Mit der App durch Berlin

  „In 30 Metern rechts abbiegen.“ Woher kommt diese freundliche Frauenstimme? Nur ein Typ mit Skandinaviermütze ist außer uns auf dem Radstreifen unterwegs. Der junge Mann mit dem roten Dreitagebart grinst. „Das ist Esther, eine Freundin von mir“, sagt er und deutet auf sein iPhone, das er mittels einer Gummilasche am Fahrradlenker befestigt hat. VON CLAUDIA LIPPERT UND KATRIN STARKE.

Esther hat der Handy- App von „BikeCityGuide“ ihre Stimme geliehen, mit deren Hilfe Nutzer auf fahrradfreundlichen Wegen durch Berlin gelotst werden. Und der Radler neben uns ist Andreas Stückle, der Erfinder dieser Orientierungshilfe für Hauptstadt-Besucher und Neu-Berliner. Stückle ist ehemaliger Fahrradkurier. Während der fünf Jahre, die er in Österreich lebte, hat er pro Jahr mehr als 10.000 Kilometer auf seinem Rennrad abgerissen. In Wien kannte er jede Ecke. Wenn er mal in einer deutschen Großstadt unterwegs war, frag2013-01-14_Radzeit-01-Druck_Seite_06_Bild_0002te er gern vorher bei Kollegen 2013-01-14_Radzeit-01-Druck_Seite_06_Bild_0003an, wo denn da etwas los sei und welche Strecke er dorthin am besten fahre – natürlich mit seinem Rad, dem betagten Vehikel mit dem goldenen Lenker, das er fast immer dabei hat. „Die Kurier-Community ist eng vernetzt.“ Irgendwann kam ihm der Gedanke: „Hey, die Infos, die wir uns gegenseitig geben, wollen wir nicht als Schatz hüten, sondern preisgeben.“ Die Idee der App für internetfähige Smartphones war geboren. Andreas besorgte die Infos, flinke Programmierer aus dem Freundeskreis bastelten ihm die Anwendung. Los ging’s in Österreich, dann kamen Apps für Schweizer Großstädte, seit einigen Monaten weitet Bike-CityGuide sein Angebot auf Deutschland aus.

In 14 deutschen Städten können sich Radfahrer inzwischen mittels Handy durch die Straßen navigieren lassen. Berlin durfte da natürlich nicht fehlen – zumal Andreas seit einem Jahr in Friedrichshain lebt und die deutsche Zentrale seiner eigens für die Vermarktung der App gegründeten Firma in Moabit zu Hause ist. „Rund 150 000 Menschen ziehen Jahr für Jahr nach Berlin. Die kann man mit so einer innovativen Herangehensweise wie unserer App von vornherein fürs Radfahren begeistern“, ist Stückle überzeugt. Wobei sein „Masterplan“ schon viel weiter reicht: „Ziel ist, eine Plattform für urbanes Radfahren zu gründen für jede europäische Stadt, in der es sich lohnt, Rad zu fah-ren.“ Was die App bietet? Zunächst einmal ist es ein ganz normales Navigationsgerät, das auf Basis von OpenStreet-Map – im Internet frei verfügbarem Kartenmaterial – nach Eingabe von Start und Ziel die fahrradfreundlichste Route berechnet. „Was als radfreundlich gilt, haben wir selbst definiert“, erklärt der Erfinder. So werden dem Nutzer Strecken gewiesen, an denen Radstreifen oder -wege vorhanden sind, die möglichst keine Pflasterung haben und nur wenig motorisierten Verkehr. Eher bekommt der Radler eine kaum befahrene, leise Straße empfohlen, die parallel zu einer Hauptverkehrsstraße verläuft, auch wenn die Hauptstraße vielleicht sogar einen Radweg hat und der Weg kürzer wäre. Außerdem sind acht Sightseeing-Touren vordefiniert – entwickelt von Bekannten von Andreas, die jahrelang als Tourguides in Berlin unterwegs waren. 2013-01-14_Radzeit-01-Druck_Seite_06_Bild_0004Knapp 20 km ist beispielsweise die Friedrichshain- Kreuzberg-Tour lang. Neben Streckenbeschreibung und Karte gibt’s Hinweise auf Sehenswürdigkeiten mit Bild und Infos aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia. „Künftig wollen wir enger mit den Tourismusagenturen der jeweiligen Städte zusammenarbeiten, um noch bessere Infos zu bekommen“, kündigt Andreas an. Auch eigene Sightseeing-Touren können sich Nutzer mit wenigen Klicks zusammenstellen: „Man wählt aus den eingespeicherten Sehenswürdigkeiten die aus, die man sich anschauen will, das Programm verbindet die einzelnen Punkte und rechnet die Länge der Strecke aus, sobald das Handy ein GPSSignal empfängt“, erklärt Andreas.

Dass die Konkurrenz nicht schläft, ist ihm bewusst. So bietet auch der Potsdamer Anbieter komoot eine Routenplanung für Radfahrer an. Abhängig davon, ob man Radwanderung, Mountainbike- oder Rennradtour plant, berechnet komoot mehrere Routen und informiert über Wegetypen und -beschaffenheit.Zwischen der schnellsten, der sichersten und der grünsten Route durch die Stadt können Nutzer des Routenplaners BBBike wählen, den Slaven Rezić entwickelt hat. Sein Navi informiert auch darüber, ob Strecken mit einem Fahrradanhänger zu bewältigen sind. Was dagegen Andreas Stückle als Vorteil seiner App sieht: „BikeCityGuide ist eine Fahrrad-Navigations-App, die komplett ohne aktive Datenverbindung funktioniert.“ Das Kartenmaterial müsse nur einmal geladen werden. „Beim Offline-Routing hält die Ladung des Handy-Akkus um ein Vielfaches länger.“ Noch müssen fürs Herunterladen der App einmalig 4,95 Euro berappt werden. Doch sei man in Kooperationsgesprächen mit der Stadt – in der Hoffnung, die App künftig kostenlos anbieten zu können.

Routenplaner für Berliner Radler:
www.bikecityguide.org
www.komoot.de
www.bbbike.de


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