»Ein Radroutennetz ist keine Quantenphysik«

Um Mikael Colville-Andersen (47) kommt man heute nicht mehr herum, wenn es um Radverkehr geht. Alles begann 2006 mit seinem Foto-Blog Cycle Chic, 2009 gründete er die Agentur Copenhagnize Design, die u.a. Städte und Regierungen zur Förderung des Fahrrades als Transportmittel berät. VON SIMIKKA HANSEN.

Straßenszene in Kopenhagen. 30% Radverkehrsanteil in Berlin? Absolut realisitsch, sagt Colville-Andersen (Foto: Copenhagenize Design Co)

Straßenszene in Kopenhagen. 30% Radverkehrsanteil in Berlin? Absolut realisitsch, sagt Colville-Andersen (Foto: Copenhagenize Design Co)

radzeit: Heutzutage fördern viele Städte auf der ganzen Welt das Radfahren. Warum?

Colville-Andersen: Ich glaube es gibt zwei Gründe: Erstens wollen sich die Städte damit schmücken, zweitens bietet es eine Lösung für ihre Krankheiten wie Staus und Luftverschmutzung. Es war Zeit für eine Renaissance. 2006 redeten nur sehr wenige Städte über das Fahrrad als Verkehrsmittel. Jetzt kann man darauf wetten, dass viele schon einen Schritt weiter sind.

Würdest du Berlin als fahrradfreundliche Stadt bezeichnen?

Colville-Andersen: Berlin liegt in diesem Jahr auf Platz 12 des Copenhagenize Index: Also, ich würde sagen – ja.

Wenn es ums Radfahren geht, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten siehst du zwischen Kopenhagen und Berlin?

Colville-Andersen: Die Deutschen hatten mal eine tolle Fahrradplanung, damals in den 1930ern, aber sie haben wohl ein kurzes Gedächtnis. In Kopenhagen gibt es ein schlaues Netz von Best-Practice-Infrastruktur. Die ist selbsterklärend, sicher und vor allem sorgt sie dafür, dass die Menschen sich auch sicher fühlen. Berlin ist ein großer Jahrmarkt der Fahrrad- Infrastruktur. Alle möglichen eigenartigen Entwürfe, die oft nicht viel Sinn machen. In Kopenhagen wird das Fahrrad als Verkehrsmittel ernst genommen. In Berlin wird das Fahrrad in eine autozentrierte Stadtlandschaft hineingequetscht. Oft fast widerwillig.

Wie bekommt eine Stadt die Menschen aufs Fahrrad?

Colville-Andersen: Ein schlüssiges, einheitlich gestaltetes Routennetz ermuntert die Menschen, Rad zu fahren. Ein Radroutennetz sollte sein wie das des ÖPNV. Es wäre doch verrückt, wenn ich ein paar Stationen mit der U-Bahn fahre und dann 500 Meter bis zur nächsten Station gehen müsste, um einen anderen Zug zu bekommen, der mich auf einem Umweg zu einer Station bringt, wo ich nochmal zu einer anderen Station gehen müsste usw. Niemand hätte Lust, so einen Weg zu nehmen. Das gleiche gilt für ein Radroutennetz, so einfach ist das. Das ist keine Quantenphysik.

Wie sind deine persönlichen Fahrraderlebnisse in Berlin?

Colville-Andersen: Mal so mal so. Deutsche Autofahrer haben, genau wie skandinavische, eine strenge Fahrprüfung, das heißt sie fahren ein bisschen besser als – sagen wir – die Amerikaner. Das stärkt mein Sicherheitsgefühl. Aber Radfahren in Berlin erinnert noch immer an ein Videospiel. Welche spannenden Hürden und Herausforderungen lauern hinter der nächsten Ecke? Ein bisschen wie Super Mario. Ganz lustig zwar, aber eigentlich sollte man kein Videospiel spielen müssen, wenn man mit dem Rad durch die Stadt will.

Inwiefern unterscheiden sich die beiden Städte politisch, wenn es um die Fahrrad-Förderung geht?

Colville-Andersen: Unsere Politiker wissen, dass Fahrräder ein wichtiger Teil der urbanen Mobilität sind. Auch der politisch rechte Flügel würde so gut wie nie gegen neue Fahrradinfrastruktur stimmen. Sie wissen, dass sie kosteneffizient ist. Die Zahlen, die in den letzten 20 Jahren erhoben wurden, sind unmöglich zu ignorieren. In Berlin ist es manchmal, als ob die Politiker das Fahrrad als Ärgernis ansehen, auch wenn die Berliner ihnen das Gegenteil zeigen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Berlin einmal genauso viele Radfahrer hat wie Kopenhagen?

Colville-Andersen: Absolut realistisch! Ein Ziel von 30 % ist innerhalb kurzer Zeit erreichbar.

Weiterführender Link:  www.copenhagenize.eu/index