Kidical Mass: Radeln für eine sichere Zukunft

Viele Eltern sagen, sie könnten ihr Kind nicht alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren lassen – obwohl sie eigentlich eine Fahrradfamilie seien. Zum Kidical Mass-Aktionswochenende rollen die Kinder durch Brandenburgs Straßen – und setzen ein bitter nötiges Zeichen für eine andere Verkehrspolitik. Von Nicholas Potter.

Mit Anhängern, Kindersitzen und Lastenrädern strömt ein bunter Fahrradkorso am 18. September durch die Eberswalder Innenstadt. Ganz vorne mit dabei: Mini-Aktivist*innen, die für sichere Radwege in der Stadt demonstrieren. Heute gehört die Fahrbahn ihnen: Insgesamt 80 Kinder und Eltern nehmen an der vom ADFC Brandenburg, VCD und der CM-Eberswalde organisierten Kidical Mass teil – einer kinderfreundlichen Version der Critical Mass- Aktion, zu Deutsch: kritische Masse. Die inzwischen globale Fahrradbewegung erobert durch ihre Aktionen die Straßen für nicht motorisierte Verkehrsteilnehmende zurück, zumindest für ein paar Stunden. Das gelingt an diesem Tag auch in Eberswalde – mit vielen selbstfahrenden Kindern und trotz Nieselregens. Die Aktion kommt gut an: Die Kidical Mass ist als Demonstration angemeldet, wird von einer lokalen Bio-Bäckerei mit Brötchen unterstützt und auch die Polizei zeigt sich kooperativ.

Es ist die zweite Kidical Mass in Eberswalde. Von den Autofahrer*innen der Stadt kommen gemischte Reaktionen: „Manche haben aus dem Fenster gewunken, sie wären gerne ausgestiegen und mitgeradelt“, erklärt Karen Greiderer, eine der Organisator*innen der Demo. Dennoch ist sie über die Polizeibegleitung froh: „Weil es leider viele Menschen gibt, die das Ganze nicht verstehen – da kochen auch gern mal die Emotionen hinter der Windschutzscheibe über.“

Dabei gibt es genug Gründe, um gegen die Verkehrssituation für Radfahrende in Eberswalde zu protestieren. So liegen zum Beispiel Schulen und Kitas an einer viel befahrenen Bundesstraße, für die Tempo 50 gilt. „Der komplette Verkehr bahnt sich da durch die Stadt, inklusive Lkw und Schwertransportern“, erzählt Greiderer. Sie kritisiert zudem unübersichtliche Kreuzungen, fahrradunfreundliche Ampelschaltungen und auf der Fahrbahn aufgepinselte „Schutzstreifen“, die teilweise deutlich schmaler sind als 150 cm und sicheres sowie entspanntes Radfahren unmöglich machen. „Viele Eltern sagen: ‚Ich kann mein Kind nicht alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren lassen.‘ Manche fahren deshalb sogar mit dem Auto hin, obwohl sie eigentlich eine Fahrradfamilie sind“, so Greiderer weiter. „Sie wollen keinen Unfall riskieren.“

Großer Tag für die Kleinsten: Zur Kidical Mass erobern sie sich die Straßen
© ADFC/Deckbar

Mit der Kidical Mass haben die Organisator*innen einen Nerv getroffen

Einen Tag später, am 19. September, findet in Königs Wusterhausen die erste Kidical Mass statt, organisiert von Eltern. Für viele Kinder ist es ihre erste Demonstration überhaupt – für einige Eltern auch. Bereits im Vorfeld erhielten die Organisator*innen positive Reaktionen auf die Aktion: Zahlreiche Menschen meldeten sich bei ihnen, um ihre Unterstützung anzubieten. „Das hat uns sehr gefreut. Es zeigte uns, dass wir mit dieser Demo einen Nerv getroffen hatten und das Thema ‚sichere Radwege für Kinder‘ viele Menschen interessiert“, erzählt Sara Riffel, die die Demo mitorganisiert hat. Beim Verteilen von Flyern und Plakaten habe sie viel Zuspruch erfahren. So erklärten sich fast alle der angesprochenen Läden und Restaurants in der Innenstadt von Königs Wusterhausen bereit, die Flyer auszulegen oder sogar Plakate aufzuhängen. Auch die Lokalzeitung berichtete darüber.

Mehr als 80 Menschen nehmen an der Kidical Mass in Königs Wusterhausen teil – darunter Kinder, Eltern und Großeltern. Mit Polizeikorso und Klingelkonzert rollen sie durch die Innenstadt und setzen ein bitter nötiges Zeichen für eine andere Verkehrspolitik. Das betont auch Reinhard Kähler von der Ortsgruppe des ADFC in seiner Rede auf der Kundgebung. Die Aktion soll Druck machen – und wird mit Aktionspostkarten mit den Zielen der Kidical Mass ergänzt, welche an die Bundestagsabgeordnete Sylvia Lehmann (SPD) überreicht werden. Auch für eine Campact-Petition für ein kinder- und fahrradfreundliches Königs Wusterhausen werden Unterschriften gesammelt, bislang haben 300 Menschen unterzeichnet.

Für eine sichere Zukunft steigt die ganze Familie aufs Rad
© ADFC/Deckbar


Die Dringlichkeit der Verkehrswende wird vielen jeden Morgen auf dem Schulweg bewusst

Eberswalde und Königs Wusterhausen sind nicht alleine mit ihren Aktionen in Brandenburg: In den vergangenen Wochen fanden auch in Potsdam und Brandenburg an der Havel Kidical-Mass-Demos statt. Denn die Dringlichkeit einer Verkehrswende, die den Namen auch verdient, wird vielen Eltern und Kindern jeden Morgen auf dem Schulweg schmerzlich bewusst: Gefahren durch falsch geparkte Fahrzeuge, rücksichtslose Raser*innen und Radwege, die einfach abrupt aufhören, sind nur einige der Probleme. Daher fordert der ADFC Tempo 30 in den Innenstädten, vor Schulen womöglich auch Schrittgeschwindigkeit. Auch baulich getrennte Radwege und eine lückenlose Fahrradinfrastruktur müssen zum Verkehrskonzept gehören. Der ADFC setzt sich zudem für Verkehrssicherheitsschulungen für Kinder sowie für weniger Elterntaxis ein.

Die Kidical Mass in Königs Wusterhausen war die erste Demo überhaupt, die Sara Riffel und ihre Mitorganisatorin Katherina Toth-Butzke organisiert haben. Doch es wird nicht die letzte sein: „Nachdem wir auch ein paar Mitstreiter*innen hinzugewinnen konnten, können wir uns sehr gut vorstellen, im nächsten Jahr wieder eine Kidical Mass in Königs Wusterhausen zu organisieren“, erzählt sie. „Denn mit einer Demo allein ist es nicht getan. Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir weiter Druck auf die Politik machen und unser Anliegen in die Öffentlichkeit tragen.“ Auch Karen Greiderer aus Eberswalde will weitermachen: „Die Euphorie nach der letzten Kidical Mass war groß.“ Gleichzeitig betont sie, dass die mediale Resonanz ebenfalls groß sein müsse, um wirklich etwas zu verändern. Und es muss sich etwas verändern: „Die Zahl der Verkehrsunfälle in Eberswalde steigt, vor allem zwischen Auto- und Radfahrenden.“ Ein Blick in die Statistik macht das deutlich: Laut dem Unfallatlas der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder gab es 2020 exakt 8.184 Verkehrsunfälle mit Personenschaden alleine in Brandenburg – davon 3.410 mit Radfahrenden. Der Landkreis Barnim, in dem Eberswalde liegt, war mit 737 gemeldeten Unfällen der traurige Hotspot.