Fahrrad-Filter für Nebenstraßen

In Neukölln macht ein altes Konzept der Verkehrsplanung wieder Schule: Modale Filter sind bauliche Hindernisse, die Kraftfahrzeugen die Durchfahrt in einer Nebenstraße unmöglich machen. So entstehen sichere Radrouten und lebenswerte Kieze. Wird Neukölln damit zum Fahrrad-Vorzeige-Kiez? Von Lara Eckstein.

Blumenkübel als Filter gegen Durchfahrtsverkehr: Diese Idee des Netzwerks Fahrradfreundliches Neukölln wurde vom Bezirksamt aufgegriffen. Noch dieses Jahr soll ein Modaler Filter in der Braunschweiger Straße installiert werden. ©  Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln/Reiners

Derzeit ist die Kreuzung am nördlichen Ende der Friedelstraße eine Gefahrenstelle für alle, die am Maybachufer spazieren gehen oder mit dem Fahrrad unterwegs sind: Fünf schwer einsehbare Straßen und aus allen Richtungen Autos. Dabei kreuzen hier gleich zwei offizielle Radrouten: Die Radnebenroute von der Wiener Straße nach Süden Richtung Sonnenallee und die Hauptroute vom Kottbusser Damm nach Westen in Richtung Treptower Park. Radrouten sollen sicheres Fahren auch für ungeübtere Radler ermöglichen – und das bedeutet auf Nebenstraßen ohne Radverkehrsanlagen vor allem: Sie sollten von Kraftfahrzeugen möglichst wenig befahren werden. Auch das Mobilitätsgesetz, das Ende Juni im Abgeordnetenhaus beschlossen wurde, schreibt vor:

»Fahrradstraßen und Nebenstraßen sollen so gestaltet werden, dass motorisierter Individualverkehr, außer Ziel- und Quellverkehr, im jeweiligen Straßenabschnitt unterbleibt.« (MobG §44 (2))

Doch vielerorts ist das Gegenteil der Fall. In Neukölln ist das Problem Schleichverkehr auf Nebenstraßen akut: Auf dem Weg zur Autobahn A100 lassen sich Autofahrer von ihren Navigationsgeräten immer häufiger über Nebenrouten leiten. Saskia Ellenbeck vom Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln hat dem Schleichverkehr deshalb den Kampf angesagt. Ihre stärkste Waffe heißt Modale Filter. Mit Pollern, Blumenkästen oder anderen leicht zu installierenden Gegenständen will sie den motorisierten Verkehr an bestimmten Stellen »herausfiltern«.

»Oft wird dann von ›Sperren‹ gesprochen«, kritisiert die 34-Jährige Richardkiez-Bewohnerin. »Aber das gibt ja nur die Sicht der Autofahrer wieder.« Modale Filter seien vor allem ein stadtplanerisches Instrument, um eine Straße zu öffnen und zu beleben. Nebenstraßen werden durch Modale Filter für den motorisierten Verkehr zu Sackgassen oder Einbahnstraßen. Anwohner kommen trotzdem noch mit dem Pkw bis vor ihre Haustür. Für Durchgangsverkehr aber werden die Fahrradstraßen und Nebenstraßen als Schleichweg unattraktiv. Saskia Ellenbeck wünscht sich ein durchgehendes Netz von Fahrradrouten, auf denen »auch meine Oma und mein Kind sicher Rad fahren können«, wie sie sagt. Modale Filter seien eine verhältnismäßig kleine Mehrinvestition, um die Verbesserung in den Nebenstraßen spürbar zu machen – und gleichzeitig die Kieze zu lebenswerten Orten. »Davon profitieren dann nicht nur die Radfahrer, sondern alle Anwohner.«

Die Herthabrücke soll zum Aufenthaltsort im Kiez werden – und zur Einbahnstraße für den Kfz-Verkehr, so die Idee des Netzwerks Fahrradfreundliches Neukölln. Das Bezirksamt hat aber noch Bedenken, was die Umsetzung angeht. ©  Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln/Reiners

Das Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln hat im Neuköllner FahrRat eine Reihe konkreter Vorschläge für Modale Filter in Nord-Neukölln gemacht: An der Kreuzung Friedelstraße/ Maybachufer könnte ein mit Pollern geschützter Fuß- und Radweg diagonal über die Kreuzung verlaufen, so dass für Kraftfahrzeuge der Schleichweg parallel zum Kottbusser Damm versperrt wird. Die Hertabrücke könnte nur für den Busverkehr freigegeben werden. Und in der Braunschweiger Straße, die als Teil des Radrouten-Netzes demnächst asphaltiert werden soll, könnte die direkte Durchfahrt für Kfz mit Blumenkästen oder ähnlichem verhindert werden. So könne die Rad-Route als Schleichweg zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee unattraktiv gemacht werden, sagt Ellenbeck, »und dann kommen auch die Kinder in der Kita dort endlich sicher über die Straße.«

Die Idee für die gefährliche 5-Straßen-Kreuzung am Maybachufer, Ecke Friedelstraße: Mit Pollern wird die Durchfahrt von Norden nach Süden und umgekehrt für Kfz versperrt. Der blaue Streifen in der Mitte der Straße ist Fußgängern vorbehalten, darf von Radfahrenden aber gequert werden. ©  Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln/Reiners

Altes Werkzeug der Verkehrsplanung neu gedacht
Ein Comeback in der Verkehrsplanung feiern Modale Filter derzeit in London: »Filtered permeability« wird hier von der Stadtverwaltung unterstützt und auch finanziell gefördert. Ähnliches wünscht Saskia Ellenbeck sich auch für Berlin: Eine finanzielle Förderung durch den Senat, auf die sich die Bezirke bewerben können, wenn sie Modale Filter einrichten wollen – ähnlich wie es derzeit für Fahrradabstellanlagen möglich ist. »Das könnte einen positiven Impuls geben, wenn jeder Bezirk aufgefordert wird zu überlegen, welche drei Plätze er für den Fußund Radverkehr öffnen könnte.«

Neu ist das Konzept in Berlin nicht: Modale Filter stehen in der Gerichtsstraße im Wedding ebenso wie in der Linienstraße in Mitte (eine Fahrradstraße) und der Lüneburger Straße in Moabit. Auch in der Graefestraße in Kreuzberg filtern Poller den Durchgangsverkehr heraus(siehe Bild unten). In Neukölln ist beispielsweise die Oderstraße im Abschnitt entlang des Tempelhofer Felds für Autos gesperrt und am Schierker Platz verhindert ein kleiner Spielplatz die direkte Durchfahrt(siehe Bild). In Wilmersdorf sind aktuell Poller an der Durlacher Straße sowiean zwei Stellen im Volkspark Wilmersdorf geplant, um den Durchgangsverkehr aus Fahrradstraßen herauszuhalten: »Geltendes Recht mit baulichen Maßnahmen durchsetzen« – so beschreibt der Grüne Baustadtrat Oliver Schruoffeneger das Vorhaben.

Auf Hauptstraßen sind Poller gerade erst zu neuer Berühmtheit gelangt: Hier sollen sie Radfahrstreifen vom Kfz-Verkehr abtrennen und so verhindern, dass sie als Fahrspur oder Parkstreifen missbraucht werden. Der erste geschützte Radfahrstreifen wird derzeit an der Karl-Marx-Allee gebaut. Folgt nun also die Stunde für Poller auch in Nebenstraßen?

In der Graefestraße in Kreuzberg ist die Durchfahrt nur mit dem Fahrrad möglich. Zwischen den Pollern lässt sich die Straße außerdem geschützt zu Fuß überqueren.

Für Jens-Holger Kircher, Staatssekretär für Verkehr in Berlin, ist die »Pollerisierung des öffentlichen Raums«, wie er es nennt, eine Art »Notwehr«, die leider nötig sei. Pollern in Nebenstraßen steht Kirchner aber skeptisch gegenüber. Die »tiefe Sehnsucht vieler Berliner nach autofreiem Wohnen« könne er zwar nachvollziehen. Modale Filter seien aber nicht das geeignete Mittel, um für weniger Autoverkehr zu sorgen: »Das ist Rumdoktorn an Symptomen. Wenn ich mich in dieser Stadt mit dem Auto bewege, dann umfahre ich die modalen Filter einfach – sie werden mich nicht davon abhalten, ins Auto zu steigen.« Darüber hinaus könne es sein, dass ein Modaler Filter zu »anderen Ungerechtigkeiten führt« – etwa in der Nebenstraße, in der sich der Durchgangsverkehr dann sammelt. Um Autoverkehr zu reduzieren, statt ihn nur zu verlagern, müsse an anderen Stellschrauben gedreht werden: Es brauche ein anderes Mobilitätsverhalten von Individuen, damit diese gar nicht erst ins Auto steigen.

»Ich denke ja: Wenn sich der Durchgangsverkehr dann in einer anderen Nebenstraße sammelt, muss man weiterdenken und dort eben auch Lösungen finden«, sagt Saskia Ellenbeck aus Neukölln. Sie plädiert dafür, das Thema nicht zu übertheoretisieren, »sondern einfach auch mal was ausprobieren«. Viel Geld werde nicht benötigt: »Temporär lässt sich ganz einfach was mit Blumenkübeln oder ähnlichem machen und dann auswerten, was passiert«.

 

Spielplatz statt Parkplatz: Am Schierker Platz in Neukölln kommen schon lange keine Autos mehr durch – dafür konnte neuer Raum zum Spielen und Verweilen erschlossen werden.

Erste Filter sollen im September stehen
Den ersten Erfolg kann Ellenbeck schon verbuchen: Den Vorschlag für einen Modalen Filter in der Braunschweiger Straße will das Bezirksamt Neukölln umsetzen: An der Ecke Kanner Straße, also fast genau so, wie das Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln vorgeschlagen hat. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel verspricht sich davon eine Reduzierung des Durchgangsverkehrs, insbesondere des Lkw-Anteils in der Braunschweiger Straße. Auch am Böhmischen Platz soll es eine Durchfahrtssperre für Kfz geben, um den Platz fürs zu Fuß Gehen und Verweilen zu öffnen und gleichzeitig die Radrouten in der Donaustraße und der Böhmischen Straße zu beruhigen.

Bereits zum internationalen Aktionstag Parking Day am 21. September 2018 sollen diese beiden modalen Filter laut Bezirksbürgermeister Hikel auf der Straße stehen. Zudem soll eine Einfahrtsverbots-Regelung verhindern, dass Autos von der Sonnenallee in die Braunschweiger Straße abbiegen können. Der Umbau dafür soll 2019 beginnen. »Dieser Vorstoß in Neukölln kann als Blaupause für andere Kieze und Bezirke genutzt werden«, sagt Ellenbeck. Insbesondere die Verknüpfung von Beruhigung und Schaffung neuer Aufenthaltsplätze sieht sie als »Erfolgskonzept, das unbedingt unbedingt weiter Anwendung finden sollte«.

 

Als erste Fahrradstraße Berlins hat die Linienstraße einen Ruf zu verlieren. An vielen Stellen ist der illegale Schleichverkehr ein Problem, an der Alten Schönhauser Straße wird er durch Stahlpoller unterbunden. © ADFC Berlin

An der Kreuzung Friedelstraße/Maybachufer bleibt dagegen vorerst alles so unübersichtlich und autobelastet wie bisher. Als Grund dafür nennt das Bezirksamt Neukölln die Route der Feuerwehr Richtung Friedrichshain-Kreuzberg, die freibleiben müsse. »Zusätzlich wären mit der Einrichtung eines Modalen Filters erhebliche Umwege für Anwohner verbunden«, die »Verdrängungsverkehre in andere Straßen« erzeugen würden. Hier sind also neue, kreative Lösungen gefragt, wie die Friedelstraße, die ebenfalls bald asphaltiert werden soll, und andere Nebenstraßen besser vom Durchgangsverkehr verschont werden können.

Im Bezirksamt Neukölln freut man sich über die »Einbringung von konstruktiven, sachbezogenen Vorschlägen mit konkretem Ortsbezug und Hinweise zu bestehenden Planungen und Brennpunkten.« In Planung sind für Neukölln derzeit unter anderem der Ausbau des Weigandufers und der Pflügerstraße als Fahrradstraßen sowie ein Modaler Filter am Weigandufer zwischen Innstraße und Wildenbruchstraße.

 

© OL

Nachahmung erwünscht
In der Senatsverwaltung betont Verkehrsstaatssekretär Kirchner, dass die Kompetenzen für Nebenstraßen bei den Bezirken lägen und der Senat nur »Begleiter« sei. Dass Neukölln mit gutem Beispiel vorangehen will, um Durchgangsverkehr zu reduzieren, begrüßt er: »Es braucht in Berlin immer gute Beispiele für die Umgestaltung des öffentlichen Raums. Ich werde keinen behindern, der für seinen Kiez Verantwortung übernimmt.« Wie schnell diese Umgestaltung geschehen kann, davon ist der Verkehrsstaatssekretär manchmal selbst überrascht: »Dass Neukölln mal an der Spitze der Bewegung für Fahrradfreundlichkeit stehen würde – das hätte man ja vor ein paar Jahren so auch noch nicht gedacht.«

Die Empfehlung von Saskia Ellenbeck an alle, die Pläne für modale Filter in ihrem Kiez voranbringen wollen, lautet: »Tut euch zusammen und entwickelt konkrete Vorschläge – am besten mit Bildern. Zeigt, dass es viele Menschen gibt, die dafür sind und gebt Kindern und älteren Menschen, die besonders unter einer autofreundlichen Infrastruktur leiden, eine Stimme!«

Website des Netzwerks Fahrradfreundliches Neukölln

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