Neue Fahrradstraßen für Berlin

Gleich zwei neue Fahrradstraßen soll Berlin bekommen, in Neukölln und Friedrichshain. So sieht es zumindest aus, denn bei genauerem Hinsehen haben die Bezirksämter das letzte Wort. Über Hindernisse, die Schutzbereiche in Berlin einzurichten und über ihre Grenzen und Möglichkeiten. TEXT UND FOTO VON NIKOLAS LINCK.

Eine Art inoffizielle Fahrradstraße ist das Weigandufer in Neukölln schon lange, so beliebt ist die idyllische Verbindung enntlang des Neuköllner Schifffahrtskanals unter Radlern. Der erste offizielle Antrag, sie zur Fahrradstraße zu machen, wurde 2013 zunächst von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) abgelehnt. Erst zwei Jahre später wurde nun auf Druck von Anwohnern und Aktivisten des »Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln« der Antrag erneut im Verkehrsausschuss behandelt und angenommen.

Unwille des Bezirksamts
Auch die Rigaer Straße und ihre Verlängerungen Weidenweg und Palisadenstraße in Friedrichshain sollten bereits im Sommer 2012 zur Fahrradstraße gemacht werden. Der Antrag wurde aber vom Bezirksamt mit der Begründung abgelehnt, die parallel verlaufende Frankfurter Allee verfüge schon über Radwege, außerdem müsse der Durchgangs- und Anliegerverkehr in der Rigaer Straße aufrecht erhalten werden. Das klingt nicht so, als ob es nicht geht, sondern als ob man nicht will. Denn die Gründe sind fadenscheinig: Anliegerverkehr ist ohnehin in jeder Fahrradstraße Berlins freigegeben. Durchgangsverkehr ist wohl kaum notwendig, wenn parallel die sechsspurige Frankfurter Allee verläuft. Und wer den Radweg auf derselben kennt, weiß auch um seine Probleme. In Stoßzeiten ist der schmale Weg überfüllt und führt zudem im Zick- Zack-Kurs um U-Bahnausgänge herum, sodass Konflikte mit dem Fußverkehr vorprogrammiert sind. Auch die Luftqualität ist in der Rigaer besser als an der Hauptstraße: Der Grenzwert für Feinstaub wurde auf der Frankfurter Allee 2015 erneut überschritten – so wie in insgesamt sieben der letzten elf Jahre. Dort gilt: Wer täglich in die Pedale tritt und damit Abgase vermeidet, hat am meisten unter den Giften zu leiden.

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Ruhige Alternative zur Frankfurter Allee: die Palisadenstraße.

Fahrradstraße? Wenn, dann bitte richtig
Fahrradstraßen haben eine wichtige Botschaft: Hier haben die Radfahrenden Vorrang und dürfen zum Beispiel nebeneinander fahren, ohne am Fahrbahnrand zu kleben, um Autos überholen zu lassen. Trotzdem gilt an jeder Kreuzung Rechts vor Links, sodass eine zügige, ungestörte Fahrt nicht möglich ist. Hintergrund: Fahrradstraßen sind Nebenstraßen, und dort ist das die gängige Regelung. Die StVO erlaubt aber auch hier, an bis zu drei Kreuzungen hintereinander »einmalige Vorfahrt« anzuordnen. Das sollte in einer viel befahrenen Fahrrad-Hauptverkehrsachse auch angewendet werden. Gegen den Schleichverkehr, der sich tagtäglich durch Fahrradstraßen schlängelt, helfen nur verstärkte Kontrollen durch Polizei und Ordnungsamt. Von Fall zu Fall sind bauliche Hindernisse wie eine Diagonalsperre möglich, eine Reihe von Pollern quer über die Kreuzung. Radfahrer können diese passieren, während Autos abbiegen müssen – das stört nur den Durchgangsverkehr, nicht die Anlieger.. Diese grundsätzlichen Probleme sollten genauso überdacht werden wie die gängige Voraussetzung für die Einrichtung von Fahrradstraßen, es sollte dort mehr Radverkehr als Kraftverkehr herrschen. Denn vollkommen klar ist, dass die Straße erst mit ihrer Ausweisung als Fahrradstraße attraktiv für Radfahrende wird und der Radverkehr ansteigt. Während derlei Überlegungen dringend in den Bezirken ankommen müssen, bleibt die Zukunft der Rigaer Straße ungewiss. Wir hoffen währenddessen auf viele weitere Fahrradstraßen in Berlin. Und darauf, dass Radfahrende dort irgendwann wirklich Priorität haben.