Graustelle Baustelle

»Berlin ist nicht, Berlin wird immer nur.« Dieser Ausspruch von Ernst Bloch zeigt sich in diesem Jahr wieder einmal besonders zutreffend. Wo man auch hinschaut, Berlin ist eine riesige Baustelle. Und noch immer scheint der fließende Autoverkehr Vorrang vor der Verkehrssicherheit der Radfahrer zu haben. VON PHILIPP POLL

Neben den Großprojekten U5 und Humboldtforum, die uns noch die nächsten Jahre Schwierigkeiten auf der Straße Unter den Linden und beim Queren derselben bereiten werden, mehren sich mittlere bis kleine Wohnungsbauvorhaben. Hierbei werden oft vermeintlich unwichtige Nebenstraßen zu Einbahnstraßen umgewidmet oder gar ganz abgeklemmt. Die Leitungsbetriebe sind derweil eifrig auf Gehwegen und Fahrbahnen zugange. Natürlich lassen sich Unannehmlichkeiten für Verkehrsteilnehmer an Baustellen nie vermeiden. Aber unsere Fallbeispiele zeigen, dass Radfahrer bei der Planung von Baustellen noch immer nicht gleichberechtigt berücksichtigt werden.

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Der bestehende Radweg ist schon lange nicht mehr benutzungspflichtig. Jetzt wird er es wieder durch ein Schild, das ursprünglich nur den Radlern während der Baustelle die Mitbenutzung des übrigen Gehwegs erlauben sollte. Schuld ist eine Richtlinie aus dem Jahr 1995, die Regelformen für die Beschilderung von Baustellen vorgibt. Schuld sind aber auch die Verwaltungsmitarbeiter, die ihren Ermessensspielraum nicht ausschöpfen. Die richtige Lösung wäre hier ein »Gehweg + Radfahrer frei« gewesen.

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Die Baufirmen sind sehr kreativ bei ihren Beschilderungen. Wenn keine passenden Schilder vorhanden sind, klebt man Schilder ab und kreiert damit neue, die es offiziell gar nicht gibt. Gerne wird auch »Radfahrer absteigen« auf dem Bürodrucker ausgedruckt und z.B. auf eine Warnbake gepappt. Diese Baustelle wandert derzeit etappenweise die Oranienburger Straße in Wittenau entlang. (Foto: Bernd Zanke)

Kein Durchkommen südlich der Invalidenstraße
Für die jüngsten Baustellen auf der Invalidenstraße wurden meist fahrradfreundliche Lösungen gefunden. Doch monatelang gab es zwischen Hauptbahnhof und Friedrichstraße kaum legale Möglichkeiten für Radfahrer die Invalidenstraße überhaupt zu erreichen oder zu queren. Während der Errichtung zweier Büroneubauten hatten die Verkehrsbehörden die Einfahrt in das Alexanderufer für Fahrzeuge aller Art gesperrt. Zahlreiche Radfahrer, die dort den Berlin-Kopenhagen-Radweg nutzen, fuhren selbstredend am Verbotsschild vorbei. Wo hätten sie auch sonst fahren sollen? Die Luisenstraße war schon damals wegen der Charité-Sanierung komplett gesperrt genauso wie das Friedrich-List-Ufer (wegen der S21-Baustelle). Die parallele Ella-Trebe-Straße westlich vom Hauptbahnhof ist zwar befahrbar, allerdings nur für Bahnfahrzeuge. Allen anderen ist die Durchfahrt verboten. Wer wirklich ortskundig war, konnte einen Geheimweg durch das Charité-Gelände nutzen. An eine Umleitungsausschilderung für Radfahrer hatte keiner gedacht. Dabei wäre die Situation auf dem Alexanderufer einfach zu entschärfen gewesen: Tempo-20 und ein »Radfahrer frei« hätte an dieser kurzen Engstelle gereicht. Für die geringe Zahl an Fußgängern hatte man es sogar geschafft, einen Weg mit Betonteilen abzugrenzen.

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Wegen einer kleinen Baumaßnahme an dieser Kreuzung wurde die Nebenstraße in eine Einbahnstraße umgewandelt. Dabei ist die Situation übersichtlich. Man hätte hier auch »Radfahrer frei« ausschildern können.

Gegenläufige Einbahnstraßen auf der Nebenroute Zillestraße
Überall in der Stadt werden inzwischen die letzten Kriegslücken geschlossen. So auch in der Charlottenburger Zillestraße. Hier sind zwei Stellen betroffen. Im westlichen Abschnitt wurde die nördliche Straßenhälfte eine Baustelle. Es blieben eine Parkspur und eine Fahrspur. Nun hätte man angesichts der Fahrradnebenroute (Platanenallee–Knobelsdorffstr.–Zillestr.) an dieser Stelle die südliche Parkspur aufheben und einen Zweirichtungsverkehr ermöglichen können. Hätte. Stattdessen entschied sich die bezirkliche Straßenverkehrsbehörde für eine Einbahnstraße in Richtung Westen. Der Zufall wollte, dass ein Bauherr im nächsten Block ein Vorderhaus wieder aufbauen möchte. Ein kleiner Baustellenbereich verengt hier nun die Fahrbahn über eine Länge von nur rund acht Metern. Auch an dieser Stelle entschied sich die Behörde für eine Einbahnstraße. Diesmal allerdings in Richtung Osten, sodass die Zillestraße nun für Radfahrer in keiner Richtung mehr durchfahren werden kann. Die Schlüterstraße, eine wichtige Nord-Südverbindung für Radler, machte die Straßenbehörde schon im letzten Jahr wegen zwei Bauvorhaben komplett dicht. Durch einen anderthalb Meter breiten Fußgängertunnel schlängelten sich fortan Fußgänger und … Radfahrer.

Umleitungen
Auch auf Hauptverkehrsstraßen wird sommers gerne gebaut. Ob U-Bahn-Bau, Tunneldeckensanierungen oder Fahrbahninstandsetzungen: der fließende Autoverkehr darf nach Möglichkeit nicht behindert werden. Besonders nicht auf der Magistrale der Bismarckstraße, die mit ihren acht (!) Fahrspuren für den Autoverkehr völlig überdimensioniert ist.

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Die Bismarckstraße ist Teil einer Fahrradhauptroute. Umso unverständlicher, dass Radfahrende an dieser kleinen Baustelle absteigen sollen. Der Gehweg ist breit genug für ein kurzes Stück Mitbenutzung und man hätte »Gehweg + Radfahrer frei« ausschildern können. Noch besser wäre gewesen, eine der vier (!) Richtungsfahrbahnen für den Radverkehr umzumarkieren

Während der Bauarbeiten sollten es selbst an Engstellen immer noch drei Fahrspuren sein. Um das zu erreichen, schickt man Radfahrer dann gerne gemeinsam mit den Fußgängern in die abgeklemmte Seitenstraße hinein, den Bordstein hinunter und wieder hinauf und wieder 15 Meter zurück. Nicht das ertse Dilemma auf der Bismarckstraße: Im Vorjahr wurde die nördliche Straßenseite aufgerissen und der Kfz-Verkehr auf Höhe der Deutschen Oper über die südliche Hälfte der Bismarckstraße führt – nicht so der Radverkehr. Den beließ man auf dem Radweg – die große Baustelle dazwischen. An der Kreuzung trafen die Kraftfahrer daher erst zehn Meter nach dem eigentlichen Abbiegen auf die querenden Radfahrer, die für sie unerwartet hinter der Baustelle hervorgeschossen kamen und wie immer vor Abbiegern Vorrang haben. Nach Intervention des ADFC wurden größere Schutzblinker aufgestellt, die den Kraftfahrern deutlich machen sollten, dass sie sich noch im Abbiegevorgang befinden. Trotzdem kam es hier zu beängstigen Situationen. Nicht wenige Radler waren hier versucht, bei Rot zu fahren, weil die Querstraße (im Gegensatz zu den hinter der Baustelle auftauchenden Abbiegern) in Gänze überblickt werden konnte.

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Diese Beschilderung ist neu: Seit hier die Benutzungspflicht des Radwegs aufgehoben wurde, stellt man auch für die Baustelle keine blauen Schilder (z.B. »gemeinsamer Geh- und Radweg«) mehr auf. Stattdessen: »Verbot für den Radverkehr«. Während für den Autoverkehr drei Richtungsfahrbahnen mit Tempo-50 zur Verfügung stehen, müssen Radfahrer bei stark gedrosseltem Tempo einen Umweg über die Seitenstraße nehmen – und das auf einer Fahrradhauptroute, monatelang.

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Umleitung gefällig? Zunächst geht’s durch einen Schilderwald über den Gehweg…

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…dann rechts in die Seitenstraße hinein (Achtung, Fußgänger rechnen nicht mit Radlern und können jederzeit hinter der Ecke hervorkommen)…

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…dann geht es scharf links den Bordstein hinunter, über die abgeklemmte Fahrbahn, Bordstein hinauf und alles wieder zurück. Ein ähnliches Szenario gab es z.B. im Frühjahr in Lichtenberg. Kam man aus der Gürtelstraße und wollte geradeaus, musste man rechts in die Frankfurter Allee hineinfahren bis zur nächsten Ampel – ein Umweg von 600 Metern!

Fazit
An den Baustellenanordnungen in Berlin sieht man, dass die Belange von Radfahrenden in den Köpfen vieler Verwaltungsmitarbeiter noch nicht verankert sind. Wichtige Radwegerouten sind in den Ämtern offenbar unbekannt oder deren Befahrbarkeit wird dem Erhalt von ein paar Parkplätzen untergeordnet.

Völlig veraltete Richtlinien werden von manchen Bezirksämtern wichtiger genommen als die aktuelle Rechtslage. An Hauptverkehrsstraßen werden noch immer anachronistische Umleitungen angelegt, die mit Lastenrädern und Kinderanhängern überhaupt nicht zu befahren sind. Bei der Beschilderung sieht es nicht besser aus. In vielen Fällen mag die Anordnung korrekt sein, aber die von den Baufirmen aufgestellten Schilder sind es selten. Viele Radfahrer scheren sich nicht darum, kommen aber bei einem Unfall in rechtliche Bedrängnis.

Der ADFC fordert deshalb dringend Abhilfe auf den genannten Gebieten. Die Verwaltungsmitarbeiter müssen entsprechend geschult werden und wissen, wo Routen des Radverkehrs verlaufen. Den Radfahrenden muss auf den Fahrradhaupt- und Nebenrouten die gleiche Priorität eingeräumt werden wie dem Kraftverkehr auf den Hauptstraßen. Die Verwaltung muss die tatsächliche Beschilderung der Baustellen kontrollieren und die ausführenden Firmen sanktionieren, wenn sie falsch beschildern.


Aktiv werden: Gefahren melden

Falls Ihr gefährliche oder diskriminerende Baustellen für Radfahrende seht, schickt eine E-Mail an die Berliner Baustellenkoordinierung – am besten mit einem Foto und einer kurzen eindeutigen Beschreibung.  Gerne kann eine Kopie an den ADFC Berlin gesandt werden.

Außerdem sollte die Baustelle, genau wie andere Gefahrenstellen, dem Ordungsamt des Bezirks gemeldet werden. Für Neukölln, Treptow-Köpenick und Lichtenberg gibt es ein gemeinsames Online-Formular, andere Bezirke sollen folgen. Bis dahin sollte in anderen Bezirken das Ordungsamt direkt kontaktiert werden (für den Bezirk Reinickendorf kann dieses Online-Formular genutzt werden).


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