Schrott am Rad – Interview mit Ernst Brust

Portrait Ernst Brust

Ernst Brust. Foto: Velotech

Eine Mutter schrieb mir unlängst, ihr Sohn läge gerade im Krankenhaus – die Federgabel sei bei voller Fahrt gebrochen, eine Unfallvermeidung deshalb unmöglich gewesen. Kurz darauf traf ich eine gute Freundin. Sie hinkte, konnte die Ellenbogen kaum bewegen und hatte ein gewaltiges Hämatom am rechten Auge: Die Sattelschraube ihres zwei Jahre alten, im Fachhandel gekauften Rades war bei voller Fahrt gebrochen. VON KERSTIN E. FINKELSTEIN


Wird in der Presse von »Alleinunfällen« der Radfahrer gesprochen, stellt man sich gerne einen unfähigen Pedaleur vor, der selbst gegen den Baum fährt. Dass hinter einem solchen Geschehen jedoch sehr wohl Fremdeinwirkung stecken kann, findet kaum Erwähnung. Die radzeit möchte der Frage nachgehen, ob hier in Wirklichkeit eine ausgewachsene Aufgabe für das Verbraucherschutzministerium wartet – oder das Verschulden hauptsächlich bei nachlässigen Werkstätten oder an falscher Ecke sparenden Kunden liegt.

Hier zunächst ein Interview mit Ernst Brust, dem Geschäftsführer der Velotech. Das Schweinfurter Unternehmen bietet Herstellern von Fahrrädern und einzelnen Komponenten einen Prüfservice auf Basis höchster Sicherheitsstandards an.

radzeit: Wie kann man sich einen Prüfvorgang in Ihrem Haus vorstellen?
Ernst Brunst: Die Prüfung richtet sich individuell nach Anforderung des Kunden und versucht möglichst realitätsnah Schwächen oder gar fehlerhafte Konstruktionen eines Produkts aufzudecken. Hierfür werden meist speziell entwickelte Prüfstände verwendet, wobei Kräfte eingeleitet werden, die entweder vom Kunden vorgegeben sind oder durch jahrelange Erfahrung empirisch verifizierbar sind. Es gibt auch entsprechende Normen und Gremien, in denen Messverfahren und Messgrößen festgelegt werden.

Die Velotech bietet Unternehmen freiwillige Prüfungen an – gesetzliche Vorgaben gibt es in Deutschland hingegen nicht. Ist es nicht gefährlich, dass jeder irgendetwas herstellen kann, das rollt, und »Fahrrad« drauf schreibt? Und wäre ein TÜV deshalb nicht sinnvoll?
Gesetzliche Vorgaben gibt es in diesem Sinne nicht. Trotzdem gibt es Normen, die Anforderungen an die Fahrräder und die entsprechenden Einzelteile stellen. Ein Hersteller geht alleine schon aufgrund des Produkthaftungsgesetzes die Pflicht ein, dass sein Produkt die Mindestanforderungen erfüllt. Trotzdem ist es natürlich gefährlich, dass bei Fahrrädern nicht die gleichen strengen gesetzlichen Richtlinien wie in der Automobilbranche gelten. Gerade im Zuge der Revolution durch Elektroräder wäre es sehr sinnvoll, dass eine wesentlich genauere Produktüberwachung und auch Einführungskontrolle stattfinden würde. In Zukunft wäre daher ein TÜV vermutlich schon sehr sinnvoll. Denn auch ein Radfahrer ist ein Verkehrsteilnehmer am öffentlichen Verkehr. In diesem Falle kann man definitiv sagen: Sicherer ist immer besser, und ein TÜV wäre sicherer.

Wie viele Unfälle geschehen in Deutschland etwa jährlich auf Grund von Materialermüdung/-schäden?
Es ist unmöglich, eine qualifizierte Aussage über die Anzahl der Unfälle aufgrund von Materialermüdung  zutreffen. Es gilt zu beachten, dass die Dunkelziffer an kleineren Zwischenfällen unabsehbar hoch ist. Wer meldet schon jeden kleinen Zwischenfall, wo nicht viel passiert ist? Gerade im Billigsegment macht sich der Endverbraucher oft keine Mühe mehr und entsorgt das Produkt einfach. Deshalb kann ich zu dieser Frage keine seriösen Angaben machen.

Wer ist für diese Unfälle verantwortlich? Hersteller, Händler, Radfahrer…?
Die Verantwortung richtet sich natürlich stets nach dem Hergang eines Zwischenfalls. Der Händler ist beispielsweise in der Verantwortungspflicht, wenn er ein nicht sauber gewartetes Rad verkauft . Es ist gut denkbar, dass der Bremssattel (eine Achsmutter) nicht korrekt festgeschraubt wurde oder ein Rad mit lockerem Lenker verkauft wird. In diesem Fall ist der Händler verantwortlich. Gibt es hingegen grundsätzliche Mängel an der Konstruktion und es kommt aufgrund dessen zu Zwischenfällen, so hat der Hersteller Schuld. Denkbar wären hier Rahmenbrüche an stets gleichen Stellen oder zu geringe Wärmestandfestigkeit bei Bremsen. Wartet der Endverbraucher hingegen das Fahrrad nicht korrekt oder gar nicht und fährt beispielsweise mit komplett verschlissenen Bremsbelägen oder verwendet das Produkt völlig falsch (etwa ein Rennrad zum Downhill fahren), so ist er selbst für mögliches Versagen verantwortlich.

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Qualitätsmängel – Verschleißteil Federgabel? Foto: Kerstin E. Finkelstein

Wie sieht es mit der Haftung für Schäden aus?
Diese Frage lässt sich wohl pauschal nicht beantworten. Es ist ähnlich wie bei der Verantwortung – die Frage einer Haftung muss entsprechend individuell von Gerichten geklärt werden.

Wie kann sich ein Radfahrer am besten gegen solche Unfälle schützen?
Einen kompletten Schutz gibt es für den Radfahrer (wie auch für den Autofahrer) nicht. Es beginnt schon mit der Wahl des Produkts: Ein gutes Rad muss nicht unbedingt enorm teuer sein, doch es gilt zu bedenken, dass Qualität ihren Preis hat. Ein Qualitätsprodukt erwirbt man nach wie vor am besten bei einem gut ausgebildeten Fachhändler. Doch dies ist nur ein Teil eines Schutzes. Ein Rad muss auch regelmäßig gewartet werden, auf Beschädigungen überprüft werden und Verschleißteile gegebenenfalls getauscht werden. Kennt man sich selber nicht mit der Technik aus, sollte man die angebotenen Wartungsintervalle des Fachhändlers in Anspruch nehmen. Diese richten sich nach Produkt, Fahrweise und Anwendungsgebiet. Das kann unter Umständen jedes Jahr einmal sein, oder auch jedes halbe Jahr. Bei Rädern im harten Einsatz auch häufiger.

Viele Radteile haben lediglich eine Garantie von ein oder zwei Jahren. Ist es unredlich, so etwas überhaupt herzustellen? Bei elektronischen Geräten sind diese Sollbruchstellen inzwischen ja zu Recht in Verruf geraten.
Nun, was heißt unredlich? Man versucht in der Fahrradbranche oft, das Gewicht zu reduzieren und trotzdem noch ein haltbares Produkt zu erhalten. Weniger Materialeinsatz und mehr Haltbarkeit ist eine enorme Herausforderung an die Hersteller. Es gilt zu beachten, dass ein Fahrrad enorm viele mechanische Verschleißteile enthält – und eine Garantie deckt ja stets nur Schäden ab, die auf fehlerhafte Herstellung und nicht auf Verschleiß zurückzuführen sind. Bei einem regelmäßig gebrauchten Fahrrad hält eine Kette beispielsweise bei weitem kein ganzes Jahr durch. Von daher würde ich hier nicht von unredlichen Herstellungsverfahren oder gar Sollbruchstellen reden. Die meisten Hersteller sind vermutlich schon sehr bemüht, ein möglichst haltbares Produkt in den Markt einzuführen.

Was sollte man im Falle eines Unfalles tun? Gibt es eine Chance auf Schadenersatz? An wen sollte man sich zur gerichtsfesten Schadensaufnahme am besten wenden?
Wie bei allen Unfallsituationen gilt zunächst: Ruhe bewahren. Menschlicher Schaden ist stets gravierender als ein paar kaputt gegangene Teile.  Chance auf Schadensersatz besteht grundsätzlich schon. Doch auch dies lässt sich pauschal nicht beantworten. Wer aus Unachtsamkeit mit seinem Rad gegen einen Baum fährt, kann kaum Schadensersatz geltend machen, da dies Eigenverschulden ist. Ansonsten ist es stets sinnvoll, wenn man Hoffnung auf Schadensersatz hat, sich an einen unabhängigen Gutachter zu wenden. Gutachter finden sich u.a. hier: bernd.sluka.de/Fahrrad/sv/Sachverstand
Der ADFC setzt sich auch für Verbraucherschutz ein. Siehe dazu jüngst den Hinweis auf eine Rückrufaktion von Humpert-Vorbauten (adfc.de/news/archiv-news-2014/humpert-ruft -vorbauten-zurueck)

Haben Sie selbst Erfahrungen mit dem Thema? Und hatten zum Beispiel schon einmal einen Unfall auf Grund von Materialermüdung? Wie haben Sie reagiert? Sind Sie sogar vor Gericht gezogen? Oder sind Sie vielleicht selbst Fahrradhändler oder Komponentenhersteller und haben Ihre ganz eigene Meinung zum Thema? Schreiben Sie uns! redaktion@adfc-berlin.de, www.adfc.de/schadensmeldung/schaden-melden


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