Per Rad zum Standesamt

  „Aussteigen? Umsteigen? Absteigen? Aufsteigen! Mit eigener Kraft in ca. 1 Jahr ans andere Ende der Welt. Frau (35) sucht dafür ab Mitte 92 umgänglichen Reisepartner.“ VON KERSTIN E. FINKELSTEIN, FOTOS: PRIVAT.

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Gemeinsame Pamir-Pass-Überquerung.

Im Frühjahr 1991 setzt Christine Kammel diesen Text in den Kleinanzeigenteil der radzeit. „Ich las die Zeitschrift damals ehrenamtlich Korrektur und dachte spontan, ich könnte mal so versuchen einen Reisepartner zu finden!“ Tatsächlich meldeten sich mehrere Herren, mit denen Christine sich traf und Probetouren unternahm. „Es musste ja nicht nur beim gemeinsamen Radfahren passen, auch der Hintergrund war wichtig – also ob der andere ungefähr über das gleiche Budget verfügt, damit es unterwegs nicht andauernd Gespräche darüber gibt, ob man jetzt etwas machen kann oder nicht.“ Eine endgültige Entscheidung war bis zum Mai des Jahres noch nicht gefallen. Zum Glück, denn erst jetzt besuchte der frisch nach Berlin gezogene Karl Förster einen Radreisevortrag in der TU. Und nahm dort gleich ein paar alte radzeiten mit, die einige ehrenamtliche ADFC Recken dort verteilten. „Abends im Bett habe ich die noch durchgeblättert, bin auf die Anzeige gestoßen und dachte sofort: ‚Radzeit 03_04-Druckfassung_Seite_07_Bild_0004Das machst du!‘ Gleich am nächsten Tag habe ich Christine angerufen!“ Die beiden verabredeten sich zu einem ersten Treffen im Café Einstein. „Das war am 6. Juni 1991. Christine da klaglos Fahrten von 80 Kilometern und mehr absolvierte, das war ich von Frauen bislang nicht gewöhnt!“ Karl gelang es, „die anderen Bewerber aus dem Feld zu schlagen“, anschließend begab man sich auf Deutschlandtour, „wir wollten ja auch sehen, welche Ausrüstung wir brauchen und welche Situationen uns begegnen können“, so Christine, die mit der bevorstehenden Weltreise vor allem den Wunsch nach dem Überschreiten eigener Grenzen verband. „Wir würden dann ja unterwegs sein ohne Freundeskreis, ohne gewohnte Strukturen und in Situationen, die man sich vorher gar nicht vorstellen kann.“ Das war auch auf der Deutschlandtour bereits so. Die beiden hatten beschlossen, wild zu campen, und lernten bei der Suche nach freien Feldern oder Vorgärten viele Menschen kennen, die sie spontan zu sich nach Hause einluden und deutlich gastfreundlicher und offener waren als vermutet.

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Ich besaß damals noch ein Auto und fand einen Parkplatz ausgerechnet direkt vor dem Standesamt. Dem hab ich damals noch keine große Bedeutung beigemessen“, schließlich suchte Christine ja in erster Linie einen Reise- und keinen Lebenspartner. Dass es auf die große Weltreise indes mit männlicher Begleitung gehen sollte, war ihr aufgrund der zu querenden Länder wichtig. „Paare werden anders betrachtet als zwei allein reisende Frauen.“ Der erste Kaffee verlief beidseitig erfreulich, sodass man sich bald auf die ersten gemeinsamen Touren machte. „Ich war sehr überrascht, dass Unterwegs stellten die beiden auch fest, dass sie durchaus noch mehr als die gemeinsame Lust am Radfahren verband, sodass es auf die Weltreise schon als Paar ging. Im Juni 1992 starteten die beidenschließlich zu ihrer zweijährigen Tour gen Neuseeland und passierten unterwegs unter anderem Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Syrien, Jordanien, Indien, Pakistan, China und Australien. „In den zwei Jahren sind wir ungefähr 22.000 Kilometer mit dem Rad gefahren, wobei die schönste Strecke für uns die zwischen Islamabad (Pakistan) und Kashgar (China) war. Das war landschaftlich so überwältigend schön, dass wir sie 1995 noch einmal geradelt sind.“ Zwei Jahre waren die beiden bis nach Neuseeland unterwegs – und 24 Stunden bRadzeit 03_04-Druckfassung_Seite_07_Bild_0001rauchten sie, um wieder zurück im Berliner Alltag zu landen. „Wir wollten beide eine Weile aussteigen, einmal mit Abstand auf unser Leben und unseren Beruf schauen, hatten aber zu keinem Zeitpunkt den Wunsch, ganz aus Deutschland zu verschwinden.“ Und auch nicht aus dem inzwischen gemeinsamen Leben: Auf den Tag genau sieben Jahre nach dem ersten Treffen wurde geheiratet, in dem Standesamt, zu dem Christines Auto den Weg schon ganz allein gefunden hatte. Nur dass die beiden diesmal per Fahrrad kamen. „Ich bin so dankbar dafür, dass ich damals diese Idee mit der Anzeige hatte und wir uns so kennenlernten“, sagt die ehemalige radzeit-Korrektorin. „Und ich kann jedem, der einen Partner sucht, nur empfehlen, das über gemeinsame Interessen zu tun.“ ADFC und radzeit stehen gerne als Mittler bereit!


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