Nicht schlecht gestaut

Auf einer zweitägigen Runde zwischen Oberhavel, Odertal und Uckermark lässt sich Wasserbaukunst aus mehreren Jahrhunderten erleben – und hervorragender Fahrkomfort genießen. Text und Fotos: Stefan Jacobs

Die Schnelle Havel trägt das Tempo eher im Namen als im Wasser. Vielleicht ist sie erschöpft nach zwei trockenen Sommern, oder ihr Nachbar ist zu gierig. Aber so sieht er nicht aus, der Voßkanal, der schnurgerade von Nord nach Süd durch den Landkreis Oberhavel verläuft, während die Havel als schilfgesäumtes Flüsschen durch die Wiesen nebenan mäandert. Hier entlang kam einst der Baustoff für Berlin: Milliarden von Ziegeln, die bei den Tonstichen um Zehdenick gebrannt und in die Hauptstadt verschifft wurden – erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dann noch mal für den Wiederaufbau nach 1945. Hier also, eine Bimmelbahnstunde nördlich von Berlin, beginnt diese Wochenendtour, deren erste Etappe Wasserstraßen folgt, die einst Kaiser und Könige planen ließen, während auf der zweiten Etappe die Uckermark ihre Reize zeigt. Die Routenplanung ergab sich aus dem Kartenstudium: guter Belag, kaum Autoverkehr, viel Wasserblick.

Echtes Fahrrad vor täuschend echtem Wandbild in Zehdenick.

In Liebenwalde wird die Ruhe des autofreien Radwegs nur kurz gestört, bevor es ostwärts in den Wald geht am Ufer des „Langen Trödel“. Trödel kommt von Treideln, also dem Schleppen der Kähne vom Ufer aus. Das übernahmen anfangs Pferde, da die Dampfmaschinen in der Frühzeit des Kanals um 1750 wenig taugten. Der alternative Antrieb ist auch auf dem Symbol der ab hier als „Oder-Havel-Radweg“ beschilderten Route zu sehen: ein großes rechteckiges Stoffsegel am Mast der Kähne.

Weil der Lange Trödel die Masse der Transportgüter zwischen Berlin, dem Industriezentrum Eberswalde und den Großstädten östlich der Oder nicht mehr bewältigen konnte, wurde bis 1914 parallel der heutige Oder-Havel-Kanal gebaut – doppelt so praktisch, aber nicht halb so schön wie der alte, der sich als glitzerndes Band durch kleine Ortschaften zieht, die ihre Existenz wohl ihm verdanken. Jetzt wirkt das Wasser wie eine Vorgartenverschönerung – mit Seerosen und allerlei hübschen Sitzplätzen. Bei Zerpenschleuse kreuzt der Radweg zwar den neueren Kanal, aber dann folgt er wieder dem alten, auf dem nur hin und wieder ein Bötchen aus der Nachbarschaft schippert.

Die langen Beine machen den Wasserturm von Eberswalde zum Hingucker.

Auf das Idyll folgt ein für Brandenburger Verhältnisse großes Stadtgebiet. Es beginnt mit einem glänzenden Solarzellenmeer am ehemaligen Flughafen Finowfurt und zieht sich über zehn Kilometer am Finowkanal entlang nach Eberswalde. Viel Platz für den Radweg am Ufer war offenbar nicht, aber es reicht und fährt sich hübsch, solange man keine Rekorde plant. Tatsächlich empfiehlt sich eher das Gegenteil, also sich Zeit zu lassen für Abstecher zu Industriedenkmälern wie der Messingwerksiedlung und dem vierfüßigen Wasserturm. Manches ist toll saniert, während anderes verfällt – etwa die Papierfabrik, die laut Erklärschild einst sogar die Queen belieferte und 1994 nach mehr als 200 Jahren dichtgemacht wurde. Es gibt viele dieser Schilder, die die Geschichte von Ort und Wasserstraße gut erklären. So wie an der Schleuse Drahthammer mit ihrem Wärterhaus von 1840, das jetzt zur Kaffeepause lädt – und bei Bedarf zu einem Ausflug in den Familiengarten Eberswalde. Wer mit Kindern radelt, kann für diesen und den herrlich im Wald gelegenen Eberswalder Zoo einen Zusatztag einplanen.

Ostwärts verläppert Eberswalde hinter Gärten und Wiesen, aber der Finowkanal als Begleiter bleibt. Erst in Niederfinow müssen wir uns von ihm verabschieden – und zwar schnell, damit wir rechtzeitig vor Kassenschluss 17.30 Uhr am Schiffshebewerk sind. Das hievt seit 1934 die Schiffe auf dem Oder-Havel-Kanal über die 36 Meter Höhenunterschied zwischen dem Barnim und dem Oderbruch. Unwirklich groß steht der graue Stahlkoloss am steilen Hang. Und er steht nicht mehr allein: Seit 2009 ist nebenan das Neue Schiffshebewerk errichtet worden – aus Beton und noch größer, aber nach demselben Funktionsprinzip, bei dem ein Trog samt Schiffen hoch- und runtergefahren wird, wobei sich gleichzeitig an hunderten Stahlseilen mit Umlenkrollen befestigte Gewichte in die Gegenrichtung bewegen, damit der Kraftakt für die Motoren zu schaffen ist. Hauptunterschied zwischen dem alten und dem neuen Werk ist, dass das eine funktioniert und die Eröffnung des anderen immer wieder verschoben wird. „Wird wohl Ende 2020“, sagt die Mitarbeiterin, die oben am Kanal Fische füttert, während sich das Tor hinter einem Kreuzfahrtschiff schließt. Dessen Passagiere verpassen allerdings den grandiosen Ausblick aufs von Hügeln gerahmte grüne Oderbruch, den man nur von der Besucherplattform hat und der jetzt am Abend mit der Sonne im Rücken wie ein Gemälde wirkt.

Das alte Schiffshebewerk Niederfinow funktioniert seit 1934, das neue vielleicht 2020.

Nach einem Schlussspurt auf verkehrsreicher Straße erreichen wir nach 73 Kilometern unser Quartier zwischen Liepe und Oderberg am Nordrand des Oderbruchs. Kurz nach unserer Ankunft kommt das Kreuzfahrtschiff am Grundstück vorbei. Dann wird es sehr dunkel und sehr still.

Das Frühstück genießen wir mit Blick auf den Oder-Havel-Kanal, der in der Morgensonne dampft. Die heutige Etappe wird die längere und außerdem hügelig. Schon beim Start quälen wir uns steil auf Uralt-Pflaster zur Landstraße hinauf, die nach Oderberg führt. „Oderberg ist keine sterbende Stadt, sondern schon tot“, hatte der Wirt gesagt: Fast zwei Drittel der einst gut 6000 Einwohner seien weg; von der großen Werft sei nur das Museum übrig. Das ist schon wegen des Schaufelraddampfers am Ufer nicht zu verfehlen. Dahinter ist Oderberg schon wieder zu Ende. Der ausnahmsweise etwas holprige Weg am Kanal führt geradewegs nach Hohensaaten, von wo es auf dem grandiosen Oder-Neiße-Radweg nordwärts geht. Anfangs führt das Asphaltband auf dem Deich zwischen zwei Wassern entlang: Links die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße als Fortsetzung des Schifffahrtsweges zwischen Ostsee, Stettin und Berlin-Brandenburg. Und rechts die schnell strömende Oder mit ihren weiten Auen, auf denen die Natur ihre Ruhe hat.

Die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße ist die schiffbare Alternative zur Oder.

So geht das bis nach Stolpe, wo seit dem Mittelalter weithin sichtbar der „Grützpott“ genannte Burgturm auf den Hügeln thront. Auf jenen Hügeln, mit denen die Uckermark beginnt. Wie ein Hohlweg führt das Sträßchen aus dem Odertal hinauf und weiter als Obstbaumallee über die Dörfer und die weiten, welligen Felder, in denen geschmolzene Eiszeitblöcke malerische kleine Teiche hinterließen.

Erholung von der Beinarbeit gibt’s in Angermünde mit seinem See direkt in der Stadt und danach an der vom NABU betriebenen Blumberger Mühle, wo die Natur quasi durch die Lupe betrachtet und erklärt wird. Danach taucht der Radweg in die Buchenwälder der Schorfheide ein und spuckt einen in Wolletz wieder aus, wo der frühere Dorfkonsum als Café und Burger-Restaurant mit eingebauter DDR-Warenvitrine weiterlebt. Mentale Erbauung gibt’s ein Stück weiter in der Glambecker „Radfahrerkirche“. Autoverkehr gibt es wieder nur sporadisch, oft ist man ganz allein. Und allein bleibt einem auch die Entscheidung überlassen, ob man den Wegweisern nach Joachimsthal folgt, von wo aus man nach 68 Radelkilometern per Bahn im Stundentakt nach Berlin zurückkäme. Oder ob man noch fit genug ist für weitere 30 komfortable Kilometer durch die hügeligen Felder und Wälder der Uckermark bis nach Templin, wo man je nach Wetter noch in den blitzblanken Lübbesee springen oder sich in der Therme erholen kann, bevor einen der Zug aus diesem Idyll zurück nach Berlin bringt.

Fast 300 Jahre haben diese Fachwerkhäuser in Templin auf dem Buckel.

Infos:
Zwischen Berlin-Ostkreuz, Zehdenick und Templin fährt die RB 12 im Stundentakt. Die Route ist komplett beschildert und zu mehr als 95 Prozent gut ausgebaut. Zur Orientierung unterwegs eignet sich die Bikeline-Radkarte „Barnim Schorfheide“ (Verlag Esterbauer). Wer im „Riverside Inn“ (wo es jeden Abend ein Buffet gibt) zwischen Liepe und Oderberg übernachten will, sollte frühzeitig reservieren: www.riversideinn.de.
Hier findet sich eine Kartenansicht der Strecke.

Hier gibt es die GPS-Tracks beider Etappen zum Download (Dateiformat: .gpx)