Mit dem Rad auf Streife

Radfahrer in Uniform sind rund um Brandenburger Tor, Kanzleramt oder Großen Tiergarten schon seit mehr als drei Jahren ein gewohnter Anblick. Doch wo bislang nur die Fahrradstaffel der Polizei ihre Runden drehte, fahren nun auch Mitarbeiter des Ordnungsamtes Mitte auf dem Velo Streife. Text und Fotos von CLAUDIA LIPPERT.

Janine S. hat ihr Trekkingrad aus dem Fahrradkeller geholt, vorm hinteren Eingang des Rathauses Mitte an der Karl-Marx-Allee wartet bereits ihr Kollege Martin M. mit seinem schwarzen »Cube«. Janine kontrolliert noch einmal den Inhalt ihrer Tasche auf dem Gepäckträger. Schreibmappe, Erste-Hilfe-Set, Maßband, Schutzhandschuhe, alles da. Neben das mobile Datenerfassungsgerät, mit dem sie »Knöllchen« ausdrucken kann, passt noch die kleine Flasche Wasser. Es kann losgehen, signalisiert die 29-Jährige ihrem Kollegen mit dem Daumen nach oben.

Die Ordnung auf zwei Rädern: Nicht nur in Mitte, sondern auch in Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau sind Mitarbeiter des Ordnungsamtes auf Fahrrädern unterwegs. © Claudia Lippert

Die beiden sind zwei von derzeit sechs Mitarbeitern des allgemeinen Ordnungsdienstes in Mitte, die seit Oktober 2017 per Velo auf Streife gehen. Ihren vollständigen Namen möchten sie nicht nennen. Als Ordnungsamtsmitarbeiter hätten sie keinen leichten Stand, würden angepöbelt, beleidigt. Obwohl die Akzeptanz bei den Bürgern deutlich gestiegen sei, seit sie auf dem Fahrrad unterwegs seien, sagt Martin M. »Von Radfahrern, aber auch von Fußgängern haben wir schon viel positives Feedback bekommen«, betont er. »Nur von Lieferanten nicht, wenn die mal wieder Radstreifen zugeparkt haben«, fügt Janine hinzu.


»Von Fahrradfahrern, aber auch von Fußgängern haben wir schon viel positives Feedback bekommen.«
Ordnungsamtsmitarbeiterin Janine S.


Die Karl-Marx-Allee entlang radeln die beiden Beamten zum Alexanderplatz. Janine
weist ihren Kollegen auf die Fußgänger neben den Tramgleisen hin, fährt auf die Gruppe zu. Freundlich erklärt sie den Leuten, mit ihrem Stadtplan in der Hand ganz offensichtlich Touristen, dass sie auf dem Radweg entlangspazieren. Ein älterer Mann entschuldigt sich, die Gruppe macht den Weg frei. Nicht immer geht das Zusammentreffen von Bürgern und Kiezstreife so nett vonstatten. Wenn auf dem Alex mal wieder aggressiv gebettelt wird, werden die beiden von den Übeltätern schon mal heftig beschimpft. »Mit den Rädern sind wir ganz schnell dort, wo die Bettler uns nicht erwarten«, sagt Janine. Sie erinnert sich genau, wie es war, als sie noch zu Fuß dort Streife lief: »Ein Pfiff – und keiner machte mehr irgendetwas.«

Fluchtversuch zwecklos
In den Sommermonaten hätten sie auf dem Alex viel mit Alkohol trinkenden und rauchenden Kindern zu tun. »Wir sind zuständig für die Gefahrenabwehr«, sagt Janine. Nicht nur im Straßenverkehr, macht sie deutlich. »Zu den Aufgaben des allgemeinen Ordnungsdiensts gehört auch der Jugendschutz«, erklärt der 49-jährige Martin. Mit Beginn der Grillsaison werden er und seine Kollegen wieder verstärkt durch den Monbijoupark oder den Großen Tiergarten radeln. Es habe lange genug gedauert, dass Grillverbot dort durchzusetzen. »Mit dem Rad können meine Mitarbeiter den Tiergarten in einer Schicht viermal durchqueren, zu Fuß gerade einmal«, hat Ronald Mikkeleitis, Leiter des Außendienstes beim Ordnungsamt Mitte, erzählt, bevor wir losgeradelt sind. Hundehalter würden nicht mehr versuchen, mit ihrem nicht angeleinten Tier vor den Ordnungskräften zu fliehen. »Die wissen, dass es nichts bringt abzuhauen, wenn unsere Leute kräftig in die Pedale treten«, so der Oberamtsrat, der sich seit Jahren eine Radstaffel gewünscht hatte.

Mit dem Fahrrad sind die Mitarbeiter des Ordnungsamts oft schneller am Ziel als mit dem Auto. © Claudia Lippert

Neuer Blickwinkel
Die Aufgaben der radelnden Mitarbeiter seien die gleichen wie die der Streifen, die zu Fuß oder im Elektroauto unterwegs sind. »Aber de facto ist es mehr Verkehrsüberwachung«, sagt Mikkeleitis, weil die Fahrradstreife die Verkehrssituation besser übersehen könne. »Zugeparkte Zebrastreifen oder Radwege nehmen die Kollegen vom Rad aus viel eher wahr.« Nach der ersten Streifentour sei ein Kollege der Velostaffel zu ihm gekommen und habe gesagt: »Chef, das ist ein völlig neuer Blickwinkel. Man bewertet Gefahren vom Rad aus ganz anders als vom Auto aus.« Von der »Radgemeinde« werde die Staffel gut angenommen. »Wenn ich vom Rad aus einen Radfahrer anspreche, der auf dem Bürgersteig fährt, habe ich viel weniger Diskussionen als früher«, ist Janines Erfahrung. Man begegne sich auf Augenhöhe. Die meisten Radler seien einsichtig, wenn sie sich falsch verhalten hätten. Aber auch die Leute der Staffel verstehen eher, warum ein Radfahrer an einer unübersichtlichen Kreuzung lieber über den Bürgersteig fuhr. »Wir werden von Autofahrern ja teilweise genauso übersehen wie andere Radler auch«, sagt Janine.


»Bei der Erprobung durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat sich gezeigt, dass sie durch die Fahrräder gerade in der stark verkehrsbelasteten Innenstadt besonders schnell und wendig sind. Außerdem können sie die Verkehrssituationen besser aus der Perspektive von Radfahrenden beurteilen und Missstände entdecken, die vom Auto aus schwer zu erkennen sind.«
Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne)


Manchmal bitten Autofahrer die radelnden Ordnungskräfte aber auch umw Hilfe. »Wir haben keine Türen, die uns abschotten von den Bürgern – die Leute rufen uns einfach etwas zu«, erzählt Janine. So wie der Autofahrer, der auf der Torstraße eingeparkt ist, wo Janine und Martin mittlerweile unterwegs sind. »Ord 1 125 ruft Leitstelle«, spricht Martin in das Push-to-talk-
Gerät, das er an seiner Jacke zwischen Schulter und Brust befestigt hat. Die Abfrage ergibt, dass der Halter nicht in der Nähe wohnt. In dem Fall hätte er bei ihm klingeln und das Problem vielleicht schnell lösen können. So aber gibt es kein Pardon. Der Umsetzwagen wird gerufen.

Weitere Radstreifen geplant
Um die 200 Euro kostet das Abschleppen. Ein stolzes Sümmchen, das die Frau im Wedding wohl geschockt habe, mit der sich die Radstreife vor ein paar Tagen auseinandersetzen musste. »Die parkte in der Badstraße auf dem Schutzstreifen.« Als sie gesehen habe, wie die Radstaffel ihren Wagen umrundete, sei sie mit erhobenen Händen auf die Ordnungskräfte zugelaufen. »Nicht aus Angst vor uns«, sagt Janine und lacht, »sondern weil sie sich gerade ihre Nägel machen ließ«. Die Frau habe gemeint, in einer Stunde sei ihre Maniküre beendet. So lange müsse das Auto stehen bleiben, sonst sei die Nagelmodellage für die Katz gewesen. Schließlich sei sie doch weggefahren, laut fluchend. »Die 30 Euro Verwarnungsgeld muss sie trotzdem zahlen«, sagt Janine, die sich manchmal darüber ärgert, wenn sie und ihre Kollegen nur als »Knöllchenschreiber« gesehen werden. »Wir leisten Dienst für die Bürger.« Denen werden demnächst noch öfter radelnde Kiezstreifen begegnen: In Kürze sollen fürs Ordnungsamt Mitte vier weitere Fahrräder angeschafft werden.

Kurze Rücksprache mit der Zentrale, dann kommt der Umsetzwagen. © Claudia Lippert

Wenn Janine und Martin heute nach der Schicht – sie wollen jetzt noch Unter den Linden entlang und über den Gendarmenmarkt – ihre Räder wieder in den Rathaus-Keller bringen, werden sie 30 bis 35 Kilometer auf dem Zähler haben. »Xmaliges Auf- und Absteigen inklusive«, sagt Martin. Der Besuch im Fitnessstudio ist da wohl entbehrlich.

Radelnde Ordnungskräfte auch in anderen Bezirken
Mitte ist nicht der einzige Bezirk, in dessen Ordnungsamt es eine Radstaffel gibt: Seit 2007 radeln von Ende März bis Ende Oktober bereits Ordnungskräfte in Charlottenburg-Wilmersdorf durch die Straßen. Die Fahrradstreife habe sich zu einem festen Bestandteil im Außendienst entwickelt. Und werde aufgrund der guten Erfahrungen auch in Zukunft beibehalten, so Stadtrat Arne Herz (CDU). Die Nähe zu den Bürgern sei größer, auch würden Verkehrssituationen »stärker aus der Perspektive von Radfahrenden beurteilt«, sagt Herz, der einen möglichen Ausbau prüfen will. Auch im Spandauer Ordnungsamt gibt es seit vorigem Jahr sechs Dienstfahrräder. Allerdings existiert hier keine feste Radstaffel, »sondern die Räder können auf freiwilliger Basis von allen Kollegen im Außendienst genutzt werden«, sagt Amtsleiterin Elke Gassert. Es gebe einen großen Kreis an Kollegen, die gerne damit fahren«. Insbesondere, wenn sie in Ecken unterwegs seien, in denen die Straßen regelmäßig verstaut seien.

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