Fahrradklima-Test 2018: Schlechte Noten für Berlin und Brandenburg

Stressig und unsicher, erst recht für Kinder: Berlin ist in den letzten zwei Jahren nicht viel fahrradfreundlicher geworden. Auch in Brandenburg ist die Lage nicht rosig. Dagegen zeigen die Teilnehmerzahlen ein spürbar gestiegenes Interesse für den Radverkehr. Von Philipp Poll.

Berlin
Rund 4.600 Menschen nahmen von September bis November in der Hauptstadt am Fahrradklima-Test teil und damit 1.600 mehr als noch 2016. Berlin verbesserte sich leicht, landete aber erneut nur auf Platz 12 von 14 Großstädten (Städte mit mehr als 500.000 Einwohner*innen).

»Politisch hat sich Berlin auf den Weg zu einer fahrradfreundlicheren Stadt gemacht«, sagt Beate Mücke, stellvertretende Landesvorsitzende vom ADFC Berlin. »Das honorieren die Teilnehmer bei den Antworten auf die Fragengruppe zur Fahrradförderung. Aber beim Sicherheitsgefühl schneidet Berlin schlecht ab. Faktisch ist in den letzten zwei Jahren noch wenig an der Infrastruktur passiert.«

Radfahren in Berlin bedeutet Stress

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass sich das Verkehrsklima im Vergleich zu den Vorjahren verschlechtert hat. Radfahrende fühlen sich als Verkehrsteilnehmer nicht ernst genommen. Ein Großteil der Befragten gab an, von Autos bedrängt und behindert zu werden, wenn sie sich die Fahrbahn mit diesen teilen müssen.

Radfahrende wollen mehr SicherheitA

Immer mehr Menschen fühlen sich gefährdet, wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs sind. 89 Prozent der Berliner Teilnehmemenden gaben an, häufig Konflikte mit dem Kfz-Verkehr zu haben. Der ADFC Berlin führt die schlechten Ergebnisse beim Sicherheitsgefühl auf viel zu schmale Radwege und die häufig fehlende Trennung von Rad- und Autoverkehr zurück. 86 Prozent der Befragten in Berlin ist es wichtig oder sehr wichtig, vom Autoverkehr getrennt zu sein.

»Die Umfrage bestätigt, wofür wir uns als ADFC schon lange einsetzen«, konstatiert Beate Mücke: »Wir brauchen breite Radwege, auf denen sich alle sicher fühlen. Radfahren darf nicht nur etwas für die Mutigen und Trainierten sein. Mit den ersten geschützten Radstreifen geht Berlin den richtigen Weg. Die Poller schaffen einen sicheren Bereich für Radfahrende und halten Falschparker fern.«

Mit dem Rad zur Grundschule – nur mit schlechtem Gefühl

88 Prozent der Befragten sagen, dass man Kinder nur mit schlechtem Gefühl allein mit dem Rad fahren lassen kann. Mit einer Durchschnittsnote von 4,9 teilt sich Berlin hier den zweitschlechtesten Platz unter den Großstädten mit Düsseldorf und Stuttgart, gefolgt von Dortmund und Köln (je 5,0). »Vor den Schulen herrscht Elterntaxi-Chaos, weil viele Eltern denken, dass Kinder nur im Auto sicher sind«, stellt Beate Mücke fest. »Wir brauchen Radwege, die für alle Generationen funktionieren. Auch Kinder haben das Recht darauf, eigenständig mit dem Rad mobil zu sein.«

Leichte Verbesserungen sichtbar

Es dürfte vor allem die Hoffnung auf Verbesserungen durch das Mobilitätsgesetz sein, die Berlin beim Fahrradklima-Test insgesamt leicht aufwertet. Ein etwas besseres, gleichwohl aber immer noch schlechtes Zeugnis stellten die Berlinerinnen und Berliner der Politik aus: Die Bewertung der Fahrradförderung in jüngster Zeit stieg von 4,5 auf 4,2. Die Reinigung der Radwege, den Winterdienst auf Radwegen und die Ampelschaltungen für Radfahrende bewerteten die Teilnehmer*innen ebenfalls besser als vor zwei Jahren. Auch für die Falschparkerkontrolle gab es eine etwas bessere Note. Trotzdem bleibt das rechtswidrige Halten bzw. Parken auf Radfahrstreifen der am schlechtesten bewertete Punkt der Umfrage. »Wir vom ADFC werden weiter Druck machen, damit das Mobilitätsgesetz umgesetzt und der Spaten in die Hand genommen wird«, so Beate Mücke.

Starkes Interesse in Brandenburg

Wie in Berlin ist auch in Brandenburg das Interesse am Fahrradklima-Test gestiegen. Über 5.600 Teilnehmende gab es in der Mark und damit 45 Prozent mehr als 2016. »Diese Zunahme zeigt, dass Radfahren für immer mehr Menschen in Brandenburg ein wichtiges Thema ist«, ist Stefan Overkamp überzeugt. Der Landesvorsitzende vom ADFC Brandenburg kritisiert, dass die Förderung des Radverkehrs nicht von der Stelle kommt. »Der Fahrradklima-Test zeigt, dass Brandenburg heute noch schlechter dasteht als vor zwei Jahren. Niemand darf sich wundern, dass der Radverkehrsanteil nicht steigt, wenn die Bedingungen bei der Zielgruppe nur ein ausreichend erreichen! Angebot und Nachfrage passen noch längst nicht zusammen.«

Besonders schlecht fallen im Landesdurchschnitt die Noten für die Bereiche Komfort beim Radfahren (4,1), Stellenwert des Radverkehrs (3,9) und Sicherheit beim Radfahren (3,8) aus. Drei Gründe, warum der Radverkehr – trotz politischer Beteuerungen – nicht deutlich anwächst. Der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr beträgt in Brandenburg aktuell 11 Prozent, wie jüngst die Untersuchung Mobilität in Deutschland erhoben hat (siehe radzeit 1/2019). Ein Blick auf die Unfallzahlen, die im Februar von der Brandenburger Polizei veröffentlicht wurden, bestätigt den Eindruck der befragten Radfahrenden zur Sicherheit: Die Zahl der Fahrradunfälle mit Personenschaden ist 2018 um 12 Prozent gestiegen. Dass das Land Brandenburg nicht mehr unter den TOP 10 der beliebtesten Radreiseregionen ist, zeigt, dass mehr für den Komfort für Radfahrende getan werden muss, zum Beispiel bei der Mitnahme von Fahrrädern im ÖPNV.

Stillstand in der Landeshauptstadt

Die Landeshauptstadt Potsdam konnte unter den kleinen Großstädten (100.000–200.000 Einwohner*innen) mit einem Wert von 3,6 den 5. Platz im bundesweiten Gesamtranking erreichen. Mehr als 1.000 Radfahrende beteiligten sich hier am ADFC-Fahrradklima-Test . Ulf Hildebrand von der ADFC-Ortsgruppe sieht keine großen Unterschiede zu 2016. »Obwohl Potsdam im Bundesranking nochmal einen Platz nach vorne gerückt ist, ist die gesamte Bewertung leicht schlechter«, sagt er. »Das heißt, die Entwicklung in Potsdam stagniert, auch wenn sich die Stadt zu Recht als Vorreiter in Brandenburg sieht.«

Der ADFC sieht sich durch die Ergebnisse in seinen Forderungen bestätigt. »Brandenburg verdient eine bessere Verkehrspolitik, die den Radverkehr stärkt und dadurch die Lebensqualität in unseren Städten und Gemeinden erhöht«, findet Overkamp. »Deshalb fordern wir vom ADFC eine Änderung des Brandenburger Straßengesetzes. Was für den Autoverkehr selbstverständlich ist, muss auch Maßstab für den Radverkehr sein: Wir brauchen eine direkte Verantwortung des Landes für Planung, Bau und Unterhalt von Radschnellverbindungen und überregionalen Radwegen.«
Darüber hinaus fordert der ADFC Brandenburg ein großzügiges Modernisierungsprogramm und eine wesentlich bessere Verknüpfung von Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr. Insgesamt müssen die vom Land bereitgestellten Mittel auf mindestens 50 Mio. Euro im Jahr aufgestockt werden.

Über den ADFC-Fahrradklima-Test

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist der Zufriedenheits-Index von Radfahrenden in Deutschland. Deutschlandweit nahmen rund 170.000 Menschen teil. Per Fragebogen haben sie beurteilt, ob das Radfahren Spaß oder Stress bedeutet, ob die Radwege im Winter geräumt werden und ob sie sich auf dem Rad sicher fühlen. Nur 15 Prozent der Teilnehmer*innen waren ADFC-Mitglieder. Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und fand von Anfang September bis Ende November 2018 zum achten Mal statt. Ausgezeichnet werden die fahrradfreundlichsten Städte nach fünf Einwohner-Größenklassen sowie die Städte, die seit der letzten Befragung am stärksten aufgeholt haben. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) fördert den ADFC-Fahrradklima-Test im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans.


Links:

Alle Ergebnisse und das Städte-Ranking unter
www.fahrradklima-test.de

Die Ergebnisse für Berlin im Detail:
www.adfc-berlin.de

Die Ergebnisse für Brandenburg:
www.brandenburg.adfc.de