Im Flow

Tretroller für Erwachsene sind in Tschechien weit verbreitet und beliebt. Die flotten Flitzer haben nicht viel mit den Modellen aus Kindertagen gemein: Footbikes, wie die stylischen Roller auch genannt werden, können mit ihrer Funktionalität und Ästhetik selbst passionierte Radfahrer überzeugen. Ob in der Stadt oder auf Touren im Umland – rollern macht Spaß und trainiert nebenbei den ganzen Körper. Von Bettina Hartz.

Tomáš Ullman steht im begrünten Hof der „Raumstation“ – einer zum Coworking Space ausgebauten ehemaligen Keramikfabrik in Berlin-Moabit. Er ist Gründer und Geschäftsführer von „Flow Footbike“, einem Vertrieb von Tretrollern für Erwachsene samt Showroom und hat zur Probefahrt seiner Roller geladen.

Dazu müssen wir erstmal in den Keller, denn dort stehen die farbenfrohen und formschönen Modelle. Einzeln werden sie in den Hof hinaufgetragen, dann beginnt die Testfahrt. Gleich ist das erste Hindernis zu nehmen: eine Stufe, der Roller setzt mit dem Trittbrett auf. Anders als beim Radfahren muss beim Rollern der Abstand zum Boden bedacht werden, sonst knirscht’s und der Lack bekommt Kratzer. Der Inhaber bleibt gelassen, sagt bloß: „Wenn’s der eigene Roller ist, kann man den tapen, wie Scater das mit ihren Boards machen. Je mehr Schrunden, desto angesehener ist man. Sie zeigen, dass man ein Risikofahrer ist, der das Material nicht schont.“

Tomáš Ullman von Flow FooTBiKE mit zwei Tretrollern von MiBo vor der »Raumstation«, wo er seinen Showroom hat. © Tomáš Ullman FLOW FOOTBIKE

So ermutigt, lege ich los und fahre aus der Toreinfahrt auf die Straße. Es geht rasant. Die Leute gucken. „Wie cool ist das denn?!“, ruft ein Kind. An der Kreuzung bremse ich ab, nicht mit einem Fußhebel wie als Kind, sondern mit besten V- Brakes – und stehe sofort. Da der Schwerpunkt ziemlich weit vorn liegt, schert das Hinterrad leicht aus. Als passionierte Radfahrerin muss ich wohl noch etwas Gefühl für das neue Gefährt entwickeln.

Auch Tomáš Ullman ist überzeugter Ganzjahresradler mit Hang zu ausgedehnten Renn- und Lastenradtouren. Aber er ist auch gebürtiger Tscheche, und bei einem Besuch in seinem ehemaligen Heimatland stellte er fest, dass sich dort sehr viele Erwachsene nicht wie anderswo auf Fahrrädern fortbewegen, sondern auf Tretrollern. Deren Technik und Ästhetik hat jedoch nichts mit den aus der Kindheit bekannten Modellen zu tun. Die Tschechen fahren Rennmaschinen in elegantem Design.

 

Mit einem Footbike ist man ein rollender Flaneur und immer mitten im Geschehen: hier vor dem roten Teppich der Berlinale. © Tomáš Ullman FLOW FOOTBIKE

In Tschechien ist Rollern – oder Footbiken, wie es nun zeitgemäß heißt – schon fast Nationalsport. Mann und Frau tun es, überall. In den Städten, entlang der Flüsse, über Hügel, durch den Wald und natürlich downhill. Mit Kind und Kegel, im Urlaub und auf dem täglichen Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen. 30.000 Roller werden in Tschechien pro Jahr verkauft, bei gerade einmal 10,6 Millionen Einwohnern. Und neben dem Besitz eines eigenen Rollers gibt es nahezu überall die Möglichkeit, einen auszuleihen. Anderswo nimmt man für die Sightseeingtour ein Fahrrad, in tschechischen Städten einen Tretroller.

Wie ich heute machte auch Tomáš Ullman im Sommer 2015 eine Probefahrt und war gleich fürs Rollerfahren entflammt. Er dachte sich: Diese rollenden Wundermaschinen und den Flow, den man mit ihnen erlebt, muss ich nach Deutschland bringen. Es ging dann ziemlich schnell: Nur zwölf Monate später hatte er „Flow Footbike“ gegründet und seinen Showroom in Berlin eröffnet. Inzwischen hat er fast alle Modelle der tschechischen Hersteller MIBO, YEDOO, MASCOOT und CRUSSIS sowie einen Faltscooter der englischen Marke SWIFTY vor Ort, sodass man nicht nur Beratung bekommt, sondern auch erste Erfahrungen sammeln kann.

© Tomáš Ullman FLOW FOOTBIKE

Dass so viele Qualitätshersteller von Erwachsenentretrollern aus Tschechien kommen, ist kein Zufall. Der tschechoslowakische Skilanglaufverband suchte nach einem Trainingsgerät für den Sommer und kam so auf das Kickbike. Břéťa Michálek, der Chef von MIBO SCOOTERS, baute 1969 zusammen mit seinem Vater den ersten Rennroller. Daran erinnerte er sich, als er vor zwanzig Jahren sein Familienunternehmen mit zurzeit 15 Mitarbeitern gründete, das in dem etwa 17.000 Einwohner zählenden Rožnov pod Radhoštěm (Rosenau unter dem Radhoscht) produziert. Das Städtchen liegt idyllisch am Fuß der Beskiden, nahe bei Ostrava und der slowakischen Grenze. Auf dem Ehrenfriedhof Valašský Slavín befindet sich nicht nur das Grab des legendären Langstreckenläufers Emil Zátopek, bekannt als „tschechische Lokomotive“, sondern es gibt auch ausreichend Testrecken: Auf drei Seiten ist das 380 Meter hoch gelegene Rožnov von Wald umgeben.

 

Die selbst entwickelten Stahlrahmen von MIBO werden in Handarbeit gefertigt, ebenso einige der Komponenten, etwa die Schutzbleche. Pro Jahr werden 2.500 Roller produziert, und mehr sollen es auch erst mal nicht werden, denn die Firma setzt auf Qualität statt Quantität. Jeder Rahmen durchläuft eine mehrstufige Kontrolle, die Anforderungen sind hoch: Anders als beim Fahrrad, dessen Trapezrahmen sich aus zwei Dreiecken zusammensetzt, ist das Rahmenschema bei einem Roller offen, was schon bei normaler Belastung eine statische Herausforderung ist. Die Roller werden aber nicht nur bei Renn- und Alltagsfahrten, sondern auch für den Downhill-Sport eingesetzt – zu Testfahrten lädt der benachbarte Berg Radhošt mit seinen 1.192 Metern ein.

Die Rollerbegeisterung hat in Tschechien eine lange Tradition – allerdings haben moderne Footbikes, Tschechisch »Kolobĕžka«, mit den »Rennrollern« von 1975 technisch wie ästhetisch nicht mehr viel gemein. FLOW © Archiv Jiří Beyček

Der Prager Hersteller YEDOO hat seinen Namen vom tschechischen „Jeduuuuuuu!“, einem Ruf, den der rollerfahrende Tscheche angeblich bei rasanter Fahrt ausstößt. Die YEDOO-Rahmen sind zwar nicht aus Stahl und werden auch nicht in Tschechien, sondern in Fernost gefertigt, bestechen aber durch ihr herausragendes Design. Ein Modell der 2016 auf den Markt gebrachte Alloy-Reihe gewann den „Red Dot Award“ für das beste Produkt-Design.

 


FLOW FOOTBIKE
Tomáš Ullman, c/o Raumstation Stendaler Straße 4, 10559 Berlin-Moabit
mobil: +49 (0)176 220 333 67 flow-footbike.de

TRETROLLER-MACHT-SPASS
Beate Jahn Odilostr. 16, 13467 Berlin tmsjahn@arcor.de
Tel.: +49 (0)58901637 mobil: +49 (0)177/688 46 58
Tag der offenen Tür am 2. Juni 2018 von 10 bis 18 Uhr

TRETROLLER-MAGAzIN
tretroller-magazin.de


Auch ich habe mich für einen YEDOO entschieden, das Modell FRIDAY, das sich aber auch an allen anderen Wochentagen gut fährt. Schon nach kurzer Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich nur noch rollern und keinen Schritt mehr gehen will. Der Roller ist zur Hand – also rollere ich, selbst wenn es nur ein paar Meter sind. Mit einem Satz bin ich auf dem Trittbrett und wieder herunter und selbst in Menschenmengen so unbeschwert agil, dass es erstaunt, dass nicht längst alle rollern.

Eine Stadt wie Berlin mit ihrem ausgeprägten Kiezbewusstsein, also meist moderatem Bewegungsradius, und dem flachen Land drum herum ist prädestiniert fürs Rollern: Man ist mindestens doppelt so schnell wie zu Fuß und ein faltbarer Roller lässt sich einfach zusammenklappen und als kostenloses Gepäckstück in Bahn oder Bus mitnehmen: Ride and footbike!

Die Autorin mit Kind (5 Monate) und Roller im Kiez unterwegs. Auch für die wiedergewinnung der Fitness nach Schwangerschaft und Geburt ist Rollerfahren perfekt. © privat

Und mein kleiner Roller ist ein Wunder an Komfort. Die Lenkergriffe ergonomisch, das Gewicht so gering, dass ich ihn leicht in die Wohnung tragen kann, Luftreifen und Felgen sorgen für gute Dämpfung, die Bremsen sind top. Dazu ist er wartungsarm, da er weder Kette noch Schaltung besitzt. An den geringen Bodenabstand unterhalb des Trittbretts habe ich mich schnell gewöhnt, ich springe entweder mit dem Roller wie mit einem Board, oder ich mache einen Schlenker und umfahre so eine zu hohe Kante.

Wie auch sonstige Hindernisse, Fußgänger etwa. Das Verhältnis zu Gehenden – auf dem Rad oft schwierig – ist jetzt geradezu herzlich! Da Anhalten und Anfahren integraler Bestandteil des Rollerns sind, ist man immer wieder mit einem Fuß auf dem Boden. Deshalb nervt das Stop-and-Go nicht wie beim Radfahren, bei dem man jedes Bremsen, Anhalten oder gar Absteigen innerlich verflucht. Beim Wechsel von Fahren zu Gehen bleibt man gelassen, ist man doch gewissermaßen selbst ein Passant, wenn auch ein rollender. Selbst das kleinste Gefälle schenkt wundervolle Abfahrten, ich kann Stadt und Leute betrachten, flaniere auf Rädern. Kein Wunder, dass Firmen mit weitläufigem Betriebsgelände ihren Mitarbeitern Tretroller zur Verfügung stellen. Damit werden nicht nur die Wegzeiten verkürzt – wer rollert, ist auch herrlich entspannt.

© Tomáš Ullman FLOW FOOTBIKE

Ich gebe zu: Bergauf kann es ganz schön anstrengend werden, ebenso wie über längere Distanzen auch. Der Schweiß läuft. Das Rollern scheint mir eher geeignet für Frühling und Herbst als für den Hochsommer. Unebenheiten und verschiedene Untergründe sind eins zu eins zu spüren. Asphalt, Kopfsteinpflaster, Kies- oder Sandweg, Pfützen: Es spritzt und staubt die Beine hinauf. Ja, und jedes Gepäck muss man tragen, statt es wie beim Fahrrad an Rahmen oder Gepäckträger hängen. Aber genug des Gejammers: Wie viel mehr setze ich auf dem Roller den Körper ein, trainiere nicht nur Waden und Oberschenkel, sondern auch Arme und Schultern, Po und Bauch. Rollern ist Poweryoga auf Rädern!

 

Meiner Erkenntnis, dass Footbiken eine ganzheitliche Bewegung verlangt, stimmt Beate Jahn sofort zu. Auch sie ist eine rollerbegeisterte Berlinerin. Seit einigen Jahren hat sie einen Tretroller-Shop in der Odilostraße in Hermsdorf, eine Trainer-Lizenz im Tretroller-Sport und bietet neben Beratung und Verkauf Kurse für Roller-Einsteiger und Reha-Patienten an. Denn das Rollern ist nicht nur schnell erlernbar, sondern auch gut für die ganzkörperliche Fitness und ideal zum Abnehmen – bei gleicher Intensität ist der Kalorienverbrauch viermal so hoch wie beim Radfahren. Gleichzeitig belastet es, anders als Joggen, kaum die Gelenke, beugt der Verkürzung von Muskeln und Sehnen in Armen und Beinen sowie einem krummen Rücken vor und trainiert die kleinen Muskeln, etwa im Bereich der Kniegelenke – ideal für Patienten nach Hüft- und Knie-Operationen. Für sie gibt es spezielle Tretroller mit Sitz, die dabei helfen, sich wieder langsam an die Bewegung zu gewöhnen und den Gleichgewichtssinn zu trainieren. Bei Beate Jahn kann man sie ausleihen.

© Tomáš Ullman FLOW FOOTBIKE

Für neugierig Gewordene bietet sie Trainingskurse und Touren an. Ein wenig Technik kann bei größerem Ehrgeiz helfen. Denn sportliches Rollern geschieht nicht in aufrechter Position, sondern mit ganzem Körpereinsatz: Nachdem sich das Bein vom Boden gelöst hat, wird es nach hinten gestreckt, der Oberkörper geht gleichfalls in die Waagerechte, dann ziehen die Arme den Körper wieder in eine aufrechte Position, das Spielbein greift nach vorn aus, und der Fuß stößt sich erneut vom Boden ab. Stand- und Spielbein werden in regelmäßigem Abstand gewechselt, um eine einseitige Belastung zu verhindern. Die – was der Unerfahrene nicht vermutet – auf dem Standbein höher ist als auf dem Bein, das sich bewegt. Die Brust wird geweitet, der Brustkorb gelüftet, die Atmung vertieft, das Lungenvolumen vergrößert. Footbiken ist der perfekte Ausgleichssport für alle, die zu viel sitzen.

Auch den ehemaligen Lehrer und Extremlangläufer Peter Bartel hat das überzeugt. Er ist 77 Jahre alt und begeisterter Kickbiker, wie die sportlichere Variante des Rollerns heißt. Zweimal die Woche trainiert er Schnelligkeit und Kondition mit einem Footbike. Gern auf dem Berliner Mauerweg. Und freut sich, wenn die Kinder ihm hinterherrufen: „Kiek ma da, den Opa mit’n Rolla!“

Ja, und manchmal nehmen Kickbiker sogar an weltberühmten Radrennen teil. Durch die Alpen. Bei der 100. Tour de France 2013 waren sie dabei. Und auch beim 100. Giro d’Italia rollerten sieben – na? Na klar, sieben „tschechische Lokomotiven“.

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