Im Land der Aufrichtigen

Burkina Faso hat 15 Millionen Einwohner, eine Analphabetenquote um die 70 Prozent, ein Durchschnittsalter von 16,5 Jahren und die Hauptstadt mit dem schönsten Namen der Welt: Ouagadougou. Hier fährt man Rad. TEXT UND FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN.

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In Sabou, das südwestlich der Hauptstadt liegt, wird es schon deutlich grüner. Hier lassen sich wilde Krokodile bestaunen, die angeblich aus mythologischen Gründen keine Menschen essen; ein wenig Abstand schadet dennoch nicht.

Eine offizielle Modal Split-Erhebung gibt es zwar nicht, mein testender Blick vom Leihrad in die 1,5 Millionen-Einwohner-Stadt schätzt jedoch 40 Prozent Motorroller, 30 Prozent Fahrräder, 20 Prozent Fußgänger und lediglich 10 Prozent Autos. Und das Erstaunliche: An der Kreuzung warten selbst die Radfahrer bei Rot! Jeder gut integrierte Berliner sollte folglich umschulen und, nun ja, am besten nicht zu tief einatmen: Ouagadougou liegt in der Sahelzone und es staubt, dass es einem die Kontaktlinsen beschlägt. „Ouagadougou ist nicht wirklich sehenswert“, habe ich in dem französischen Reiseführer an der Rezeption gelesen. „Die meisten Druck-Radzeit 02 130225_Seite_12_Bild_0003Touristen nutzen lediglich den internationalen Flughafen der staubigen und lauten Stadt, um im Anschluss sofort ins Landesinnere weiterzureisen. Sie haben Recht.“ Nun sind schön und interessant nicht immer das Gleiche, weshalb ich auf der Suche nach einem eigenen Bild zunächst Richtung „Unbefleckte Empfängnis“ radele, der Kathedrale Ouagadougous. In den 1930er Jahren wurde sie unter der Leitung des französischen Missionars und Bischofs Joanny Thévenoud aus Lehmziegeln erbaut. In die zwar flache, aber langgestreckte Kirche dürften an die 1000 Menschen passen – dennoch ist sie jede Woche voll. Und ein Besuch mehr als empfehlenswert. Das europäische Konzept des zürnenden Gottes, vor dem man sich zu fürchten hat, ist hierzulande eher unbekannt. Stattdessen wird gesungen, was Musik so hergibt – von der opernreifen Solistin bis hin zum als Kanon von der Gemeinde gesungenen Gospel mit enthusiastischer Schlagzeugbegleitung. Selbst die (französischsprachige) Predigt kommt nicht pastoral daher, sondern enthält wie jede gute Rede diverse Lacher. Zum Abschluss gibt es noch ein Lied in Mòoré, der Sprache der größten von insgesamt 60 Ethnien des Landes.

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Auch ohne Funktionskleidung schön: Radfahren in Burkina Faso.

Nur etwa zwanzig Prozent der Burkinabe sprechen überhaupt französisch, zugleich lebt man in einem Religionsmix: Über die Hälfte sind Moslems, ein Viertel Christen, der Rest Animisten. Probleme habe man allerdings nicht miteinander, so Ordensschwester Maria Weiß, auf die ich nach dem Kirchenbesuch zu einem Gespräch über Gott und die Welt treffe. Die Deutsche lebt seit 42 Jahren in Burkina Faso und schafft es, dank ihrer leuchtenden Augen und der Ausstrahlung vollkommener Ruhe, dass ich plötzlich dem Missionsgedanken im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Speziellen etwas abgewinnen kann. „Jeder lebt hier ReligionDruck-Radzeit 02 130225_Seite_12_Bild_0004 nach seiner Art“, erklärt sie, auch innerhalb der Familien träfen sich meist verschiedene Glaubensrichtungen am Mittagstisch. Jedoch könne man inzwischen nur mehr hoffen und nicht wissen, ob das so bleibt – schließlich wurde das halbe Nachbarland Mali im vergangenen Jahr von radikalen Moslems unter eine Schariadiktatur gepresst. Und auch hier sehe ich tatsächlich immerhin zweimal im Laufe der kommenden Tage Frauen im Tschador Rad fahren. Wie sich überhaupt verblüffende Rad-Mensch-Konstellationen zeigen: Bis zu drei Kinder im Tragetuch und auf dem Gepäckträger kommen bequem mit, anderenfalls ein Stapel Bambus oder auch Bündel noch lebender Hühner an der Lenkstange. Wer einmal in Burkina Faso war, weiß, dass man zum Einkaufen kein Auto braucht! Und im Übrigen das Rad überall hin mitnehmen kann – zum Beispiel auf dem Kleinbus gen Süden des Landes, wo es auf dem Dach neben Motorrollern und Ziegen festgeschnallt wird. In Burkina Faso, übersetzt „Land der Aufrichtigen“, ist Radfahren etwas Alltägliches – auch als Sport. Schließlich findet mit der „Tour de Faso“ hier alljährlicDruck-Radzeit 02 130225_Seite_12_Bild_0002h das größte Radsportrennen des Kontinents statt, das gegenüber der Tour de France einen enormen Vorteil hat: Burkina ist flach! Ideal also für eine spannende, begegnungsreiche Fahrt, die zumindest eine Alleinreisende zu diversen Einladungen führen kann: Vom Tee über Honigbier und Palmwein unterwegs bis zum Rauchen in Rastafari-Gemeinschaft und Essen im Familienhäuschen eines professionellen Bongospielers.

Und wer es lieber in Gruppe und geplant mag, bucht die Radtour bei www.afrika-erleben.de. Hauptsache losfahren und ein spannendes, vielfältiges Land kennen lernen!


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