Radfahren in historischen Schlösseranlagen – ein Balanceakt

Historische Parks und Schlösseranlagen wurden nicht fürs Radfahren geschaffen, weil das Fahrrad zur Zeit ihrer Errichtung noch nicht erfunden war. Gleichzeitig liegen heute viele der Berliner und Brandenburger Anlagen zwischen Wohngebieten oder auf dem Weg zur Arbeit. Radfahrende Anwohner und Berufspendler wollen möglichst schnell zur Arbeit oder nach Hause und beklagen sich oft über schlechte Streckenführungen und fehlende Abstellanlagen. Zu Recht? Magdalena Westkemper vom ADFC Brandenburg sprach darüber mit Frank Kallensee, Pressesprecher der Stiftung preußische Schlösser und Gärten (SPSG).

Diese Wege vor dem Schloss Charlottenburg sind allein Fußgängern vorbehalten. Erst auf Druck des ADFC wurde das Radfahren auf einem äußeren Ring um den Park freigegeben. © SPSG / Wolfgang Pfauder

Herr Kallensee, es ist Sommer. Fahren Sie Fahrrad?

Ja, gern und viel. Übrigens auch im Winter, sofern es die
Straßenverhältnisse zulassen.

Die Schlösserstiftung hat den Auftrag, das Kulturerbe zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Diesen Aufgaben gerecht zu werden ist bestimmt auch für Sie nicht immer leicht, oder?

»Einfach« kann jeder. Aber im Ernst: Der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sind in Berlin, Potsdam und Brandenburg 750 Hektar Parkanlagen anvertraut. Die Potsdam-Berliner Kulturlandschaft ist eine großartige Synthese von planmäßiger Stadtentwicklung, Architektur, Gartenkunst und gestalteter Landschaft, die weltweit ihresgleichen sucht. Dafür gab es 1990 das UNESCO-Welterbe-Siegel. Nun ist unstrittig, dass damit die Verpflichtung einhergeht, dieses Erbe zu bewahren. Und wer es annimmt, muss wissen, dass jeder unachtsame Umgang damit oder gar dessen Veränderung unwiederbringliche Verluste bedeuten können …

… gleichwohl haben Sie es heute mit veränderten Nutzungswünschen
zu tun.

Genau das ist ja die Herausforderung. Die Schlösser und Gärten sind schlicht nicht für die Service-Erwartungen des 21. Jahrhundert geschaffen worden. Sie trotzdem dafür zu konditionieren, bedarf einer ständigen Balance zwischen Welt und Erbe, sprich: der Abwägung zwischen den Ansprüchen unserer heutigen Besucherinnen und Besucher und dem, was diese historischen Anlagen an Möglichkeiten bieten. Und da ist tatsächlich vieles möglich, nur eben nicht alles überall. Das gilt auch für das Radfahren.

Die Kommunikation zwischen Radfahrenden und der Stiftung war nicht immer konfliktfrei. Welche Konzepte planen Sie, um das Gespräch offensiv zu suchen?

Weil das nur allzu gern vergessen wird, möchte ich zunächst daran erinnern, dass die Stiftung seit 2010 durchaus »offensiv« das Radfahren auf ausgewählten Strecken gestattet. Das war bis dahin nämlich grundsätzlich untersagt. Zum Konzept gehören seither entsprechende Fahrradleitsysteme und -abstellplätze. Natürlich ist nachvollziehbar, dass sich Radfahrer hier noch mehr vorstellen können und sich die ein oder andere Verbesserung wünschen. Das nehmen wir ernst. Aber die Parks sind nun einmal zuallererst wertvolle Kultur- und Naturdenkmäler, auf die Rücksicht zu nehmen nicht nur geboten ist, sie verdienen sie auch. Hand aufs Herz: So naturnah, naturverträglich und – buchstäblich – zielführend das Radfahren auch ist, die Schönheit und der Zauber der Parks ist am ehesten gehend zu entdecken und genießen. Deshalb empfehle ich: Immer mal wieder Absteigen und zu Fuß unterwegs sein!

Dennoch haben Sie Anlass zur Klage …

Konflikte entstehen wie überall sonst auch, wenn Menschen sich nicht an die Regeln eines guten Miteinanders halten. Außerhalb der freigegebenen Strecken kreuz und quer rasende Radfahrerinnen und -fahrer gefährden nicht nur Spaziergänger, sondern schädigen auch die empfindlichen wassergebundenen Wegedecken. Gern genommene »Abkürzungen« zerstören darüber hinaus angrenzende Wiesenflächen. Leider hat diese Bedenkenlosigkeit in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Umso mehr freuen wir uns über den jetzt begonnenen Austausch mit dem ADFC Brandenburg. Ich denke, uns verbindet das gemeinsame Anliegen, belastbare Kompromisse zwischen den Interessen der Radfahrerinnen und Radfahrer und denen des Denkmalerhalts auszuhandeln.

Fahrradstrecken im Park Sanssouci. © SPSG

Das Besondere an den Potsdamer Parks ist auch, dass sie Teil der Stadt sind, Park Sanssouci ist da das Paradebeispiel. So fordern viele Anwohnende und Studierende schon lange eine Nord-Süd- Verbindung. Die Stiftung hat sich bisher durchgesetzt. Können Sie sich doch vorstellen, den Radfahrerenden entgegenzukommen?

Eine solche Nord-Süd-Verbindung existiert bereits am Neuen Palais und wird aus unserer Sicht auch gut genutzt. Eine weitere ist nicht vorgesehen und ließe sich allein schon wegen des Anschlusses von der Parkebene zur höher gelegenen Maulbeerallee nicht sinnvoll verwirklichen. Hinzu kommt, dass die hier infrage kommenden Tore aus Sicherheitsgründen nur während der Dienstzeiten geöffnet sind. Bei allem Verständnis, aber leider kann nicht jeder Wunsch erfüllt werden.

Mal grundsätzlich: Welche Regeln gelten in den Parks für Radfahrer – und warum?

Historische Gärten sind nicht für die schnelle Bewegung des Radfahrens, sondern für das Spazierengehen und Wahrnehmen von Gartenbildern konzipiert. Wege sind daher nur selten die kürzesten Verbindungen von A nach B. Vielmehr sind sie »Regielinien« für Gartenerlebnisse, oft gewunden, mal schmal, mal breit, mal übersichtlich, mal unübersichtlich. Prompt entstehen Probleme durch das Nebeneinander von schnellem Radfahren und ruhigem Fußgängerverkehr. Fußgänger bleiben oft unvermittelt stehen, Radfahrer müssen rasch reagieren, bremsen, klingeln, rufen, kurzum: Jeder stört jeden. Um genau solche und ähnliche Konflikte zu minimieren sind – abgesehen von denkmalpflegerischen Gründen – in unseren Anlagen nur bestimmte Strecken für das Radfahren freigegeben.
Grundsätzlich haben aber überall Fußgänger Vorrang! Was außerhalb der Gärten die StVO ist, regelt innerhalb der Gärten die Parkordnung. Die ist an jedem Eingang aufgestellt und zu beachten. Denn um dies ganz klar zu sagen: Verstöße gegen die Parkordnung sind Ordnungswidrigkeiten und werden gegebenenfalls geahndet. An den Eingängen sind außerdem Parkpläne zu finden, auf denen die für das Radfahren freigegebenen Strecken deutlich ausgewiesen sind. Die Streckenführungen selbst sind dann in den Gärten durch Fahrradgebots- und -verbotsleitsysteme gekennzeichnet.

Schlosspark Sanssouci: Balance zwischen Denkmalschutz und heutigen Nutzeranforderungen. © SPSG / Hans Bach

Viele Wege in den Parks sind marode und bedürfen einer Sanierung, so zum Beispiel die Ökonomiewege. Wer ist eigentlich für den Erhalt der (Rad-)Wege in und um den Parks der Schlösseranlagen zuständig?

Die Wegesanierung ist eine Daueraufgabe. Wenn Sie bedenken, dass allein das Wegesystem im Park Sanssouci 70 Kilometer lang ist, können solche Baumaßnahmen nur sukzessive erfolgen. Die in der Tat notwendige Wiederherstellung der Ökonomiewege im Neuen Garten und im Park Sanssouci wird aber in den kommenden Jahren im Rahmen des Sonderinvestitionsprogramms für die preußischen Schlösser und Gärten realisiert, das der Bund sowie die Länder Brandenburg und Berlin zur Rettung bedeutender Denkmäler der Berliner und Potsdamer Schlösserlandschaft aufgelegt haben. Um jedoch Missverständnisse zu vermeiden: In unseren Parks gibt es keine Radverkehrsanlagen, sondern lediglich für das Radfahren von der Stiftung ausgewiesene Strecken. Für diese – und auch alle anderen Wege in den Gärten – ist die Stiftung zuständig, außerhalb der Parks in der Regel die Landeshauptstadt Potsdam.

 

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