Offene Fragen zum Mauerweg

Der Berliner Mauerweg macht ein Stück deutscher Geschichte erlebbar und ist wichtiges Tourismusziel. Trotzdem befinden sich große Teile in miserablem Zustand. Nun will der Senat endlich Abhilfe schaffen. Doch die derzeitige Planung berücksichtigt nicht alle Mängel, die der ADFC in seiner eigenen Prüfung dokumentiert hat. Von Kai-Uwe Thiessenhusen.

In ihrer letzten Ausgabe berichtete die radzeit darüber, wie Aktive des ADFC Berlin den Mauerweg auf seine Befahrbarkeit und Beschilderung getestet haben.¹ Die Ergebnisse trugen sie in einem Online-Geoportal zusammen.² Auch der Berliner Senat ist inzwischen erfreulicherweise der Ansicht, dass der Mauerweg als „weltweit einmaliger Themenpfad“ ein herausragend wichtiges touristisches Aushängeschild für Berlin ist. Am 8. Januar beschloss er auf Vorlage von Verkehrssenatorin Regine Günther ein Konzept zur Instandsetzung und zur barrierefreien Gestaltung des Wegs.

Der Senat plant, für die Sanierung einzelner Abschnitte 12,4 Mio. Euro im Doppelhaushalt für die Jahre 2020/21 einzustellen. Darüber hinaus strebt er an, weitere Mittel aus dem Fonds „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ zu beschaffen. Die landeseigene Grün Berlin GmbH soll das Betriebsmanagement des Mauerwegs übernehmen, um gleichbleibende Qualität zu gewährleisten. Auch will sich das Land Berlin mit Brandenburg und den angrenzenden Kommunen abstimmen.

Bereits im Sommer 2018 machte der Senat eine Bestandsaufnahme zur Qualität des Mauerwegs. Auf einer im Internet veröffentlichten Karte³ ist verzeichnet, auf welchen Abschnitten er kurz-, mittel- oder langfristig zur Tat schreiten wolle und wo kein Handlungsbedarf bestehe. Außerdem sind schwerwiegende Mängel- und Gefahrenstellen vermerkt.

Auffällig ist, dass der Senat deutlich weniger Mängel feststellt als die Aktiven des ADFC, die etwa zeitgleich den Weg befahren und geprüft haben. Unklar ist, nach welchen Standards hinsichtlich Wegebreite, Wegeführung und Wegweisung der Senat geprüft hat.

So gilt der Abschnitt an der einstigen innerberliner Sektorengrenze überwiegend als mängelfrei. Nur etwa 20 Prozent der Strecke sind als langfristiger Bedarf ausgewiesen. Das längste Teilstück davon ist ausgerechnet die eigentlich einwandfreie Route am Teltowkanal neben der Autobahn. In den mittelfristigen Bedarf fallen nur der Abschnitt von Wilhelmsruh bis zum Nordgraben und zwei sehr kurze Passagen in Treptow. Kurzfristiger Handlungsbedarf besteht nach der Senatsanalyse lediglich an drei Stellen: in Neukölln zwischen Britzer Allee und Chris-Gueffroy-Straße, wo der eigentliche Mauerweg nur über Stufen erreicht wird und der Radfahrer – bei miserabler Beschilderung – durch das Neuköllner Industriegebiet geführt wird; sowie an zwei sehr kurzen Abschnitten im Bereich Bornholmer Straße und Pankow. Hinzu kommen vier punktuelle Mängelstellen.

Die ADFC-Aktiven sind bei ihrer Prüfung zu einem gänzlich anderen Ergebnis gekommen: In Mitte und Pankow gibt es eine Reihe von erheblichen Mängeln an Belag, Beschilderung und Verkehrssicherheit. Und im Bereich nördlich der Bornholmer Straße bis nach Wilhelmsruh hat der Belag teilweise gravierende Schäden . Laut Senat besteht, bis auf sehr kurze Teilstücke, jedoch kein oder nur langfristiger Handlungsbedarf.

Oft wurde der Mauerweg behelfsmäßig geflickt. Jetzt soll die historische Route von Grund auf erneuert werden.

Nicht nachvollziehbar ist aus Sicht des ADFC, dass in der Senatsstudie der Abschnitt durch den Mauerpark als „überwiegend mängelfrei“ eingestuft wird. Hier hat man – ganz abgesehen von der aktuellen Baustellensituation – vor allem an Wochenenden heftige Konflikte mit anderen Nutzergruppen. Hinzu kommt das Kopfsteinpflaster im Verlauf der alten Schwedter Straße. Dort verläuft nicht nur der Mauerweg, sondern auch der Radfernweg Berlin – Kopenhagen. Auf die unhaltbare Situation hatte der ADFC Berlin bereits im letzten Jahr aufmerksam gemacht und Lösungsvorschläge unterbreitet.4

Die Testfahrten der ADFC-Aktiven in Mitte ergaben, dass Radfahrende im Regierungsviertel durch die Beschilderung vom Mauerweg weggeführt werden. An mehreren Stellen stehen Schilder, die in Sackgassen führen, etwa hinter dem Reichstag. Wer den vorhandenen Mauerwegschildern folgt, radelt dem Sicherheitsdienst des Bundestages direkt in die Arme.

Wurzelaufbrüche verderben jeden Fahrspaß. An vielen Orten wie hier in Neukölln ist die Sanierung lange überfällig.

Deutlich mehr Mängelstellen hat der Senat an der Grenze zum Umland ermittelt, doch auch hier mit anderen Ergebnissen als der ADFC. Im Bereich Rudow/Schönefeld gibt es einige Abschnitte, die nach Maßstäben des ADFC nicht zumutbar sind – der Senat erkennt dagegen bis auf kurze Teilstücke mit langfristigem Handlungsbedarf keine Mängel. Mittelfristig möchte der Senat ausgerechnet etwas an den gerade frisch sanierten Wegen im Westteil von Lichtenrade ändern – möglicherweise fand die Prüfung noch vor der Sanierung statt? Dagegen bewertet er das anschließende Teilstück nach Marienfelde, das teilweise noch den Original-DDR-Belag inklusive gefährlicher Rillen hat, als mängelfrei.

Ein besonderes Augenmerk des ADFC liegt auf der doppelten Führung des Mauerwegs im Bereich Wannsee und Potsdam. Die Grenzsicherungen der DDR lagen hier am westlichen Ufer der Gewässer. Ausgeschildert wurde der Mauerweg aber auf dem östlichen Ufer über Wannsee und die Fähre nach Kladow – eine Streckenführung, die kaum Bezug zur Mauer hat. Bis 2016 baute dann die Stadt Potsdam den Weg am Jungfernsee aus und schilderte den zu Potsdam gehörigen Teil ebenfalls als „Berliner Mauerweg“ aus. Kommt man nun zur Landesgrenze an der Glienicker Brücke oder aus Kladow in Richtung Heilandskirche, weisen Schilder den Mauerweg plötzlich in drei Richtungen aus.

Begrüßenswert ist, dass die Bestandsaufnahme des Senats auch den Potsdamer Abschnitt einbezieht. Wichtig wäre hier eine klare Unterscheidung beider Routen in der Beschilderung. Was für Berliner bereits irritierend ist, wird Auswärtige komplett überfordern. Zusätzliche Infotafeln sollten den Nutzern erklären, warum es hier plötzliche eine Potsdamer und eine Berliner Route gibt.

Es ist gut, dass der Senat die Bedeutung des Berliner Mauerwegs erkannt hat. Um die riesigen Potentiale des Weges angemessen zu nutzen, bleibt jedoch noch viel zu tun. Die Mängeldokumentation des ADFC liegt dem Senat vor.


¹ https://radzeit.de/sanierung-des-berliner-mauerwegs-geschichte-erfahren

² Link zum ADFC-Geoportal: https://geoplattform.adfc-berlin.de/mauerweg/

³ Pressemitteilung des Senats vom 8. Januar: https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2019/pressemitteilung.772316.php

4https://adfc-berlin.de/radverkehr/aus-den-bezirken/pankow/621-mauerpark-auch-fuer-radfahrende.html


Bilder: © Maike Berndt