Potsdam holt auf

Mehr als 50 Millionen Deutsche fahren mehrfach pro Monat Rad, mehr als 30 Millionen gar mehrfach pro Woche. Wie viel Freude das macht, unterscheidet sich jedoch von Region zu Region erheblich. Um herauszufinden, wo es sich am angenehmsten radelt, welche Kommunen sich in die Pedale stemmen und wo man den Anforderungen nicht hinterher kommt, befragte der ADFC bundesweit Radfahrer und solche, die es gerne häufiger wären. TEXT UND FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN.

79.000 Menschen beteiligten sich und bewerteten unter anderem, wie es in ihrer Stadt mit Abstellanlagen ausschaut, wie hoch die Diebstahlswahrscheinlichkeit ist und wie gut Radwege im Winter von Schnee und ganzjährig von parkenden Autos geräumt werden. Über 330 Kommunen wurden bewertet und jeweils Gesamtsieger in den Kategorien bis 100.000, zwischen 100.000 und 200.000 Einwohner und über 200.000 Einwohner ermittelt. Um auch Städte mit bislang spärlicher Infrastruktur zu motivieren, gab es zudem Preise für „Aufholer“, also solche Kommunen, in denen sich seit dem letzten Test vor fünf Jahren besonders viel getan hat. Und siehe: Wir haben einen Gewinner zu verzeichnen! Potsdam schaffte es nicht nur im Gesamtvergleich

immerhin auf Platz vier (direkt vor Cottbus), sondern gewann die Kategorie „Aufholer“ souverän! Zur Preisverleihung ins Bundesministerium für Verkehr kamen denn auch gleich drei Abgeordnete der Stadt, um sich über die ADFC Auszeichnung zu freuen: Neben dem Beigeordneten für Stadtentwicklung

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Die stolzen »Aufholer« (v.l.n.r.) Axel Dörrie und Torsten von Einem (Radverkehrsbeauftragter Potsdam), Matthias Klipp (Verkehrsbeigeordneter der Stadt Potsdam), Ulf Hildebrand (ADFC Ortsgruppe Potsdam), Lea Hartung (Landesgeschäftsführerin ADFC Brandenburg).

und Bauen, Matthias Klipp, standen Potsdams erster Radverkehrsbeauftragter Ulf Hildebrand und sein Nachfolger Torsten von Einem auf dem Podium. Ein Augenblick, der den Berlinern im Publikum wieder einmal schmerzlich in Erinnerung rief, dass die Bundeshauptstadt glaubt, ohne einen Radverkehrsbeauftragten auszukommen.

Nun, die Ergebnisse sprechen für sich, Potsdam stand auf dem Treppchen und im Saal freuten sich unter anderem die Kollegen des Brandenburger ADFC. Ulf Hildebrand etwa berichtete, dass es bei ihnen nicht nur alle zwei Monate eine „AG Rad“ (das Pendant zum Berliner FahrRat) gebe – „unsere Anregungen werden dann auch entweder umgesetzt oder zumindest gut begründet abgelehnt.“ Zudem wird der Radverkehrsbeauftragte von Einem für seine Tätigkeit nicht nur selbstverständlich bezahlt (oh Berlin …), alle Planungen im Straßenverkehrsbau wandern auch über seinen Schreibtisch und bedürfen der Zustimmung.

Zugleich wurde parallel zum Beschluss des Radverkehrskonzepts auch das Budget erhöht, von ehemals ein paar Zehntausend auf nun 800.000 Euro. Aber es ist nicht nur die sich so immer besser entwickelnde Infrastruktur, die Potsdams Radfahrer freut: Die Stadt setzt auch Akzente, um das Image des Fahrrades zu verbessern. So findet seit einigen Jahren im April das gemeinsame „Anradeln“ statt (eine geführte Tour durch die Stadt, nächster Termin: 6. April 2013); auch der FahrRad-Markt erfreut sich im Rahmen der Radverkehrsförderung zum inzwischen fünften Mal steigender Beliebtheit (nächster Termin: 27. April 2013, aktuelle Infos unter potsdam.de/fahrrad-in-potsdam). Selbst vor runden Schildern mit rotem Rand schreckt man in Potsdam nicht zurück: Auf den Hauptverkehrsstraßen Großbeeren- und Hans- Thoma-Straße führte man im Dezember Tempo 30 ein und begleitet diese Verkehrsberuhigung nicht nur mit einer koordinierten Ampelschaltung, sondern auch mit Blitzerkontrollen, wie einer der Anwesenden bestätigen musste. Überhaupt hat sich der Touristenmagnet Potsdam dazu entschlossen, seine Lebensqualität nicht mehr dem Auto unterzuordneDruck-Radzeit 02 130225_Seite_06_Bild_0001n. So wurden etwa außerhalb des Stadtzentrums Pförtnerampeln angebracht: Überschreitet die Schadstoffbelastung einen Grenzwert, werden keine weiteren Autos mehr in die Stadt gelassen. Eine Maßnahme, die sich lohnte, sank doch die Feinstaubbelastung, während sich die Stickoxidwerte zumindest nicht weiter erhöhten. Gestiegen ist hingegen die Zahl der Fahrradleihstationen, so dass die Stadt inzwischen mehr als 10.000 Ausleihen pro Jahr verzeichnet, Tendenz: steigend.

Potsdam, wir sind stolz auf Dich! Und Berlin? Platz 24 von 38, da sollte noch was gehen, möchte man meinen! Während die Hauptstadt Punkte dafür bekam, dass hier alle Altersund Berufsschichten Rad fahren, gab es Punktabzug für die regelmäßig zugeparkten Radstreifen und die hohen Diebstahlzahlen. Insgesamt aber stellte der ADFC Klimatest auch Berlin eine „überdurchschnittliche Entwicklung“ aus. Und dennoch: München liegt auf Platz 11! Und ist damit tatsächlich die Radlhaupt(millionen)stadt. Bis zum nächsten Test sollte Berlin anziehen!

adfc.de/fahrradklima-test