Glosse – Gefühlte Zahlen

Radzeit-051114-klein1196px
Im September las ich im Newsletter des Statistischen Bundesamtes die Zahl des Monats: Ganze 166.700 Personen wurden 2012 republikweit wegen Straftaten im Straßenverkehr verurteilt. Das entspricht immerhin einem Fünftel aller überhaupt in Deutschland aufgeklärten und gerichtsfest gemachten Verbrechen.
VON KERSTIN E. FINKELSTEIN

Eine Zahl, die nach Konsequenzen rief. Ich zog, an meinem Frühstücksdinkel herumkauend, kurzfristig in Erwägung, nie wieder eine Straße zu betreten: Es war einfach zu gefährlich. Andererseits: Die Mehrheit aller Menschen stirbt im Bett und die meisten Gewalttaten werden innerhalb der Familie begangen. Nie wieder das Haus zu verlassen war also auch keine Option, der Weg ins Straftätergewühl unvermeidbar.
„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ heißt es jedoch, und so wollte ich mich zumindest versichern, vor wem es sich gesondert in Acht zu nehmen gilt. Ich rief beim Statistischen Bundesamt an. Fragte: „Sie schreiben, dass 166.700 Personen wegen Straftaten im Straßenverkehr verurteilt wurden. Wie viele davon waren denn Radfahrer?“ Stille.
„Hallo?“ fragte ich in den fernen Wiesbadener Gegensprecher. „Ich meine: Radfahrer. Diese Menschen ohne Autos, die trotzdem auf der Straße herumrollen. Wie viele von denen sind denn wegen Straftaten verurteilt worden? Ich muss doch wissen, vor wem ich mich in Zukunft besser fern halten sollte.“

Es atmete hörbar in Wiesbaden. Dann gab es sogar Worte: „Hören Sie, der ganze Report hat über 500 Seiten! Wenn wir da auch noch Unterabteilungen einführen wollten, wer da nun gerade auf einem Skateboard oder mit dem Rollstuhl unterwegs war, als er die entsprechende Handlung vollzog, dann wären das ja tausende Seiten, das wären ja Berge von Papier, die könnte ja niemand mehr bewältigen, das wäre…“
Ich sah ganz Wiesbaden vor meinem inneren Auge dem Kölner Stadtarchiv gleich in den Boden stürzen, Aktenberge vom Wind davon getragen werden; ungeordnete, unabgeheftete, ungestempelte Papiere die Republik ins Chaos stürzen. Jetzt galt es zu retten durch Vereinfachung: „Ich dachte eigentlich nur an eine Dreiteilung zwischen Fußgängern, Radfahrern und motorisiertem Verkehr.“ Wieder Stille. „Motorisierter Verkehr wären Autos, Lkw, Busse und Motorräder.“
Stille.

Ich begann zu überlegen, ob ein elektrischer Rollstuhl nicht eigentlich auch in der Kategorie des motorisierten Verkehrs auftauchen müsste, und dass ein Skateboard vier Räder hat und damit fast ein Auto ist. Und was war mit Pedelecs, den Fahrrädern mit Motor bis 20 km/h, oder gar E-Bikes, die zum Teil ihre Pedale nur noch als Alibi tragen und bequem 50 Kilometer pro Stunde fahren können? Ein in Wiesbaden schweigender Mann machte mir deutlich, wie kompliziert die Welt geworden war. Und dass keine Statistik sie mehr ins
Lot bringen konnte.
„Sie haben solche Daten nicht, und es gibt auch nirgends sonst solche Daten?“
„Nein.“
„Danke.“
Ich legte auf. Das Vakuum amtlich bestätigter Leere und Strukturlosigkeit umhüllte mich. Was tun? Bleiben oder gehen? Fahren oder laufen? Oder vielleicht einen Buggy besorgen und fortan als Fußgänger mit Wagen eine statistische Lücke der Straftatenstatistik nutzen?

Ich setzte mich auf mein Indoorbike und begann eine Pedalmeditation. Mit jedem Tritt nach unten verließ eine Unsicherheit den Körper, mit jedem Schwung nach oben sprang eine neue Idee in den Geist. Nach wenigen Minuten herrschte Klarheit: Es gibt keine Statistik, keine repräsentative Untersuchung über das Regelverhalten von Radfahrern. Niemand weiß, wie viele von ihnen rote Ampeln und Stopp-Schilder überfahren, wie viele Geschwindigkeitsbegrenzungen brechen, mitten auf der Straße parken, durchgezogene Linien kreuzen oder minutenlang laut klingeln, weil jemand ihr Rad behindert. Statt klarer Zahlen sehen wir uns nur einer Menge gefühltem Wissen gegenüber. Damit muss Schluss sein.Deshalb präsentiere ich hier nun die erste offizielle Statistik zum Thema Regelverhalten von Radfahrern:

  • 50 Prozent halten sich immer an alle Regeln. Dreißig Prozent davon machen das aus Bequemlichkeit, die anderen 70 Prozent aus Überzeugung. Man erkennt letztere daran, dass sie lieber spanische Touristen vom Radweg klingeln, anstatt diese weiträumig über den Gehweg zum umfahren. Etwa 10 Prozent der überzeugten Regelfahrer möchten die Welt zudem Teil haben lassen an ihrem Wissen und belehren unterwegs auch andere kostenlos über geltendes Recht.
  • 40 Prozent der Radfahrer halten sich an die Regeln, falls diese dem Verkehrsfluss entsprechen. Ihr oberstes Gebot lautet „Rücksicht, Umsicht, Vorsicht.“ Man erkennt diese Gruppe am Stoppen an grünen Ampeln – wenn wieder einmal ein Rechtsabbieger den Schulterblick spart.
  • 10 Prozent fahren irgendwie. Die Hälfte davon ist über 80 und schuckelt mit quietschenden Reifen bis zum nächsten Bäcker. Die andere Hälfte ist unter 40 und nervt. Man erkennt sie zumindest nachts nicht, weil sie kein Licht anmachen.

Soweit meine Statistik. Weitere mögen folgen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.