Haltung bewahren

Regina Marunde

Mehrfache deutsche Mountainbikemeisterin, Olympiasechste, Physiotherapeutin und Osteopathin: Regina Marunde ist die Expertin rund um Rad und Rücken. Mit der Berlinerin sprach Kerstin E. Finkelstein über die richtige Einstellung von Mensch und Maschine. TEXT UND FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN

radzeit: Frau Marunde, in ihrer Praxis stellen sie ihren Patienten das Rad exakt auf Körpergröße und Anspruch ein. ist so etwas nicht eher was für Profis?
Regina Marunde:
Nicht nur. Zu mir kamen vor einigen Jahren immer wieder Menschen in die Praxis und sagten, ich sei doch mal Rad gefahren, sie hätten ihres mitgebracht und vor dem Fenster abgestellt. Ob ich da nicht mal einen Blick drauf werfen könnte, ob das alles so passt. Nachdem der vierte Patient so einen Wunsch äußerte, habe ich dann gesehen, dass es da offenbar eine Nachfrage gibt.

Wie gehen sie dann vor – reicht der Blick aus dem Fenster?
Ich untersuche zunächst den Patienten selbst und sehe, wo es muskuläre Defizite gibt, wie die Haltung ist. Dann wird sein Rad in die Rolle gespannt, derjenige fährt, während ich ihn filme. Oft ist dann schon offensichtlich, warum zum Beispiel jemandem immer die Finger beim Radfahren einschlafen oder die Schultern schmerzen. Ich schaue dann, welche Abstände man auf dem Rad verlängern oder verkürzen kann. Manchmal muss auch ein neues Rad her. Da kann man dann auch schon vorher auf dem Fittingbike herausfinden, welche Maße das etwa haben müsste.
Kann ein Händler nicht sehen, wem ein Rad passt?
Die meisten Händler haben kein medizinisches Wissen und beraten ihre Kunden nur zu technischen Details. Und viele kaufen ja auch bei großen Fahrradketten oder gar im Supermarkt, wo es gar keine Beratung gibt.
Gibt es zumindest grundsätzliche Hinweise, etwa nur vollgefederte Räder fahren und möglichst aufrecht sitzen?
Man sollte sich in jedem Falle gut überlegen, wofür man sein Rad braucht. In Berlin reichen z. B. sieben oder acht Gänge vollkommen – und eine gute Federgabel kostet eben ein paar Hundert Euro. Da reichen vielleicht auch etwas breitere Reifen, um die Stöße von Schlaglöchern abzufedern. Wichtig ist ein Gepäckträger, weil es für den Rücken deutlich besser ist, wenn man Extragewicht separat verstaut, statt es selbst zu tragen. Und bei der Sitzposition haben viele eine falsche Vorstellung: Hollandräder gehen zum Beispiel gar nicht! Denn wenn man ganz aufrecht sitzt, geht jeder Schlag direkt in den Rücken. Sitzt man ein bisschen vorgeneigt, kann die Muskulatur Kopfsteinpflaster und Schlaglöcher viel besser abfedern. Wenn es zu extrem wird, etwa beim Rennrad, ist das natürlich auch nicht ideal – mit der entsprechenden Gymnastik und Muskelstärkung kann man das aber ausgleichen. Früher hieß es ja immer „Radfahren kommt vom Rad fahren“ – als sei gar kein Begleittraining nötig. Das weiß man inzwischen besser: Alleine durchs Radfahren stärkt man seine Bauch- und Rückenmuskulatur eben nicht, braucht sie aber, um entspannt unterwegs zu sein. Wenn dann also jemand zu mir kommt und sich sonst immer nur vor dem Computer aufhält, dann mache ich für den erst mal ein Gesamttrainingsprogramm fertig.
Ein bisschen Muskeln stärken und dehnen ist also in jedem Falle zusätzlich nötig. Mancher behauptet auch, Radfahren in der stadt sei wegen der Abgase überhaupt nur mäßig gesund.
Natürlich ist es noch besser, im Grunewald oder auf dem Land unterwegs zu sein. Viele glauben aber, für Sport keine Zeit zu haben – und denen empfehle ich dann, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Das ist auf jeden Fall gut für Gewicht, Herz-Kreislauf, Ausdauer und Ausgeglichenheit.  Und schließlich sind Sie im Auto ja auch der städtischen Luft ausgesetzt, stehen aber zusätzlich im Stau oder müssen einen Parkplatz suchen.
Gibt es überhaupt viele Menschen, die tatsächlich aus gesundheitsgründen Rad fahren – und nicht, weil es schlicht schneller ist und spaß macht?
Im Alter spielt die Gesundheit auf jeden Fall eine Rolle. Spätestens bei 60-Jährigen fällt ja sofort auf, ob die sich regelmäßig bewegen: Da haben Sie die ganze Spanne von denen, die sich nur noch mit dem Rollator bewegen, bis zu der Gruppe, die noch Rekorde in ihrer Altersklasse aufstellen. Das motiviert dann auch zum Radfahren. Ich habe in meiner Praxis auch manchmal Menschen, die gesundheitlich kräftig einen vor den Bug bekommen haben; die so lange gearbeitet haben, bis nun klar ist, dass sie entweder grundsätzlich etwas ändern müssen oder es eben bald vorbei ist. Aus Gesundheitsgründen mit dem Radfahren anzufangen, heißt aber noch lange nicht, dass man nicht später auch Spaß daran bekommt!

Auf dem Weg zum Foto-Schießen kommen wir an meinem Rad vorbei. Regina Marunde lässt mich ein paar Meter fahren, senkt anschließend den Sattel ab und verstellt die Bremszüge. Selbst dieser fünf Minuten-Schnell-Check zeigt schon Wirkung: Nach Hause radelt es sich entspannter. Eine komplette Behandlung (osteopathischer Check und Bikefitting) kosten 160 Euro.  regina-marunde.de


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