Mecklenburgische Eiszeitroute: Über Berg und Urstromtal

Ein 666 Kilometer langes Routennetz erschließt den wunderbaren Süden  von Mecklenburg und Vorpommern. Doch das Vergnügen will erarbeitet sein.

Text und Fotos von Stefan Jacobs.

 

Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne, aber bei der Eiszeitroute ist eher Zauberei gefragt. Genauer gesagt: Der Versuch, eine Strecke zu zaubern, bei der man die gesamte beschilderte Tour fährt, aber keinen Abschnitt doppelt. Was leider scheitern muss, denn die Eiszeitroute liegt auf der Landkarte von Meck-Pomm wie ein verbeultes Wagenrad, dessen gut 400 Kilometer umfangende Felge von fünf krummen Speichen durchzogen wird. Die Radnabe (genau genommen sind es drei) liegt etwa bei Neubrandenburg. Am Tollensesee, der ja allein schon eine Reise wert ist, wie sich später zeigen wird. Für den Start empfiehlt sich Fürstenberg, das Berlin am nächsten liegt und im Stundentakt per Regionalzug erreichbar ist. Das Städtchen an der Havel (Ja, die kommt aus dem Norden!) ist von der B96 gepeinigt, die mangels Umgehungsstraße mitten durchs Zentrum führt. Es ist der Tribut, den die herrliche Lage Fürstenbergs zwischen drei Seen fordert.

Ausblick vom Reiherberg über den Haussee aufs Städtchen Feldberg. © Stefan Jacobs

Wir fahren westwärts auf ruhigen Sträßchen durch den Wald über die Landesgrenze nach Meck-Pomm. Immer wieder glitzert Wasser. Hier ist nur wenig Verkehr – zumindest auf dem Land. Auf den Kanälen herrscht dagegen sommerlicher Hochbetrieb: Viele, viele bunte Paddler fädeln sich zwischen schwimmenden Lauben und Grillhütten in die Schleusen, die dem Andrang kaum gewachsen sind. Aber die Mecklenburger Kleinseenplatte ist groß genug, dass auch in den Ferien jeder eine ruhige Ecke findet. Das Dörfchen Schwarz ist eine solche. Es lohnt die Rast auch wegen der Schau lokaler Fossilien im Gemeindehaus und wegen der Ausstellung vor der Kirche gegenüber, die zur Eiszeitroute passt: Dutzende aufgereihte und beschriftete Brocken, die die Gletscher einst aus Skandinavien herschoben und liegen ließen, als sie vor zehntausend Jahren langsam schmolzen. Steinerne Grüße, teils fast so alt wie die Erde selbst.

Die Töpferei Neu Tellin liegt einzeln zwischen weiten Feldern. © Stefan Jacobs

Die Eiszeitroute ist neuer, aber wirkt auch nicht taufrisch. Sie entstand ums Jahr 2000 als Nebenprodukt eines Geopark-Projekts: komplett ausgeschildert, aber nie ausgebaut. Sie erschließt in ihrer Mischung aus Rad-, Feld- und Waldwegen sowie Landstraßenstücken all die Schönheiten, die der Mecklenburger Süden der Eiszeit zu verdanken hat – also die von den Gletschern zusammengeschobenen Hügel ebenso wie die Senken und Rinnen, in denen schmelzende Eisblöcke und abfließendes Wasser zu Seen wurden. Allein an diesem ersten Radeltag waren es mehr als ein Dutzend. Zum krönenden Abschluss erreichen wir die Müritz, die eher einem Meeresarm ähnelt. Über Wiesen mit schnatternden Wildgänsen geht es nach Ludorf. Dort hat Manfred Achtenhagen das backsteinerne Gutshaus als feines Hotel wiederbelebt. Achtenhagen ist auch Vorsitzender des Vereins der Schlösser, Guts- und Herrenhäuser. Von denen steht (oder bröselt) fast in jedem Mecklenburger Dorf eins; übrig aus den Jahrhunderten, in denen die Bauern für Adlige schufteten. Rund ein Drittel der insgesamt rund 1500 Objekte sei saniert und werde zumeist touristisch genutzt, erzählt Achtenhagen. Ein weiteres Drittel existiere wie zu DDR-Zeiten, also als Gemeindebüro oder Kita oder Wohngebäude. Und ein Drittel verfalle. Achtenhagen hält fast alle noch für rettbar, wenn sich die richtigen Leute finden – mit einem Plan und möglichst auch mit Geld.

Herrlicher Seeblick aus dem kürzlich restaurierten Schloss Kummerow. © Stefan Jacobs

So einer hat gerade das weiter nördlich gelegene Kummerower Schloss am gleichnamigen See gerettet, der groß und blau in einer tiefen Senke liegt. Der Berliner Investor hat die würdevolle graue Patina des Schlosses bewahrt. Hier, wo es weniger Seen und Touristen gibt, sollen großformatige Fotoausstellungen Besucher locken.

Wir kurbeln uns oberhalb des Seeufers zum nächsten Quartier: In Verchen, einem Idyll am Ende der Landstraße, hat ein lokaler Investor das Schloss zum Jugendhotel restauriert. Das Brauhaus nebenan steht auf den Mauern eines Klosters aus dem 12. Jahrhundert. Im Park plätschert Wasser aus einem durchbohrten Findling. Ein Zufallsfund aus dem nahen Kiestagebau.

Karte zum Vergrößern anklicken © Infotext GbR

In Demmin ist der nördlichste Punkt der Route erreicht. Durchs grüne, weite Tollensetal geht es nun auf einer »Speiche« der Eiszeitroute südwärts nach Altentreptow, wo neben einer Kleingartenanlage der größte Findling des deutschen Festlandes liegt: acht mal fünf mal sechs Meter. Macht 360 Tonnen. Wir sind schwer beeindruckt.

Ein paar kleinere Artgenossen sind in der Neubrandenburger Stadtmauer verbaut. Sonst gibt die größte Stadt der Region, im Krieg zerstört, wenig her. Ihr Highlight ist der blitzblanke, zwischen steilen grünen Hängen liegende Tollensesee. An dem entlang fahren wir Richtung Müritz-Nationalpark: Hin durchs Quellgebiet der Havel nach Waren mit seinem munteren, bunten Freizeithafen und der aufgebrezelten Altstadt. Und am nächsten Tag über die einstige Herzogsresidenz Neustrelitz zurück – abseits der beschilderten Eiszeitroute, mitten durch dieses riesige Areal aus Wäldern, Sümpfen und kleinen Seen, die früher Staatsjagdgebiet waren und seit der Wende wachsen dürfen, wie es der Natur gefällt.

Was nun noch fehlt, ist die östliche Außenbahn, die durch die nördliche Uckermark und die Feldberger Seenlandschaft führt. Dünn besiedeltes, fast durchweg hügeliges Land, das die Tour zur Bergetappe macht – reizvoll fürs Auge, anstrengend für die Beine. Neben der Strecke erheben sich die Helpter Berge, mit 179 Metern die höchsten in Meck-Pomm. Zur Belohnung gibts kurz vor dem Etappenziel ein Bad im Breiten Luzin bei Feldberg, der dank gelöster Mineralien vom Hochufer her karibisch türkis funkelt, aber beim Eintauchen superklar ist.

Die Burg Klempenow im Tollenseetal – mit Café, Ausstellung, Hofladen und Bootsverleih. © Stefan Jacobs

Nach sandigem Start auf Naturwegen endet auch der letzte Tag erfrischend. Wir sind wieder in Fürstenberg mit seinen vielen Gewässern und einem Havelarm mit »Fisch-Kanu-Treppe« mitten im Zentrum. Der Speicher im Kopf ist übervoll mit Mecklenburger Impressionen aus immerwährendem Auf und Ab zwischen Seen und weiten Feldern, deren Ränder die Trikolore aus blauen Kornblumen, weißer Kamille und rotem Mohn ziert. So wohnt der Eiszeitroute bis zum Ende ein Zauber inne. Und ein paar besonders holprige oder stark befahrene Abschnitte ohne ausgewiesene Highlights haben wir einfach weggezaubert – mit Mut zur Lücke.

Einen Flyer und Infos zur Route (inkl. Etappenvorschläge) gibts online unter www.eiszeitroute.com. Zur Orientierung unterwegs und ggf. zur Umfahrung schlechter Wegstrecken empfiehlt sich eine zusätzliche Karte. »Mecklenburgische Seen Ost« aus der Bikeline-Serie (Esterbauer Verlag) deckt den größten Teil der Strecke ab, für Ost- und Westrand werden zusätzlich »Uckermark« und »Mecklenburgische Seen West« gebraucht. Wer die Gegend bei einem 300-km-Jedermannrennen (bzw. 90-km-Frauenrunde) auf durchweg guten Straßen erleben will: Die nächste »Mecklenburger Seenrunde« findet am 25./26. Mai 2018 statt; Infos und Anmeldung: www.mecklenburger-seen-runde.de.

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