass nur einmal ‚gedieselt‘ wird. Viele freuen sich aber und freuen sich, dass ihr Biogemüse noch nachhaltiger zu ihnen nach Hause kommt. Inwiefern das gewissensberuhigendes Greenwashing ist, vermag ich nicht zu sagen, aber pro Arbeitstag verhindern meine Kollegen und ich in etwa ca. 50km Auslieferung per Diesel. Damit rettet man natürlich nicht die Welt, aber es hält mich körperlich fit, ist eine guter Ausgleich zu meinen anderen Aufgaben und ich sehe was von der Stadt.

Welche Infrastruktur brauchen Lastenräder im Wirtschaftsverkehr? Wo siehst Du Schwachpunkte? Welche Benachteiligungen bestehen?
Größtes Problem erscheint wohl vernünftige und preiswerte Zwischenlagerräume (ebenerdig, Toilette, kleine Kochmöglichkeit, Duschen? im Winter mal kurz aufwärmen, oder bei Regen Wäsche trocknen/wechseln breite Zufahrt, bzw. überdacht) für weitere sogenannte Hubs zu identifizieren, um in einer größeren Fläche präsent zu sein.

In welchen Bezirken besteht besonderer Handlungsbedarf?
Aus Lastenradperspektive ganz klar das viele Kopfsteinpflaster in einigen Bezirken, z.B. Neukölln. Es heißt zwar, bei einer Asphaltierung würden Autos deutlich schneller fahren, was wohl auch der Fall ist. Aber da helfen kreativ aufgestellt Baken; sogenannte ‚Liegende Polizisten‘ und Moabiter Kissen, an denen man mit den Lastenrad vorbeikommt – oder von mir sehr favorisierte Diagonalsperren, damit nur Leute aus dem Kiez dort motorisiert fahren. Was auch immer, mehr für Lastenräder unkritische Straßenmöbel, die aber den MIV einschränken.
Manchmal stehen halt auch so unnötige Sperren im Weg, die verhindern, dass man mit dem Lastenrad durchkommt. Beispielsweise in Schöneberg zwischen Kolonnenbrücke und der Crellestraße, wo es durchaus eine veritable Abkürzung durch einen kleinen Park oder Durchwegung gäbe und das Leben eines Lastenradfahrers enorm erleichtern würde.
Es gibt sicher so einige Knotenpunkte, die kritisch sind oder generell Ampelschaltungen, bei denen man mit Tempo 20 maximal 25 immer aus dem Takt kommt und kaum endlich Schwung bekommen, wieder und ständig Rot hat, weil die halt auf Tempo 50 ausgelegt sind. Und dies trotz vorausschauendem Fahren. Aber letztlich kennt ein routinierter Fahrer die Schleichwege ohne Ampeln, auch wenn es mal etwas länger ist, aber lieber 3km durchgehend und entspannt am Stück, als 2,5 km Stop and Go bei Abgasen!
Kann ich nicht sagen, aber im Bezirk Mitte könnten so manche Dinge – auch wenn das entsprechende Bezirksamt auch in ‚grüner Hand ‚ist – durchaus schneller vonstatten gehen.  Da wünschte ich mir den Mut und die Beherztheit eines Florian Schmidts aus Kreuzberg. Hilfreich wären auch explizite Fahrradtrassen, z.B. oder andersherum, der von der BVV Friedrichshain-Kreuzberg beschlossene Plan ist gut, besser wäre es, er wäre längst umgesetzt.

Warum glaubst Du hatte es Velogista so schwer in den letzten Jahren?
Niedrige Stückpreise und gnadenloser Preiskampf in der Logistik, direkte und indirekte subventionierte Konkurrenz, sei es preiswerter Diesel, wie auch überhaupt der endlichen Ressourcen, lasche Handhabung von Regelwidrigkeiten, aber auch absolute Dumpinglöhne bei der motorisierten Konkurrenz, der freie Binnenmarkt macht ‚Outsourcing‘ möglich. Wenn die armen Kerle fern der Heimat noch im Auto schlafen müssen, weil sie gnadenlos ausgebeutet werden, gebe ich nicht ihnen die Schuld, sondern das so etwas halt möglich ist. Hinzu kommt, dass es offensichtlich keine vernünftige Software gibt, die den Radlogistiker unterstützt. Die sind vollkommen auf Autos ausgelegt und deren Routenvorschläge werden natürlich komplett ignoriert, so dass diese eher als Orientierungshilfe dienen, zumal ich nach der Zeit die meisten Stopps inzwischen kenne und folglich fast ‚blind‘ – naja eher Autopilot fahre.
Scheinbar scheinen sich die Endkunden, die Online bestellen, sich nicht den geringsten Kopf zu machen, wie die Waren zu ihnen kommen, sondern Hauptsache es geht schnell und billig.

Das Mobilitätsgesetz bearbeitet noch den Bereich Wirtschaftsverkehr. Was sind Deine Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung?
Gnadenlose und permanente Kontrolle und spürbare Sanktionen bei der motorisierten Konkurrenz  – sprich deutlich höhere Bußgelder, die z.B. dem von Schwarzfahren im ÖPNV entsprechen. Stichworte habe ich schon genannt. Das ist aber in der Zuständigkeit auf der Bundesebene und letztlich der CSU. Aber letztlich ist auch hier die Landesebene zu zaghaft, sondern es müsste mal rabiat und konsequent zweite Reihe Parken sanktioniert werden. Konzertierte Aktionen sind vonnöten, wie z.B. einfach mal radikal und permanent Abschleppen und die Karren in Brandenburg einfach mitten in die Pampa stellen, wo sich die Leute dann ihr Heilig Blechle zwischen 6 und 8 Uhr morgends ohne ÖPNV-Anbindung abholen dürfen, wg. meiner am BER, solange der nicht eröffnet ist. Das ganze mindestens zum Preis von einer halben Jahreskarte bei der BVG.

Velogista in den nächsten 5 Jahren– Wo geht der Trend hin? Kann Velogista vom Mobilitätsgesetz profitieren?
Wenn ich das wüsste, würde ich entweder selber was gründen – oder aus, bzw. absteigen.

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