Fahrradmitnahme – Mehr geht nicht?

Vorbildlich: Die Doppelstockzüge auf dem RE3 und 5 verfügen jetzt über einen sog. »Fahrradwaggon«, der im Untergeschoss durchgängig  Mehrzweckabteil ist und auf einer Seite keine Klappsitze mehr hat, sodass schon viel Konfliktpotential entfällt. Statt der sperrigen Haltestangen gibt es nun einen Anlehnbügel unter dem Fenster, an dem man das Fahrrad mit Spanngummis ordentlich befestigen kann.  Foto: Burghard Gebauer

Vorbildlich: Die Doppelstockzüge auf dem RE3 und 5 verfügen jetzt über einen sog. »Fahrradwaggon«, der im Untergeschoss durchgängig Mehrzweckabteil ist und auf einer Seite keine Klappsitze mehr hat, sodass schon viel Konfliktpotential entfällt. Statt der sperrigen Haltestangen gibt es nun einen Anlehnbügel unter dem Fenster, an dem man das Fahrrad mit Spanngummis ordentlich befestigen kann. Foto: Burghard Gebauer

Immer mehr Menschen suchen Erholung bei einer Radtour durch die Mark und nutzen sinnvollerweise die Bahn als Zubringer. Doch der Platz reicht nicht. Und bei Streckenvollsperrungen gibt es im Ersatzverkehr keine Fahrradmitnahme. Das kann so nicht bleiben. VON PHILIPP POLL

Sanierungen im Bahnnetz haben etwas mit Zahnarzt-Terminen gemein. Kein Patient legt sich gerne unter den Bohrer, aber am Ende hat man keine Wahl. Es muss gemacht werden. Nur bei der Frage wie, also ob mit oder ohne Narkose, hat man noch einen Entscheidungsspielraum. Die Lösung mit Narkose ist im Sanierungsfall Schiene der Pendelverkehr, der ohne Narkose, das ist der Schienenersatzverkehr mit Bussen (SEV). Was für Fahrgäste, die nur mit normalem Gepäck reisen, lediglich mit Unannehmlichkeiten und Reisezeitverlusten verbunden ist, trifft den Reiseradler außerordentlich. Hat doch praktisch kein Bus im SEV-Betrieb einen Fahrradanhänger dabei. Eine Streckensperrung im Netz bedeutet für die Fahrradmitnahme in der Regel den Totalausfall einer ganzen Zielregion. Betroffen sind nicht nur Pendler, Reisewillige und Erholungssuchende, sondern auch die Wirtschaft in der Zielregion.

Der Radtourismus als Wirtschaftsfaktor
Das Land Brandenburg lässt den Fahrradtourismus seit einigen Jahren wissenschaftlich untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Radreisende in Brandenburg pro Tag 61 km zurücklegen und 31 € ausgeben. Daraus hat das Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung berechnet, dass rund ein Viertel des touristischen Umsatzes in der Mark mit dem Radtourismus umgesetzt wird (jährlich rund 850 Millionen Euro). Bundesweit waren es 2009 laut dem Deutschen Tourismusverband (DTV) rund 3,8 Milliarden Euro. Knapp
11% aller Tagesreisen in Brandenburg werden auf dem Fahrrad absolviert (in Mecklenburg-Vorpommern 6%). Profiteure des Fahrradtourismus sind vor allem die Gastronomie (rund 46% des Umsatzes) und Hotelbetriebe (17%). Die Wertschöpfung der Radtouristen bleibt
damit vor allem in der Region. Bei Reisen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern
sind es gerade die wirtschaftsschwachen Regionen, die dank ihrer intakten Natur Reiseradler besonders anziehen. Wenn wie in den vergangenen Jahren immer wieder ganze Streckenäste voll gesperrt werden und im SEV keine Fahrradmitnahme zur Verfügung steht, hat das zwangsläufig negative Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft.

Bruttoumsatz Fahrradtourismus

Nadelöhr Mehrzweckabteil
Die Eisenbahnverkehrsunternehmen (DB, ODEG, NEB) haben leider eine andere Perspektive
auf die Radreisenden. Das Fahrrad ist hier ein Sperrgut, das mit Sitzplätzen konkurriert, das
den Fahrgastwechsel an den Bahnhöfen verzögert und von unkundigen Fahrgästen gerne direkt vor Türen und Durchgängen postiert wird, die im Havariefall wichtige Rettungswege sind. Finanziell ist der »Beförderungsfall Fahrrad« denn auch nicht interessant. Der Regionalverkehr wird ohnehin zur Hälfte von den Ländern subventioniert und der Fahrrad-Mitnahmepreis ist mit Personentarifen nicht zu vergleichen. So verständlich diese Sichtweise sein mag, sie greift nicht. Das Mobilitätsbedürfnis ist einfach da und lässt sich nicht mehr ignorieren. »Wer die Verkehrswende möchte«, sagt Eva Maria Scheel, Landesvorsitzende vom ADFC Berlin, »wer dafür eintritt, dass die Großstädter ihre Privat-Autos zugunsten umweltfreundlicher Mobilität aufgeben, der muss auch Kapazitäten für den alternativen Verkehr bereitstellen.« Der ADFC setzt sich deshalb bei der Politik und beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg dafür ein, dass bei Ausschreibungen mehr Platz für Fahrräder vorgesehen wird und Konfliktpotenziale wie Klappsitze im Mehrzweckabteil abgebaut werden. Außerdem soll Fahrgästen, die mit dem Gedanken spielen, sich ins Mehrzweckabteil zu setzen, mit Schildern und Markierungen deutlich gemacht werden, dass sie den Platz gegebenenfalls für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Fahrräder wieder freigeben müssen.

Bauarbeiten und Streckensperrungen 2015
Als Reiseradler tut man gut daran, sich frühzeitig zu informieren. Besonders im Jahr 2015 soll viel saniert und gesperrt werden. Wir haben Ihnen ein paar Termine zusammengestellt, die bei Redaktionsschluss bereits bekannt waren: Von Januar bis offiziell Anfang Mai 2015 wird der Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn (Linien S1, S2 und S25) gesperrt. Durch diese Vollsperrung müssen Radler, die z.B. an ADFC-Touren teilnehmen wollen, deutlich früher losfahren. Kaum sind die Bauarbeiten an der Tunnelstrecke abgeschlossen, werden die Brückenkonstruktionen am Hautbahnhof saniert. Mit gravierenden Folgen für die Fahrgäste. Denn für mindestens 86 Tage wird die Regional- und Fernbahntrasse auf der Stadtbahn (zwischen Charlottenburg und Ostbhf.) gesperrt, nämlich vom 29. August bis voraussichtlich zum 23. November 2015. Darüber hinaus werden auch Strecken außerhalb von Berlin wegen Bauarbeiten zeitweise nur eingeschränkt bedient. Zum Beispiel auf der Dresdner Bahn (RE3 und RE7) sowie zwischen Fürstenwalde und Bad Saarow. Deshalb schon jetzt die dringende Bitte an alle Mitradler von ADFC-Touren: Auch bei bekannten Strecken und Abfahrtszeiten – kontrolliert am besten die Verbindung im Netz [1], denn hier werden Sperrungen und SEV angezeigt. Bei ADFC-Radtouren hilft auch der Tourenleiter gerne weiter.

[1] www.vbb.de

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