Platz da?! Die „Radmesser“-Erfinder im Interview

1,50 Meter Abstand müssen Autofahrer beim Überholen von Radfahrern halten. Die Realität fühlt sich oft anders an, wenn wir auf dem Sattel sitzen. Eine Gruppe junger Journalisten und Wissenschaftler will es genau wissen. Gemeinsam haben sie einen Sensor entwickelt, der mithilfe einer Smartphone-App den Überholabstand misst. Nikolas Linck hat Hendrik Lehmann und Michael Gegg  vom Team Radmesser zum Interview getroffen.

 

Wer ist das Team Radmesser?

Hendrik: Ursprünglich bestand das Radmesser-Team aus drei Personen: mir, Datenjournalist beim Tagesspiegel, David Meidinger und Michael, die beide gerade ihre Promotion in Physik hinter sich gebracht hatten. Mittlerweile haben aber mindestens 20 Menschen aktiv an dem Projekt mitgearbeitet. Viele Kollegen aus unterschiedlichsten Teilen der Tagesspiegel-Redaktion, aber auch Forscher, Freunde, Freiwillige und Leute aus der Berliner Maker-Szene. Wir durften beispielsweise im Motion.Lab, einem Mobilitätslabor in Treptow, die Werkstätten nutzen. Die Bastler dort haben uns sogar beigebracht, wie man Lasercutter und CNC-Fräse bedient. Irgendwie sind sie alle Team Radmesser geworden.

Wie kamt ihr auf die Idee des Radmessers – und wie habt ihr euch gefunden?

Michael: Die Idee kam von meiner Schwester. Sie fährt in München immer mit dem Rad zur Arbeit und fragte mich, ob man nicht irgendwie die Überholabstände von Autos messen könnte. Den Gedanken fand ich ziemlich interessant und erzählte David und Hendrik davon. So überschlugen sich die Ideen und wir kamen zu dem Schluss, dass ein datenjournalistischer Ansatz dem Thema am besten gerecht wird. So erreichen wir eine breite Öffentlichkeit und können das Thema unabhängig und kritisch von verschiedenen Seiten beleuchten. Der Tagesspiegel hat die Idee sofort unterstützt. Und das Medieninnovationszentrum Babelsberg leistet mit einer Förderung für neue Formen des Journalismus einen entscheidenden Beitrag.

Das Radmesser-Kernteam: David Meidinger, Helena Wittich, Michael Gegg, Hendrik Lehmann (v.l.n.r.) stoßen an auf die Veröffentlichung der Swipe-Story im August, online unter: https://interaktiv.tagesspiegel.de/radmesser. Foto: Jule Waibel

 

Wie funktioniert der Radmesser genau?

Michael: Der Radmesser besteht aus einer kleinen Sensor-Box, einer Smartphone-App und einer Halterung für das Smartphone, das am Lenker angebracht wird. Der Radmesser misst die Abstände nach links und rechts mithilfe von Ultraschall. Ähnlich wie bei einer Fledermaus. Nach links messen zwei Sensoren, damit wir wissen, wer wen überholt hat. Wenn ein Auto von links hinten überholt, löst die Smartphone-App ein Foto aus. Auf dem Bild ist das Auto von hinten zu sehen. So können wir hinterher mithilfe von Bilderkennung unterscheiden, ob es sich tatsächlich um ein Auto, ein anderes Fahrrad, einen Bus oder etwas Irrelevantes gehandelt hat, eine vorbeifliegende Taube zum Beispiel. Das Handy ermittelt zusätzlich die Position der Teilnehmenden, damit wir hinterher wissen, wo in der Stadt besonders eng überholt wird. Es gibt aber extrem strenge Datenschutzmaßnahmen. Wir wollen keine einzelnen Personen analysieren.

Grafik: Lehmann/ Gegg

 

… und ihr baut jedes Gerät von Hand?

Hendrik: Ja, tatsächlich (lacht etwas verzweifelt). Das haben wir vorher etwas unterschätzt. Dafür haben wir jetzt Sachen über Klebetechniken, Bohrer und Programmbibliotheken gelernt, von deren Existenz wir vorher keinen Schimmer hatten. Helena Wittlich, Volontärin bei uns, hat sogar Löten gelernt. Sie kann es inzwischen besser als wir. Inzwischen sind 110 Sensoren gebaut, 100 für die Freiwilligen und eine kleine Reserve für Team und Kollegen, oder falls etwas kaputtgeht.

Handarbeit: Alle Radmesser Sensoren werden vom Team selbst gebaut. Foto: Hendrik Lehmann

 

Die App schießt ein Foto, wenn ich zu eng überholt werde. Kann ich mit diesem Foto den Fahrer oder die Fahrerin des Autos anzeigen?

Michael: Nein! Das wollen wir auch nicht. Die Teilnehmenden bekommen die Fotos nicht zu Gesicht. Und die Auflösung ist absichtlich so gering, dass weder Nummernschilder noch Gesichter zu erkennen sind. Sie reicht gerade so, dass der Algorithmus später das Auto vom Radfahrer, oder eben der Taube unterscheiden kann. Unser Ansatz ist Aufklärung und Dialog, nicht die Verschärfung des teils verbitterten Konflikts zwischen Fahrern auf zwei oder vier Rädern.

Zurzeit fahren 100 Freiwillige mit dem Radmesser auf Berlins Straßen und sammeln Daten, wo und wann sie zu eng überholt werden. Was ist das Ziel der Erhebung?

Hendrik: Oberstes Ziel ist, herauszufinden, wie oft und wo der Sicherheitsabstand nicht eingehalten wird: Gibt es Unterschiede nach Bezirken, nach Verkehrsmenge, nach Tageszeit? Und welche Rolle spielen die Radfahrerinnen und Radfahrer selbst? Werden Frauen anders überholt als Männer? Sind Vielfahrer gefährdeter als Gelegenheitsfahrer? Wird bei Älteren und Rädern mit Kindern auf dem Rücksitz mehr Abstand gehalten, so wie es eigentlich Pflicht ist? Wir wollen aber auch zeigen, wo die entspannten Routen liegen. Und noch viel mehr… aber ein bisschen Spannung muss ja bleiben.

Der Radmesser im Einsatz: Ultraschallsensoren messen den Überholabstand und senden die Daten direkt ans Smartphone. Foto: Hendrik Lehmann

 

Nach welchen Kriterien wurden die Freiwilligen ausgewählt?

Michael: Wir haben nach 100 Freiwilligen gesucht und dachten am Anfang, das wird vielleicht schwer. Dann haben sich aber über 2.500 Menschen beim Tagesspiegel gemeldet. Also haben wir uns die Mühe gemacht, die hohe Beteiligung zu nutzen, um möglichst unterschiedliche Altersgruppen, Fahrräder, und Wohnorte auszuwählen. Außerdem gibt es gleich viele Männer wie Frauen. Ein Freund des Teams studiert Scientific Computing. Der hat sich mit Helena in einer Nacht einen tollkühnen Verteilungsalgorithmus ausgedacht!

Wie läuft es bisher? Was sind Schwierigkeiten oder Herausforderungen? Was sind vielleicht Überraschungen oder neue Erkenntnisse?

Hendrik: Es war tatsächlich ein Kraftakt, das alles in der kurzen Zeit auf die Beine zu stellen. Wir haben am 1. Mai angefangen. Da gab es noch keine App, keinen Sensor, nicht einmal einen fertigen Bauplan. Die andere Erkenntnis ist eigentlich sehr schön, wenn auch arbeitsintensiv: Es gibt so viele unterschiedliche Typen von Fahrrädern, Handys und Arten, damit umzugehen, dass wir sehr viele einzelne Lösungen für die unterschiedlichen Freiwilligen finden mussten. Interessant ist aber auch schon jetzt: Keiner von uns kann den Überholabstand beim Radfahren wirklich gut einschätzen. Gemessene Fakten und gefühlter Abstand sind sehr unterschiedlich.

Euer Projekt wurde schnell über Berlin hinaus bekannt. Wer interessiert sich inzwischen für den Radmesser und warum? Gibt es viele Anfragen, einen Radmesser zu kaufen?

Hendrik: Ja, die Resonanz ist riesig. Anscheinend haben wir einen Nerv getroffen. Es kommen Anfragen von anderen Journalisten und aus der Forschung, aber auch von Privatpersonen und Verwaltungen. Übrigens auch nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa und darüber hinaus.

Was sind nun die nächsten Schritte? Was ist die langfristige Perspektive des Projekts?

Michael: Gerade sind wir sehr damit beschäftigt, das Analyseverfahren für die Millionen von Datenpunkten fertig zu entwickeln. Da rechnet ein Computer schon mal einige Tage. Außerdem kümmern wir uns um die 100 Radmesser, die unterwegs sind. Das hat Priorität. Wie es danach weitergehen könnte, müssen wir in Ruhe zu Ende überlegen. Aber wir haben da schon ein paar Ideen…

 

 


Hier wird das Projekt Radmesser in einer schön visualisierten Swipe-Story erklärt und in Kapitel 5 erste Ergebnisse verraten: https://interaktiv.tagesspiegel.de/radmesser/

Die Interviewpartner auf Twitter:
Hendrik Lehmann: @plateauton
Michael Gegg: @Michael_Gegg

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