Platz machen mit der Poolnudel

Milena, 25 Jahre alt aus Friedrichshain, fährt jeden Tag bis zu 15 Kilometer mit dem Fahrrad – seit neustem immer mit einer Poolnudel auf dem Gepäckträger.

Warum hast du damit angefangen, nur noch mit Poolnudel Fahrrad zu fahren?

Das war eine Reaktion auf meinen täglichen Ärger im Straßenverkehr hier in Berlin. Ich hatte mir extra einen Helm gekauft, trotzdem blieb dieses mulmige Gefühl, jedes Mal, wenn ein Auto mich mal wieder zu eng überholt hat. Deshalb  habe ich überlegt: Was wäre ein gutes Material, das ich als Abstandshalter verwenden könnte? Im Internet habe ich gesehen, dass es schon viele Aktionen mit Poolnudeln auf dem Fahrrad gab. Da dachte ich: Cool, das mache ich auch! Ich hab mir für 4 Euro die Nudel gekauft und am Gepäckträger befestigt, so dass sie links und rechts jeweils 80 cm weit herausragt.

Wie sind deine Erfahrungen damit?

Zuerst hat es mich total viel Überwindung gekostet, damit loszufahren, weil ich dachte: Woah, so viel Platz darf ich doch gar nicht einnehmen! Aber jetzt bin ich selbstbewusster geworden und will gar nicht mehr ohne Nudel fahren. Witzig finde ich: Diese Schaumstoff-Nudel könnte man im Auto ja einfach ignorieren, aber irgendwie funktioniert es – sie wurde noch nie berührt. Letztens habe ich einen sehr positiven Kommentar von einem Autofahrer bekommen, der sich bei mir bedankt hat. Er meinte: „Danke, dass du mir hilfst, dass ich den richtigen Abstand einhalte beim Überholen.“ Die Reaktionen von anderen Radfahrenden sind unterschiedlich: von einigen älteren Männern gab es negative Kommentare, als sie mich überholen wollten, sowas wie: „Das ist für uns alle gefährlich, wenn du damit fährst“. Wobei ich aber sagen würde: Das ist für uns alle sicherer, denn ich sorge ja für sicheren Überholabstand und davon profitieren dann auch die Radfahrenden, die vor oder hinter mir fahren. Vor roten Ampeln bin ich jetzt natürlich langsamer als früher, weil ich mich nicht mehr rechts neben den Autos vorbeischlängeln kann. Ich habe aber das Gefühl, dass Autofahrende mich dadurch auch eher ernst nehmen.

Poolnudel auf dem Fahrrad – ist das die Lösung?

Langfristig natürlich nicht – da brauchen wir sichere, breite Radwege für alle, keine individuelle Aufrüstung. Aber im Moment ist es ein gutes Mittel, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Ich mache täglich deutlich, wie viel Platz mir eigentlich zusteht, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Ich hoffe, dass Autofahrerende daraus lernen, auch anderen Radfahrenden mehr Platz zu geben, zum Überholen die Spur zu wechseln oder, wenn das nicht geht, dahinter zu bleiben. Und es könnte auch eine Lösung sein für Leute, die sich momentan nicht trauen, in Berlin Fahrrad zu fahren, weil sie Angst vor dem engen Überholen haben. Ich würde mich sehr freuen, mal eine andere Person mit Poolnudel auf dem Rad zu sehen!

Bild: © Matthias Kobelt