Im Rahmen des Möglichen

Ron Sutphin lehrt, wie man perfekte Fahrräder baut – und erklärt, warum jeder eine Maßanfertigung verdient. TEXT UND FOTOS VON STEFAN JACOBS.

USA, Westküste, 1981. Bei San Francisco donnern ein paar Verrückte seit Jahren die Schotterpisten am Mount Tamalpais herunter – und erfinden das Fahrrad neu, indem sie ihre zunächst aus ballonbereiften Cruisern umgebauten Mountainbikes perfektionieren. Ringsum ist Autoland. Radfahren ist Folklore für Randgruppen, die gern leiden und gern schrauben. Und zwar selbst schrauben, denn Fahrradläden sind nicht nur selten, sondern oft auch unprofessionell. Ein Werkzeug- Großhändler bemerkt, dass viele Mechaniker mit seinen Tools nicht umgehen können – und beschließt, das zu ändern. 1981 gründet er das „United Bicycle Institute“, UBI. 500 Kilometer nördlich der MTB-Wiege grenzt Kalifornien an Oregon. Hier liegt zwischen bewaldeten Bergen die Kleinstadt Ashland mit einer Hauptstraße im Western-Stil. In einem der ebenso klischeehaften Einfamilienhausviertel steht ein unscheinbares hellgraues Haus. Darin ein Dutzend Mechaniker aus ganz Amerika um einen Konferenztisch, umgeben von Fahrrädern und Werkbänken. Ein Beamer wirft das riesig vergrößerte Bild einer Felgenbremse auf die Leinwand. Die Zwischenringe, die über den perfekten Sitz der Bremsbeläge auf der Felge entscheiden, sind farbig markiert.

Perfekter Sitz ist das Thema an diesem Ort. Denn neben den Kursen für künftige Ladenbetreiber lehrt das UBI vor allem Rahmenbau. Ron Sutphin, der 1991 als Mechaniker ans Institut kam und jetzt dessen Direktor ist, sieht Fahrraddesign vor allem als funktionales Thema: „Eigentlich hat jeder ein maßgeschneidertes Bike verdient“, sagt er. „Aber wirklich wichtig ist es für Leute, deren Statur nicht ganz dem Durchschnitt entspricht, weil beispielsweise ihr Torso im Verhältnis zu den Beinen recht lang ist.“ Mit Glück finde man so ein Rad auch von der Stange, aber meist passe es entweder nicht perfekt zum Fahrer oder zum Einsatzzweck. So tausche ein fitter Händler beispielsweise den Lenkervorbau aus, damit der Kunde gut sitzt. Aber bei flotter Fahrt stimme vielleicht der Schwerpunkt nicht mehr, weil die Geometrie des Hinterbaus nicht mehr passt. Kleine Ärgernisse, die man auf großer Fahrt deutlich spürt. Die eierlegende Wollmilchsau könne auch er nicht bauen, sagt Sutphin: „Ein Rad für jeden Zweck muss immer ein Kompromiss bleiben.“ Er selbst „würde es hassen, nur ein Rad zu haben“, sagt er. „Ich will ein Mountainbike, ein Rennrad, ein Stadtrad. Na ja, und Tandems sind auch nett.“ Wer sich für die maßgeschneiderte Variante entscheide, sollte vorher seinen Rahmenbauer persönlich treffen, rät der 55-Jährige: „Am besten, man macht sich dazu schon selbst ein paar Gedanken, vor allem zum genauen Einsatzbereich.“ Lohnen könne sich der Aufpreis fürs Unikat beispielsweise bei einem leicht laufenden Citybike mit Rennrad-Genen für den Alltag, das dank abnehmbarer Gepäckträger auch ausnahmsweise für verlängerte Wochenendtouren tauge, ohne mit Ballast den Radleralltag zu beschweren. Die zwölftägigen Rahmenbaukurse am UBl können je nach Material gebucht werden. Dass der Klassiker Stahl neben Alu, Carbon und Titan zum Exoten geworden ist, bedauert der Chef: „Diese Alu- und Carbon-Räder erzeugen meist ein sehr hartes Fahrgefühl, mit dem viele nicht wirklich glücklich sind. Stahl wiegt vielleicht ein paar hundert Gramm mehr, aber dämpft besser.“ Außerdem sei der Werkstoff nach weit mehr als 100 Jahren absolut ausgereift – und in den vergangenen 20 Jahren noch weiter verbessert worden. Nur sei das in der allgemeinen Alu-Carbon-Titan-Begeisterung etwas untergegangen. Druck-Radzeit 02 130225_Seite_05_Bild_0001

Für amerikanische Verhältnisse ist Ron Sutphin ein ziemlich nüchterner Typ; eher schweigsamer Handwerker als wortgewaltiger Verkäufer. Er ist in Ashland aufgewachsen, wo in den heimischen Werkzeugkasten auch ein Schweißbrenner gehört und man sich regelmäßig über den Weg läuft, weil das Städtchen mit 22.000 Einwohnern überschaubar ist. In Ashland wohnt man freiwillig, denn für amerikanische Verhältnisse sind hier die Steuern hoch und die Gehwege so breit, dass an einer Stelle sogar Platz für eine fest montierte Standluftpumpe und einen Ständer mit angeseiltem Fahrradwerkzeug zum allgemeinen Gebrauch ist. Wer sich hier ein Fahrrad maßschneidern lässt, tut es oft auch aus Lokalpatriotismus. Vielleicht kann Sutphin auch deshalb nach mehr als 20 Jahren im Geschäft nur wenig berichten, wenn man ihn nach enttäuschten Erwartungen der Kunden fragt. Die wenigen Missverständnisse, die er bisher erlebt habe, seien eher emotionaler Art gewesen. Besonders in Erinnerung ist ihm ein Kunde geblieben, der von einem knallblauen Rad träumte. „Der Rahmenbauer hat ihm ein Farbmuster geschickt, der Kunde fand es super, die Lackiererei hat es perfekt hingekriegt“, erzählt Sutphin und macht eine kleine Pause. „Am Ende war dem Mann das Fahrrad zu blau.“

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