Radkulturschock

2014-04-30_Radzeit 03_Seite_17_Bild_0001 Seit vier Jahren lebt Marco Martinez Rivas in Berlin und erinnert sich noch gut an seinen ersten Polizeikontakt. „Das war ein Kulturschock: Ein Polizist stand da mit ausgestrecktem Arm und wollte mein Rad kontrollieren.“ TEXT VON KERSTIN E. FINKELSTEIN, FOTOS VON MARCO MARTINEZ RIVAS.

2014-04-30_Radzeit 03_Seite_17_Bild_0003Der Mexikaner lachte, überlegte dann aber blitzschnell, hier ja in Deutschland zu sein, und übergab dem Uniformierten weisungsgemäß sein Gefährt. „Ich habe nur ein bisschen mit dem Polizisten geflachst, aber mich zurückgehalten, was auch ganz gut war. Ein Freund von mir aus Kuba hat in der gleichen Situation nicht aufgehört zu kichern und wurde daraufhin zum Drogentest gebracht.“ Überaus komisch fand der Lateinamerikaner die Kontrolle, weil in Mexiko die Radverkehrsregeln ein wenig anders ausgelegt werden. Genau genommen gibt es keine – und deshalb auch keine Kontrollen. „Ich bin in Mexiko Stadt immer entgegen der Fahrtrichtung gefahren.“ Aus Sicherheitsgründen, versteht sich. „So kann ich den Fahrer sehen und weiß, was er als nächstes macht. Auch er nimmt mich als Hindernis wahr und fährt vorsichtiger.“ Radspuren oder -wege gibt es natürlich nicht, „aber2014-04-30_Radzeit 03_Seite_17_Bild_0005 meine deutsche Freundin hat mal versucht, rechts auf der Fahrbahn zu radeln. Da sie eine Frau und sogar blond war, hat sie überlebt, war aber anschließend völlig fertig von den 20 Zentimeter neben ihr überholenden Lkw.“

Marco selbst kam mit seiner Methode der Anpassung an die Überlebenswirklichkeit gut ans Ziel: Im Großraum Mexiko-Stadt wohnen 20 Millionen Menschen; die Straßen der Metropole sind meist verstopft, und „wenn ich mit dem Auto zur Uni wollte, kam ich zwar noch ganz gut hin, musste dann aber ewig in der Schlange für den Parkplatz stehen.“ So begann seine Liebe zum Fahrrad, die den Fotografen schließlich auch in ein Bildprojekt führte. Die radzeit freut sich, hier einige seiner Fotos abdrucken zu dürfen. Galeristen oder Radfahrenthusiasten, die sich an der Unterstützung einer Ausstellung beteiligen möchten, wenden sich gerne direkt an den Fotografen: Marco Martinez Rivas: info@marcomtzrivas.com, marcomtzrivas.com

2014-04-30_Radzeit 03_Seite_17_Bild_0006Und in Mexiko wird man sich bald auf ein Gegenprojekt freuen können. „Ich möchte Fotos machen von Berliner-Mitte-Hippstern mit ihren goldglänzenden Fahrradhelmen auf diesen ordentlichen Straßen mit den Ampeln, vor denen die meisten sogar stehen bleiben.“ Noch so ein Kulturschock.

 

 


Mehr aus dem Ausland:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.