Kleine Brücke mit großer Wirkung: Kein Plan in Pankow

© Marion Rösch

Im Sommer 2018 droht eine 18-monatige Vollsperrung der Pankower Königsteinbrücke über die A 114. Obwohl sie eine wichtige Verbindung für Alltagsradler wie auch Radreisende und Ausflügler ist, fehlt bislang eine akzeptable Umleitung. Der Fall zeigt nicht nur, wie Radfahrende bei Baustellenplanungen immer wieder das Nachsehen haben, sondern auch, wie gleichgültig der Verkehrsverwaltung touristische Radrouten sind. Von Susanne Jäger.

Autobahn und Bahngleise zerschneiden den Norden Pankows in zahlreiche Inseln. Brücken und Unterführungen sind deshalb von zentraler Bedeutung für die Nahmobilität innerhalb des Bezirks. Die Königssteinbrücke verbindet die Ortsteile Französisch-Buchholz und Karow für Fußgänger und Radfahrende. Gleichzeitig gibt es für den Radverkehr von und nach Buch und Bernau fast nur den touristischen Fernradweg »Berlin-Usedom«, der ebenfalls über die Brücke führt. Auch die halb fertige Radialroute 6 des »Fahrradroutenhauptnetzes« vom Schloßplatz nach Buch/Bernau soll über diesen Fernradweg verlaufen und dient als Nord-Süd-Verbindung.

Schul- und Arbeitsweg blockiert

Zu Fuß und mit dem Fahrrad ist die Königsteinbrücke in Pankow für viele Menschen eine sehr wichtige Verbindung. © Marion Rösch

Eine kleine Brücke mit großer Bedeutung, etwa für die Schüler des Robert-Havemann-Gymnasiums in Karow, von denen viele die Brücke für den täglichen Schulweg nutzen. Oder für die 3.000 Angestellten des Campus Buch und den noch einmal so vielen Menschen am benachbarten Klinikstandort, von denen viele täglich mit dem Fahrrad die Königsteinbrücke passieren, wie Campus-Mitarbeiterin Marion Rösch weiß. Bei der Aktion »Wer radelt am meisten« belegte der Campus Buch 2016 den ersten, 2017 den dritten Platz. »Dieses Jahr können wir den Wettbewerb wohl vergessen«, sagt Rösch mit Blick auf die geplante Sperrung. Der Campus setzt stark auf aktive Mobilität. Trotz der Lage am Stadtrand kommen nur ca. 20% der Beschäftigten mit dem Auto, die Übrigen nutzen den ÖPNV, das Fahrrad oder eine Kombination aus beidem.

Dr. Kathleen Anders arbeitet am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin auf dem Forschungscampus und ist schon vor Jahren aufs Fahrrad umgestiegen, »um nicht mehr von Bus und Bahnen abhängig zu sein«. Für sie und viele ihrer Kollegen würde eine Sperrung der den täglichen Arbeitsweg blockieren.

»Hier muss dringend eine Ersatzlösung gefunden werden, denn auch die S-Bahn hat neue Baumaßnahmen angekündigt«, mahnt die Wissenschaftlerin. Auch Dr. Stefanie Herda, Wissenschaftlerin am benachbarten Experimental and Clinical Research Center (ECRC), will nicht anderthalb Jahre auf ihr Fahrrad verzichten: »Der Pankeradweg ist für mich eine wichtige Alternativroute zu den vollen Straßen und zum oft unterbrochenen öffentlichen Nahverkehr«. Letzteres wird ausgerechnet während der geplanten Sperrung akut sein: S- und Regionalbahn haben für mehrere Wochen Schienenersatzverkehr angekündigt.

Über diese Umleitung sollen nicht nur Radfahrende auf dem Weg zur Schule oder Arbeit geführt werden, sondern auch die vielen Radtouristen auf dem Berlin-Usedom-Radweg. © Marion Rösch

Umleitung über Treppen und Kopfsteinpflaster

Die vorgesehene Umleitung soll über den knapp einen Kilometer weiter südlich gelegenen Hebammensteig und die gleichnamige Fußgängerbrücke führen. Sie verfügt über eine Treppe mit Schieberinne und ist daher mit einem normalen Fahrrad beschwerlich, mit Lastenrad oder Anhänger aber gar nicht benutzbar. Auch die weitere Umleitungsstrecke östlich der A 114 ist dank grobem Kopfsteinpflaster für Radfahrende ein Graus – den Berlin auch Touristen auf dem Berlin-Usedom-Radweg zumuten will. Auf dem sind jährlich rund 15.000 Radtouristen unterwegs, was ihn zu einem der wichtigsten Radfernwege in Berlin und Brandenburg macht. Die derzeitige Planung ist deshalb für Maike Berndt, Fachreferentin für Tourismus beim ADFC Berlin, vollkommen unverständlich: »Die Umleitung würde Radreisende praktisch zwingen, ihre Tour erst außerhalb der Stadtgrenze zu starten. Das bedeutet für Berlin nicht nur Umsatzeinbußen, sondern auch einen gewaltigen Imageschaden«, so die Tourismusberaterin.

Verlauf des Berlin-Usedom-Radweges in Berlin-Blankenburg (lila) und die geplante Umleitungsstrecke (rot). Quelle: openstreetmap.org

Alternativen gesucht

Für den ADFC Berlin wäre die vorgeschlagene Strecke über den Hebammensteig nur dann akzeptabel, wenn die Treppe durch eine Rampe ergänzt würde, die sie auch für mehrspurige Fahrräder benutzbar machte. Zusätzlich müsste die weitere Strecke teilweise asphaltiert oder mindestens die Fugen des Kopfsteinpflasters ausgegossen werden. Die unbestritten beste Lösung wäre eine Behelfsbrücke während der Bauzeit, die eine Vollsperrung verhindert. So eine Maßnahme ist zwar kostspielig, aber für den Autoverkehr auf der weiter nördlich liegenden Bucher Straße vorgesehen. Für den Fuß- und Radverkehr keine, der für Umwege viel empfindlicher ist, scheint sie keine Option.

Obwohl die Verkehrsverwaltung laut Koalitionsvertrag den umweltfreundlichen Verkehr fördern soll, scheinen die Prioritäten noch klar beim Auto zu liegen. Wie sie auch aussehen mag – eine bessere Lösung für Radfahrende muss her, bevor die Baumaßnahmen in einigen Monaten beginnen. Alles andere wäre für touristische als auch Alltagsradler eine Ohrfeige – und stünde weder der Stadt noch dem Bezirk gut zu Gesicht.

 

Weitere Informationen zur Sperrung der Königsteinbrücke:

Beitrag auf der ADFC-Website

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