Radeln nach Zahlen auf der Kleeblatt-Städte-Tour

Die Prignitzer Touristiker werben für ihre Region mit einem einzigen Wort: Radlerparadies. CLAUDIA LIPPERT hat die Probe aufs Exempel gemacht. So viel vorweg: Die nordwestlichste Region Brandenburgs eignet sich allein schon deswegen für einen spontanen Tagesausflug per Velo, weil man hier noch nicht mal eine Radkarte braucht, um sich zurechtzufinden. Dem Knotenpunktsystem sei Dank. Auf der 34 Kilometer langen Kleeblatt-Städte-Tour geht es von Neustadt (Dosse) nach Kyritz, entlang der Kyritzer Seenkette nach Wusterhausen und zurück nach Neustadt.

Neustadt (Dosse) ist von Berlin aus schnell erreicht. Auch wenn der Bahnhof selbst nicht unbedingt ein Aushängeschild ist: Die Fenster und Türen sind mit Brettern verrammelt, ein an der Fassade aufgespanntes Netz soll verhindern, dass die Ankömmlinge einen Ziegelstein auf den Kopf bekommen. Also schwingen wir uns gleich auf den Sattel. Nach einem Knotenpunktwegweiser müssen wir hier noch nicht Ausschau halten, das Haupt- und Landgestüt ist ausgeschildert und ein Besuch im „Sanssouci der Pferde“ Pflicht. Europaweit ist es eines der größten Gestüte – mit der Hengstzucht im Landgestüt und großer Stutenherde im Hauptgestüt.

Nach nur einem guten Kilometer entlang der Durchgangsstraße biegen wir nach links in die Straße zum Gestüt ein, schon nach einem weiteren Kilometer kommt zur Linken das schlossähnliche Zentralgebäude des Hauptgestüts in Sicht. Weiß getünchte Fassade, leuchtend rotes Dach, ein Türmchen auf dem Mittelbau, errichtet zwischen 1788 und 1790. Auf den Paddocks in dem von Stallungen, historischer Reithalle und Landstallmeisterhaus umgebenen Innenhof dösen Stuten mit ihrem Nachwuchs in der Sonne. Um die 35 Fohlen werden hier pro Jahr geboren, insgesamt leben derzeit 400 Pferde auf dem Gestüt.

Die Allee entlang – auf den Koppeln rechts und links des Weges werden wir auf unserem „Drahtesel“ neugierig von Pferden beäugt – fahren wir noch rasch hinüber zum Landgestüt, wo sich das Kutschenmuseum befindet. Das hat zwar aktuell keine regelmäßigen Öffnungszeiten, aber wir haben Glück. Schließlich steht doch hier der Landauer, in dem die englische Königin Elisabeth II. bei ihrem Berlin-Besuch in der Hauptstadt unterwegs war. Als weitaus beeindruckender stellt sich allerdings die „Krönungskutsche“ heraus, der um 1786 erbaute Staatswagen von König Friedrich Wilhelm II. – dem Gründer des Neustädter Gestüts – mit der goldenen Krone auf dem Dach.

Wir radeln zurück bis kurz vors Hauptgestüt, wo wir den ersten Knotenpunktwegweiser entdecken: ein roter Würfel auf einem Wegweiser, der in weißem Kreis eine weiße 63 trägt. Hier beginnt also unser Radeln nach Zahlen. Das System ist einfach: Den Kreuzungen mindestens dreier Radwege ist jeweils ein Knotenpunkt mit einer Nummer zugeordnet, darunter hängt eine Übersichtskarte. Auf der sind nicht nur Sehenswürdigkeiten oder Gasthöfe vermerkt, sondern zuallererst die nächsten Knotenpunkte inklusive der jeweiligen Entfernungen. Da wir nach Kyritz wollen, müssen wir als nächsten Knotenpunkt die 62 ansteuern – also dem Wegweiser folgen, auf dem nicht nur das Örtchen Plänitz ausgeschildert ist, sondern auch noch eine kleine rote 62 trägt. Hört sich vielleicht unübersichtlich an, ist aber nahezu idiotensicher.

Kyritz an der Knatter gehört zu den brandenburgischen Städten mit historischen Stadtkernen. Jahrhundertealte Fachwerkhäuser sind hübsch saniert worden.

Rund 130 solcher Knotenpunkte gibt es in der Prignitz, die mit mehr als 1.100 Radweg-Streckenkilometern aufwartet. Jedoch ist nicht jeder Kilometer paradiesisch. Vom Gestüt geht es noch ein kurzes Stück durch Mischwald, dann weitet sich die nahezu ebene Landschaft. Auf dem Teilstück über Plänitz und Leddin nach Kyritz geht es meist an Feldern und Wiesen vorbei, unser Weg ist vielfach von Hecken gesäumt – aber nahezu unbefestigt. Mal fahren wir auf einem Landwirtschaftsweg, der bei trockenem Wetter recht gut befahrbar ist, bei Regen aber eine ziemliche Matschpiste werden kann. Mal quälen wir uns durch Sand, aber glücklicherweise nur ein kurzes Stück.

In Kyritz steuern wir den Marktplatz an, wo wir unsere Fahrräder vorm Rathaus anschließen – und nicht schlecht staunen, als eine Frau in Gewand der Ackerbürgerfrauen die Stufen hinunter ins Freie tritt. Regelmäßig wirft sich Anke Kutz die historische Robe über, um als ehrenamtliche Stadtführerin Gäste auf die Sehenswürdigkeiten im Stadtkern aufmerksam zu machen – wie das schmucke Rathaus mit seiner Klinkerfassade im englischen Tudorstil. Kyritz, das heute gerade 7.300 Einwohner hat, sei mal eine reiche Stadt gewesen, erzählt Anke Kutz. Um 1600 habe es in der Hansestadt mehr als 300 Tuchmacher und Bierbrauer gegeben. Auch heute gibt es zwar noch ein Kyritzer Bier, das promillestarke „Mord und Todschlag“, gebraut wird das aber in Neuzelle und ist eher als Souvenir denn als Durstlöscher geeignet.

Ein Abstecher zum Haupt- und Landgestüt Neustadt (Dosse) ist Pflicht. Als „Sanssouci der Pferde“ ist es weit über märkische Grenzen hinaus bekannt.

Von Kyritz nehmen wir Kurs auf das Örtchen Stolpe – eines von wer weiß wie vielen Dörfern in Brandenburg mit diesem Namen. Aber der Knotenpunkt 43 ist ja eindeutig. Bei Stolpe erreichen wir den nördlichen Zipfel der Kyritzer Seenkette, die sich über etwa zehn Kilometer bis in den Süden nach Wusterhausen erstreckt. Erst geht es am Untersee entlang bis Bantikow, dann parallel zum Ufer des Klempowsees auf straßengeleitendem Radweg bis Wusterhausen. Obwohl die Seen sich fast in greifbarer Nähe zum Radweg befinden, ist die direkte Sicht aufs Wasser meist von Bäumen verdeckt. Allein schon deshalb bietet es sich an, im Restaurant „Villa Meehr“ in Bantikow einen Zwischenstopp einzulegen. Von der unmittelbar am Ufer gelegenen Seeterrasse fällt der Blick über die im Sonnenlicht glitzernde Wasseroberfläche bis zur kleinen Insel inmitten des Untersees, auf der sich ebenfalls ein beliebtes Ausflugslokal befindet, die „Insl“ – zu erreichen allerdings nur per Fähre.

Wir radeln weiter nach Wusterhausen: Mit seinen hübsch sanierten Fachwerkhäusern und der wuchtigen Kirche ist der Stadtkern dem Zentrum von Kyritz nicht unähnlich. Beide Orte gehören ja auch der Arbeitsgemeinschaft der brandenburgischen „Städte mit historischen Stadtkernen“ an (siehe auch S. #). Direkt an unserer Strecke liegt das „Herbst‘sche Haus“, errichtet 1764 nach dem letzten großen Stadtbrand. Über zwei Jahrhunderte hinweg war das imposanteste Fachwerkhaus Sitz von Kaufmannsfamilien. „Die Familie Herbst übernahm es 1917. Bis zu ihrer Übersiedlung nach Westdeutschland im Jahr 1960 betrieben die Herbsts hier ihren Laden“, weiß Katharina Zimmermann, Chefin des „Wegemuseums“, das heute seinen Sitz in dem barocken Fachwerkhaus hat.

Im Wegemuseum in Wusterhausen gibt es auch einige historische Fahrräder zu betrachten – unter anderem den „Knochenschüttler“, ein Sportgerät für Hartgesottene, wie Museumsleiterin Katharina Zimmermann meint.

Das regionalhistorische Museum erzählt nicht nur die Geschichte der Stadt am Fernverkehrsweg zwischen Berlin und Hamburg, sondern zeigt auch, wie die Wege die daran lebenden Menschen geprägt haben. So erklärt sich beispielsweise, warum in Wusterhausen genug Geld vorhanden war, um eine so große Kirche zu bauen – man hatte das „Salzregal“, das Monopol auf den Verkauf von Salz in der Region. Interessant ist das Museum auch für Menschen, die sich gern mit der Geschichte des Radfahrens beschäftigen: Der 1896 gegründete Wusterhausener Radfahrverein hat dem Museum einige historische Räder spendiert – unter anderem den „Knochenschüttler“, ein schmiedeeisernes Tretkurbelrad aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Metallbeschlagene Holzreifen, „null Federung“, sagt Katharina Zimmermann, „das war wohl eher ein Sportgerät für Hartgesottene“. 1900 habe sogar kurzzeitig eine Fahrradfabrik in der Stadt eröffnet, erzählt Zimmermann. Und schon 1897 waren sportliche Radler durch Wusterhausen gestrampelt – beim ersten Straßenradrennen auf der 258,8 Kilometer langen Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Gewonnen haben damals übrigens gleich zwei Fahrer: der Brandenburger Gustav Gräbern und der Kyritzer Paul Kotsch.

Kampehl- An der Gruft von Ritter Kahlbutz in Kampehl (einem Ortsteil von Neustadt) sollte unbedingt ein Blick auf die jahrhundertealte Mumie geworfen werden.

So, nun wird’s aber Zeit für die letzte Etappe zurück zum Bahnhof Neustadt. Nur einen einzigen kleinen Stopp legen wir noch ein: in Kampehl, wo sich die Gruft des Ritters Kahlbutz befindet – mit der mumifizierten Leiche des in Kampehl geborenen und hier 1702 verstorbenen märkischen Edelmanns, der sehr oft und gern das „Recht der ersten Nacht“ ausgeübt haben soll. Zur Stärkung seiner Manneskraft ließ er sich in der „Drogen-Handlung“ in Kyritz einen speziellen Trank brauen – den es jetzt als „Knatterwasser“ in der Touristinfo der Knatter-Stadt zu kaufen gibt. Welche Wirkung das Likörchen hat, sei allerdings dahingestellt.     

Gerade mal drei Kilometer sind es vom Ortsteil Kampehl bis zum Neustädter Bahnhof, von wo uns der Regionalexpress 2 zurück nach Berlin bringt.   


Hier kann man die Radkarte und den Tourverlauf als GPS-Datei herunterladen.

Gastronomie-Tipp: Restaurant „Villa Meehr“, Dorfstraße 24 in Bantikow,

Anreise: Ab/an Berlin-Hauptbahnhof nach Neustadt (Dosse) mit dem RE 2, Fahrtzeit ist etwa eine Stunde.


 Fotos: © Lippert