Überholabstand: Mut zur Lücke

Sie haben bewiesen, was wir täglich spüren: Viel zu oft werden Radfahrende in Berlin ohne ausreichenden Sicherheitsabstand überholt. Mit einem selbstentwickelten Ultraschallsensor, der den Abstand zu überholenden Autos misst, ließen Redakteure des Berliner Tagesspiegels 100 Menschen zwei Monate durch Berlin radeln. Nebenbei befragten sie 5.000 Radfahrende zu ihrem Sicherheitsgefühl auf der Straße. Die Ergebnisse sind alarmierend. Von Nikolas Linck.

Wenn Autos nur eine Armlänge entfernt vorbeirauschen, treibt das auch geübten Radfahrerinnen und Radfahrern den Schweiß auf die Stirn. Ein Überholvorgang dauert nur den Bruchteil einer Sekunde. Was bleibt, sind der Schreck und die Gewissheit, dass ein kleiner Schlenker in diesem Moment unabsehbare Folgen gehabt hätte. Wie alltäglich solche Schreckmomente sind, zeigt die Auswertung des Projekts „Radmesser“. Mit Hilfe von selbstgebauten Ultraschallsensoren, die an 100 Rädern befestigt waren, ermittelte ein Journalistenteam des Tagesspiegels zwei Monate lang den Abstand von Autos beim Überholen von Radfahrenden. Ende 2018 veröffentlichte das Team erste Zahlen: Von 16.700 ausgewerteten Überholvorgängen war der Abstand 9.400 Mal zu knapp: Im Schnitt überholten Autofahrende häufiger als jedes zweite Mal mit weniger als 1,50 Meter Abstand – ein Wert, der in zahlreichen Gerichtsurteilen als Mindestabstand definiert worden ist. Etwa 3.000 Mal maßen die Sensoren sogar weniger als einen Meter. Mit diesen Ergebnissen hat der Tagesspiegel deutschlandweit für Aufsehen gesorgt und in Berlin eine breite Debatte angestoßen.

Die Gesamtauswertung aller gemessenen Überholvorgänge.

Farbe bietet keinen Schutz

Spitzenreiter der Straßen, auf denen am häufigsten zu eng überholt wurde, ist die Dietzgenstraße in Pankow. Hier wurde für Radfahrende ein Schutzstreifen eingerichtet. Ausgerechnet auf diesem Streifen schlugen die Sensoren der Teilnehmenden am häufigsten pro gefahrenem Kilometer Alarm. Ein Hinweis darauf, dass die gestrichelte Linie zum engen Überholen einlädt, denn im Gegensatz zum Mischverkehr steht Autofahrenden ein eigener Fahrstreifen zur Verfügung. Und so nutzen sie den Raum innerhalb der Markierungen auch bedenkenlos – ganz gleich, welchen Abstand sie dabei zum benachbarten Radverkehr einhalten. Die Trennlinie suggeriert eine Sicherheit, die es nicht gibt.

Spitzenreiter der Straßen, auf denen am häufigsten zu eng überholt wurde, ist die Dietzgenstraße in Pankow. Hier wurde für Radfahrende ein Schutzstreifen eingerichtet. Ausgerechnet auf diesem Streifen schlugen die Sensoren der Teilnehmenden am häufigsten pro gefahrenem Kilometer Alarm. Ein Hinweis darauf, dass die gestrichelte Linie zum engen Überholen einlädt, denn im Gegensatz zum Mischverkehr steht Autofahrenden ein eigener Fahrstreifen zur Verfügung. Und so nutzen sie den Raum innerhalb der Markierungen auch bedenkenlos – ganz gleich, welchen Abstand sie dabei zum benachbarten Radverkehr einhalten. Die Trennlinie suggeriert eine Sicherheit, die es nicht gibt.

Dass klassische Schutz- und Radfahrstreifen nicht vor engen Überholmanövern bewahren, zeigten auch die Messungen auf anderen Strecken. Geschützte Radfahrstreifen mit physischer Barriere gab es während des Erhebungszeitraums in Berlin noch nicht, daher gibt es keine Vergleichswerte. Zwar können auch Plastikpoller keine Kollision mit tonnenschweren Autos verhindern. Doch Poller und schraffierte Sicherheitsräume gewährleisten automatisch mehr Abstand zwischen Kraft- und Radverkehr als eine dünne Trennlinie.

Survival of the fittest

Verkehrswende geht nur, wenn alle Menschen gern aufs Fahrrad steigen – auch die Vorsichtigen und Unerfahrenen. Doch Radfahren in der Hauptstadt funktioniert nach dem Prinzip „survival of the fittest“, das Überleben der Stärkeren. Das zeigen auch die Messungen des Tagesspiegels: Je schneller die Teilnehmenden unterwegs waren und je selbstbewusster sie sich ihren Raum nahmen, indem sie ausreichend Abstand zu parkenden Autos hielten, desto seltener und weniger eng wurden sie überholt. Wer sich dagegen ängstlich an den Rand drängte oder langsam fuhr, durfte mit weniger Rücksicht der Überholenden rechnen. Die fatale Nachricht: Wer langsam und unsicher radelt, lebt gefährlicher.

Was tut die Polizei?

Wenn eine Untersuchung nahelegt, dass Autofahrende beim Überholen von Radfahrenden überall und ständig in Berlin gegen geltendes Recht verstoßen, sollte die Polizei häufiger eingreifen. Die verweist auf Anfrage jedoch auf die abstrakte Regelung zum Sicherheitsabstand in der Straßenverkehrsordnung. Sie führe dazu, dass „unter Umständen“ auch ein geringerer Abstand als 1,50 Meter genügen könne. Auf Nachfrage, wann das der Fall wäre und wie klein der Abstand dann wäre, erklärt eine Sprecherin, es wäre möglich, „dass ein Verkehrsrichter auch einen Abstand von 1,4 Meter durchaus für genügend hält, wenn bei sehr geringer eigener Geschwindigkeit ein Autofahrer ohne jegliche Behinderungs- oder gar Gefährdungsaspekte einen erwachsenen und sicher fahrenden Radfahrer bei Helligkeit und besten Wetterbedingungen in einer schmalen Straße vorsichtig überholt.“ Zehn Zentimeter Varianz – nachvollziehbarer wird die Tatenlosigkeit der Polizei durch diese Erklärung nicht. Weiter führt die Polizei an, es gebe kein vorschriftsmäßig zugelassenes Messsystem auf dem Markt. Dass so ein Gerät in Deutschland nicht erhältlich ist, während ein paar Journalisten ohne technische Ausbildung selber eines entwerfen und bauen, wirft ebenso Fragen auf wie die technische Ausstattung der Kraftfahrzeuge.

Bei mehr als vier von fünf Radfahrenden in Berlin fährt die Angst mit

Die Angst radelt mit

Ein Blick in die Unfallstatistik zeigt, dass Kollisionen zwischen Rad und Auto auf gerader Strecke höchst selten sind. Die meisten Unfälle passieren an den Kreuzungen, in aller Regel durch Abbiegefehler der Autofahrenden. Doch dass nicht allein die Statistik darüber entscheidet, ob sich die Menschen beim Radfahren wohl und sicher fühlen, zeigt eine Befragung, die der Tagesspiegel parallel zur Abstandsmessung durchführte. Kaum einer der knapp 5.000 Befragten gab an, keine Angst im Berliner Straßenverkehr zu haben. Jeder Fünfte radelt sogar mit „viel Angst“ durch Berlin. Meistgenannter Grund für die Angst ist enges Überholen. Besonders Frauen fühlen sich unsicher, während ältere Männer tendenziell weniger Angst im Nacken spüren. Sie alle erleben den Verkehr überwiegend als aggressiv. So ist es auch kein Wunder, dass knapp 70 Prozent der Befragten unzufrieden mit der Arbeit des aktuellen Senats sind. Sie wünschen sich vor allem mehr baulich getrennte Radwege, mehr Kontrollen durch die Polizei, konsequentes Abschleppen falsch parkender Autos und fahrradfreundliche Ampelregelungen. Alarmierend ist, dass mehr als jeder fünfte Befragte angab, in den letzten zwei Jahren einen Unfall gehabt zu haben. Das spricht für eine hohe Dunkelziffer, da sich diese Angaben nicht mit der Unfallstatistik der Polizei decken. Die Befragung zeigt aber auch, dass die Menschen in Berlin gern Rad fahren, trotz allen Ärgers. Die Freude am Fahren ist der meistgenannte Grund, das Fahrrad zu wählen, noch vor kurzer Reisezeit, Gesundheit, Sport und Umweltschutz.

Enges Überholen ist eine vergleichsweise seltene Unfallursache. Doch für das Sicherheitsgefühl spielt es eine große Rolle.

Selber messen?

Auf die Frage, ob man sich so einen Radmesser mal ausleihen könnte, bremst Tagesspiegel-Redakteur Hendrik Lehmann die Erwartungen. Der Sensor allein reiche nicht zum Datensammeln, ebenso würden App, Server und alle zugehörigen Programme benötigt, die das Team größtenteils selbst geschrieben habe. Den technischen Support dafür könne man auf Dauer nicht leisten. Trotzdem sei nicht ausgeschlossen, dass es in Zukunft weitere Messungen gebe, vielleicht sogar in anderen deutschen Städten – Interessenten gebe es aus Kommunalverwaltungen, Medienhäusern und von Wissenschaftlern.

Wer ein wenig technisches Geschick mitbringt, kann sich bald selber einen Radmesser bauen. Den Bauplan für den Sensor und die dazugehörige App will das Team frei verfügbar machen. Nur die Auswertung der Daten dürfte für Bastler schwer werden. Alle vom Tagesspiegel gesammelten Daten zu Überholvorgängen sind online verfügbar ¹. Wer mag, kann sie selbst nach den gewünschten Parametern filtern und eigene Auswertungen anstellen. Engagierte Journalisten haben das Problem Überholabstand ins Bewusstsein gerückt und erstmals eine Datengrundlage geschaffen. Jetzt müssen Politik und Verwaltung handeln. Gut ist Radinfrastruktur nur dann, wenn der Überholabstand mit Hilfe von Pollern und Sperrflächen gleich eingebaut ist. Und das gilt nicht nur mit Blick auf die neu zu bauenden Radwege. Genauso müssen bestehende Radstreifen, die auch in den letzten Jahren ohne ausreichend Platz zu parkenden Autos gebaut wurden, erneuert werden. Unabhängig davon darf die Polizei das Problem nicht länger ignorieren. Wenn rund die Hälfte aller Überholvorgänge gegen geltendes Recht verstößt, führt kein Weg um regelmäßige Kontrollen herum. In Kraftfahrzeuge gehören Assistenzsysteme für den seitlichen Sicherheitsabstand. Nur so kann die Angst im Nacken irgendwann der Vergangenheit angehören.

Alle Ergebnisse unter: https://interaktiv.tagesspiegel.de/radmesser

https://github.com/tagesspiegel/radmesser/tree/master/opendata

© alle Grafiken: Tagesspiegel