Thüringen: Kamm drüber

Drei Flüsse und ein Kraftakt – eine Tour zwischen Weinbergen und Thüringer Highlights. Von Stefan Jacobs.

Eine Expedition ins Tierreich: Begegnung im Unstrut-Tal.

Mit Fernreisen ist es gerade schlecht, aber etwas Abwechslung am Horizont sollte allemal möglich sein: Zum Beispiel mit einer Tour durch Thüringen, wohin man samt Rad mit dem Zug von Berlin in knapp zwei Stunden kommt und ernst zu nehmende Berge erleben kann. Und eine ebenso ernst zu nehmende Weingegend, wenn man schon kurz vorher aussteigt – in Naumburg, wo die Unstrut in die Saale mündet und eine vom Krieg verschonte bunte Altstadt sich um einen 800 Jahre alten Weltkulturerbe-Dom gruppiert.

Durch ein weites Tal geht’s an die Unstrut, wo vom Gipfel eines steilen Weinbergs Schloss Neuenburg mit seinem Ziegeldach grüßt. Es gehört zu Freyburg, der Heimat von Rotkäppchen, einer der erfolgreichsten Ostdeutschen. Am Fuße der Sektstadt reihen sich Weinlokale entlang der Uferstraße – schlicht, aber gemütlich. Wären wir die Tour anders herum gefahren, könnten wir’s jetzt krachen lassen. Aber die Route macht auch nüchtern Spaß: Die Hänge mit den Reben werden bald von flacheren Hügeln abgelöst, zwischen denen wir der Unstrut mal rechts und mal links stromaufwärts folgen. Der meist separat geführte, beschilderte Weg ist schmal, aber gut zu fahren. Und er erschließt beachtliche Sehenswürdigkeiten: Schloss Burgscheidungen mit seinem Barockgarten beispielsweise und Kloster Memleben mit bunten Blumenbeeten zwischen uralten Mauern. Und zwischendurch Nebra, wo 1999 eine goldverzierte Himmelsscheibe aus der Bronzezeit gefunden wurde. Die Sensation wurde ins Landesmuseum nach Halle verfrachtet, aber hier haben sie ihr ein Planetarium gebaut, das schon wegen seiner Hülle in Gestalt eines goldenen Fernglases den kurzen Abstecher lohnt.

Zwei Dörfer weiter beginnt Thüringen. Die Unstrut schlängelt sich durch grüne Wiesen, aber den Wäldern in der Ferne ist anzusehen, dass es seit Jahren zu wenig regnet. Genau genommen war es 2018 nirgends sonst in Deutschland so trocken wie an der Messstation Artern an der Unstrut. Das hat auch mit der Lage des Städtchens zwischen mehreren Höhenzügen zu tun. Hinter dem ersten liegt unser Quartier, die Wasserburg Heldrungen, die Jugendherberge und Hauptsehenswürdigkeit des Ortes zugleich ist. Das ist praktisch für die schaurig-heitere Burgführung am nächsten Morgen.
Nachdem wir Folterkeller, Dünnbierbrunnen und Geheimgänge erkundet haben, radeln wir an der Unstrut südwärts bis nach Sömmerda, wo wir den Fluss in zunehmend hügelige Gefilde verlassen. Stille Dörfer und Obstbäume säumen den Laura-Radweg, dessen Namensgeberin eine Kleinbahn war. Die Orientierung ist leicht dank Beschilderung und einem Bikeline-Spiralo, in dem außer der Laura auch der Ilmtal- und der Gera-Radweg dokumentiert sind – und damit fast der komplette Rest unserer fünftägigen Tour.

Vor Weimar steigt das Gelände noch einmal an, bevor es flott abwärts geht bis ins Zentrum der Stadt, die mit ihrem enormen Kulturangebot – Goethe, Schiller, Nationaltheater, Bauhaus – größer wirkt, als sie mit ihren 65.000 Einwohnern ist. Voller Eindrücke verlassen wir sie am nächsten Morgen durch den Park an der Ilm, vorbei an Goethes Gartenhaus und hinein ins wahre Thüringen. Also das mit den richtigen Bergen und dem Wald. Der Ilmtal-Radweg ist reizvoll durch Wiesen und Dörfer geführt und perfekt zu fahren. Das häufige, aber nicht brutale Auf und Ab wird mit immer neuen Aussichten belohnt; oft ist der Horizont mit einer Burg dekoriert. In Kleinhettstedt erkunden wir die Mühle, ein vierstöckiges Fachwerkwunder mit durchgehendem Rohr- und Maschinensystem. Dank dem Engagement des Chefs hat das Ensemble die Wende überstanden.

Hinter Ilmenau wird es ernst: Die Etappe ist nicht lang, aber unser Ziel liegt jenseits des Rennsteigs. Der berühmte Kammweg des Thüringer Waldes verläuft auf etwa 850 Metern irgendwo auf der Oberkante dieses dunkelgrünen Bergpanoramas, das sich am Horizont vor uns auftut. Die Trinkflaschen sind gefüllt, die Zwiebelkleidung sitzt, die Spannung steigt – und das Gelände auch. War dieses Projekt eine gute Idee für Menschen, denen sonst schon auf den Müggelbergen die Zunge raushängt?
Ja, war es, wie sich hinter Langewiesen erweist, wo wir auf den Weg Richtung Kamm einbiegen. Ein makelloses Asphaltband auf einer ehemaligen Bahntrasse, das in steter, aber gut schaffbarer Steigung aufwärts führt. Fichten spenden Schatten und lassen hin und wieder Lücken für einen Blick ins Tal zur Erfolgskontrolle.
Während wir immer noch mit dem Schlimmsten rechnen, haben wir es schon hinter uns – und sind auf dem Kamm. Wir haben die Wahl zwischen einer breiten Landstraße und dem gekiesten Rennsteig-Radweg, der sich durch die Fichtenwälder windet, die hier oben noch intakt wirken.

Die letzte Etappe beginnt mit einer morgendlichen Erwärmung auf dem Weg über den Kamm, von dem aus es steil und kurvig abwärts nach Norden geht. In Elgersburg mit seinem trutzigen Schloss öffnet sich das Bergland zu sanften Hügeln, zwischen denen die Gera plätschert. Es ist eine liebliche, grüne Landschaft, durch die wir flott nach Arnstadt kommen. Die älteste Stadt Thüringens überrascht mit prächtigen Häuserzeilen und dem einsamen Turm eines nur noch in Umrissen vorhandenen Renaissanceschlosses. Gegenüber dem knallroten Rathaus lümmelt als lebensgroße Bronzeplastik der 18-jährige Johann Sebastian Bach, der hier seine erste Organistenstelle antrat.

Während hinter uns die Silhouette des Thüringer Waldes im Dunst verschwindet, nahen die Ausläufer von Erfurt. Durch einen Grünzug gelangen wir stressfrei bis zum Hauptbahnhof der sehenswerten, aber mit ihren vielen Straßenbahnschienen etwas knifflig zu erradelnden Landeshauptstadt. Wir stellen fest, dass Sightseeing auch schiebend möglich ist, bevor wir in den Zug zurück nach Berlin steigen, zufrieden und ohne Kater – weder im Kopf noch in den Muskeln.

Highlight: Das Dörfchen Azzzunah am Rennsteig.

Mit Fernreisen ist es gerade schlecht, aber etwas Abwechslung am Horizont sollte allemal möglich sein: Zum Beispiel mit einer Tour durch Thüringen, wohin man samt Rad mit dem Zug von Berlin in knapp zwei Stunden kommt und ernst zu nehmende Berge erleben kann. Und eine ebenso ernst zu nehmende Weingegend, wenn man schon kurz vorher aussteigt – in Naumburg, wo die Unstrut in die Saale mündet und eine vom Krieg verschonte bunte Altstadt sich um einen 800 Jahre alten Weltkulturerbe-Dom gruppiert.

Durch ein weites Tal geht’s an die Unstrut, wo vom Gipfel eines steilen Weinbergs Schloss Neuenburg mit seinem Ziegeldach grüßt. Es gehört zu Freyburg, der Heimat von Rotkäppchen, einer der erfolgreichsten Ostdeutschen. Am Fuße der Sektstadt reihen sich Weinlokale entlang der Uferstraße – schlicht, aber gemütlich. Wären wir die Tour anders herum gefahren, könnten wir’s jetzt krachen lassen. Aber die Route macht auch nüchtern Spaß: Die Hänge mit den Reben werden bald von flacheren Hügeln abgelöst, zwischen denen wir der Unstrut mal rechts und mal links stromaufwärts folgen. Der meist separat geführte, beschilderte Weg ist schmal, aber gut zu fahren. Und er erschließt beachtliche Sehenswürdigkeiten: Schloss Burgscheidungen mit seinem Barockgarten beispielsweise und Kloster Memleben mit bunten Blumenbeeten zwischen uralten Mauern. Und zwischendurch Nebra, wo 1999 eine goldverzierte Himmelsscheibe aus der Bronzezeit gefunden wurde. Die Sensation wurde ins Landesmuseum nach Halle verfrachtet, aber hier haben sie ihr ein Planetarium gebaut, das schon wegen seiner Hülle in Gestalt eines goldenen Fernglases den kurzen Abstecher lohnt.

Zwei Dörfer weiter beginnt Thüringen. Die Unstrut schlängelt sich durch grüne Wiesen, aber den Wäldern in der Ferne ist anzusehen, dass es seit Jahren zu wenig regnet. Genau genommen war es 2018 nirgends sonst in Deutschland so trocken wie an der Messstation Artern an der Unstrut. Das hat auch mit der Lage des Städtchens zwischen mehreren Höhenzügen zu tun. Hinter dem ersten liegt unser Quartier, die Wasserburg Heldrungen, die Jugendherberge und Hauptsehenswürdigkeit des Ortes zugleich ist. Das ist praktisch für die schaurig-heitere Burgführung am nächsten Morgen.
Nachdem wir Folterkeller, Dünnbierbrunnen und Geheimgänge erkundet haben, radeln wir an der Unstrut südwärts bis nach Sömmerda, wo wir den Fluss in zunehmend hügelige Gefilde verlassen. Stille Dörfer und Obstbäume säumen den Laura-Radweg, dessen Namensgeberin eine Kleinbahn war. Die Orientierung ist leicht dank Beschilderung und einem Bikeline-Spiralo, in dem außer der Laura auch der Ilmtal- und der Gera-Radweg dokumentiert sind – und damit fast der komplette Rest unserer fünftägigen Tour.

Vor Weimar steigt das Gelände noch einmal an, bevor es flott abwärts geht bis ins Zentrum der Stadt, die mit ihrem enormen Kulturangebot – Goethe, Schiller, Nationaltheater, Bauhaus – größer wirkt, als sie mit ihren 65.000 Einwohnern ist. Voller Eindrücke verlassen wir sie am nächsten Morgen durch den Park an der Ilm, vorbei an Goethes Gartenhaus und hinein ins wahre Thüringen. Also das mit den richtigen Bergen und dem Wald. Der Ilmtal-Radweg ist reizvoll durch Wiesen und Dörfer geführt und perfekt zu fahren. Das häufige, aber nicht brutale Auf und Ab wird mit immer neuen Aussichten belohnt; oft ist der Horizont mit einer Burg dekoriert. In Kleinhettstedt erkunden wir die Mühle, ein vierstöckiges Fachwerkwunder mit durchgehendem Rohr- und Maschinensystem. Dank dem Engagement des Chefs hat das Ensemble die Wende überstanden.

Hinter Ilmenau wird es ernst: Die Etappe ist nicht lang, aber unser Ziel liegt jenseits des Rennsteigs. Der berühmte Kammweg des Thüringer Waldes verläuft auf etwa 850 Metern irgendwo auf der Oberkante dieses dunkelgrünen Bergpanoramas, das sich am Horizont vor uns auftut. Die Trinkflaschen sind gefüllt, die Zwiebelkleidung sitzt, die Spannung steigt – und das Gelände auch. War dieses Projekt eine gute Idee für Menschen, denen sonst schon auf den Müggelbergen die Zunge raushängt?
Ja, war es, wie sich hinter Langewiesen erweist, wo wir auf den Weg Richtung Kamm einbiegen. Ein makelloses Asphaltband auf einer ehemaligen Bahntrasse, das in steter, aber gut schaffbarer Steigung aufwärts führt. Fichten spenden Schatten und lassen hin und wieder Lücken für einen Blick ins Tal zur Erfolgskontrolle.
Während wir immer noch mit dem Schlimmsten rechnen, haben wir es schon hinter uns – und sind auf dem Kamm. Wir haben die Wahl zwischen einer breiten Landstraße und dem gekiesten Rennsteig-Radweg, der sich durch die Fichtenwälder windet, die hier oben noch intakt wirken.

Die letzte Etappe beginnt mit einer morgendlichen Erwärmung auf dem Weg über den Kamm, von dem aus es steil und kurvig abwärts nach Norden geht. In Elgersburg mit seinem trutzigen Schloss öffnet sich das Bergland zu sanften Hügeln, zwischen denen die Gera plätschert. Es ist eine liebliche, grüne Landschaft, durch die wir flott nach Arnstadt kommen. Die älteste Stadt Thüringens überrascht mit prächtigen Häuserzeilen und dem einsamen Turm eines nur noch in Umrissen vorhandenen Renaissanceschlosses. Gegenüber dem knallroten Rathaus lümmelt als lebensgroße Bronzeplastik der 18-jährige Johann Sebastian Bach, der hier seine erste Organistenstelle antrat.

Während hinter uns die Silhouette des Thüringer Waldes im Dunst verschwindet, nahen die Ausläufer von Erfurt. Durch einen Grünzug gelangen wir stressfrei bis zum Hauptbahnhof der sehenswerten, aber mit ihren vielen Straßenbahnschienen etwas knifflig zu erradelnden Landeshauptstadt. Wir stellen fest, dass Sightseeing auch schiebend möglich ist, bevor wir in den Zug zurück nach Berlin steigen, zufrieden und ohne Kater – weder im Kopf noch in den Muskeln.

Etappen: