Radeln ohne Mauer – jenseits aller Grenzen

Die Initiative Radeln ohne Alter organisiert Rikscha-Ausfahrten für Seniorinnen und Senioren, die in Alters- und Pflegeeinrichtungen wohnen. Text von Carolina Mazza. Beitragsfoto: Mit der Fähre von Wannsee nach Kladow: Foto von Radeln ohne Alter, Martina Schröder

In einer Lebensphase, in der viele Menschen eine Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit erleben müssen, kommt der Verein Radeln ohne Alter mit seinen Rikschas zum Einsatz. Ehrenamtliche „Pilot*innen“ ermöglichen eine einmalige Ausfahrt – und schenken damit frische Luft, Abwechslung im Alltag und ein paar Stunden Gesellschaft. Radeln ohne Alter ist also weit mehr als nur ein Transportangebot.

Neben dem gewöhnlichen Betrieb gingen die ehrenamtlichen Fahrer*innen und Fahrer – im Verein „Pilot*innen“ genannt – und ihr Passagier*innen in diesem Jahr eine besondere Tour: Unter dem Motto Radeln ohne Mauer unternahmen sie zum 30. Mauerfall-Jubiläum im Oktober gemeinsame Fahrten entlang des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer.

25 Pilot*innen befuhren dabei den westlichen Mauerweg und starteten jeden Tag von einer anderen der 16 teilnehmenden Pflegeeinrichtungen. In den sechs Rikschas durften jeweils 10 Senior*innen den Fahrtwind genießen. Im Rahmen der Fahrten wurden Mauerreste besucht und Erinnerungen geteilt.

An der Mauergedenkstelle in Groß Glienicke_1+2: Foto von Radeln ohne Alter (RoA_Calle Overweg)

Noch einmal zeigte sich, wie herausragend die Rikscha-Ausfahrten bei den Senior*innen ankommen. Die gemeinsame Fahrt erlaubt einen intensiven Austausch zwischen Fahrer*innen und Beifahrer*innen. Mit Tretkraft ermöglichen die Pilot*innen ein erneutes oder gänzlich neues Erlebnis der Umgebung und die Gelegenheit, Erinnerungen an die Vergangenheit zu wecken. “Die Rikscha-Ausfahrten sind ein wichtiges Mittel gegen Einsamkeit im Alter” sagt Erik Eilers aus dem Vereinsvorstand. Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit, Beisammensein: die Ausfahrten wirken als bereichernde Erfahrung sowohl hinter als auch vor dem Lenker. Zu jedem Einstieg gehört ein Kennenlernen. Doch allen Passagier*innen ist der Genuss der Fahrt schon bald anzusehen.

Knapp 100 Teilnehmer*innen nahmen an die Tour teil. Die letzte Etappe endete am Symbolort des Mauerfalls: dem Brandenburger Tor. „Die Mauer ist schwierig“, erzählt eine Frau in einem Kurzfilm über die Tour, „es ist kein gutes Gefühl, eingesperrt zu sein“. Straßen und Plätze entsinnen Geschichten eines jüngeren Lebens und einer anderen Stadt. Über den Wahnsinn einer gespalten Stadt und die Trennungen und Traumata einer 160 km langen Mauer. Und die Freude des Mauerfallabends im wieder vereinten Berlin. Eilers erzählt erfreut, dass mehrere Pflegeeinrichtungen durch die Aktion auf ihre Arbeit aufmerksam geworden sind und nun selbst Rikscha-Fahrten für Bewohner*innen anbieten wollen.

Am Ziel am Brandenburger Tor 1+2: Foto von (RoA_Ulrike Bosse)

Gabriele Meyer, Projektkoordinatorin der Radtour, hat Hoffnungen für die Zukunft des Vereins: „Unser Wunsch ist, dass wir noch mehr Senior*innen auf Spazierfahrten mitnehmen können, um den Wind in den Haaren zu spüren“. Ausschlaggebend dafür sind die Kooperationen mit Seniorenheimen und anderen Einrichtungen in Berlin und Brandenburg. Und selbstverständlich mehr Menschen, die sich verlässlich engagieren möchten. „Sie sollten Spaß am Rikschafahren haben und Freude im Umgang mit Senior*innen und ihrem Umfeld.“ erklärt Meyer.

Und für eine noch breitere Umsetzung des Projekts können sichere und breite Radwege sorgen, ergänzt Eilers. Auch für Mobilität mit Rikschas sei eine gute Fahrradinfrastruktur entscheidend.
Ähnlich wie die in Berlin inzwischen zahlreichen Lastenräder benötigen Rikschas mehr Platz als herkömmliche Fahrräder. Dafür sind die bestehenden Fahrradwege meist zu eng und ermöglichen kaum das Überholen.

Unterwegs in Kleinmachnow: Foto Gemeideamt Kleinmachnow_M.Bellack

Aber weil es bei der Rikschas nicht um den bloßen Transport von A nach B geht, spielt die gefahrene Strecke noch eine wichtigere Rolle. Sie bietet Raum für den menschlichen Austausch zwischen Pilot*innen und Fahrgästen und sogar mit anderen Verkehrsteilnehmer*innen oder Passant*innen. Dafür braucht es mehr Platz auf der Straße, für kleine und große Räder, für schnelle Arbeitswege aber auch für Gespräche und fürs Nebeneinanderfahren. Mehr Platz für jedes Rad und alle Menschen, die auf ihr Recht auf Wind im Haar nie verzichten möchten.

Mehr Informationen zur Aktion, zum Verein, oder zur Mitmachen-Möglichkeiten unter https://radelnohnealter.de/berlin/

Link zum Kurzfilm über die Tour: https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=wAE79ME5SO4