Durch Franken nach Bayern: Servus der Extraklasse

Dank Fahrrad im ICE kann man in kurzer Zeit weit herumkommen. Ein Ausflug zu fremden Kulturen an heimeligen Orten.

Was, Sie wissen nicht, was Schäuferla ist und Zwetschgenbaames und Gerupfter?«, fragt die Kellnerin in der »Wilden Rose«. Nein, kennen wir nicht. Weil unser Aktionsradius an langen Radelwochenenden kaum über Brandenburg hinaus reichte. Aber dank der ICEs mit Fahrradabteil können wir endlich in unbekannte Gefilde vorstoßen. Keine drei Stunden sind es von Berlin nach Bamberg, wo wir nun vor einem Haus von 1760 sitzen, mitten im Weltkulturerbe, zu dem auch die lokale Kulinarik zählt. Und zu der wiederum rund 60 Brauereien, teils deutlich älter als das Reinheitsgebot von 1516. Die Frage bei dieser Verlockung ist: Wo fängt man an und wo hört man (lieber) auf?

Für uns steht die Antwort auf dem Rückfahrticket: Von Neuburg an der Donau geht’s zurück nach Berlin. Dazwischen liegen dreieinhalb stramme Tagesetappen, zumeist an Gewässern. Aber erst einmal den fränkischen Vorspeisenteller bitte. Wenn Zwetschgenbaames geräucherter Schinken ist, Gerupft er ein Camembert ohne Rinde und zum Bratwurstsalat Salzstangen gereicht werden, soll’s recht sein. Dazu ein Alkoholfreies für den Anfang.

Zufällig ist an diesem Wochenende im August Sandkerwa, also Kirchweih. Am Abend ist kaum ein Durchkommen zwischen dem possierlichen Fachwerk-Rathaus auf einer Insel in der Regnitz und dem Klein-Venedig genannten Fischerviertel mit seinen Gärtchen am Flussufer. Die 75.000 Bamberger – darunter 15.000, die hier studieren – scheinen vollzählig versammelt auf der Sandkerwa. Schwer beeindruckt und leicht angeheitert fallen wir in die Betten im »Tandem-Hotel«, in dem am nächsten Morgen der Blick aufs kunterbunte Klein-Venedig mit seinen grünen Gärten, blumengeschmückten Fenstern und roten Ziegeldächern verzückt. Wir sind früh genug dran, um den Domberg vor den ersten Busgruppen zu erreichen und die besondere Atmosphäre zu genießen, die so früh am Tag über der bischöflichen Hofhälterei liegt.

Durch einen weitläufigen Waldpark verlassen wir Bamberg südwärts. Wir haben die Wahl zwischen der Kanalroute direkt am Main-Donau-Kanal und der Talroute über die Dörfer. Die lohnen sich mit ihren hübschen Fachwerkensembles, teils knuffigen Kirchen und dem LeviStrauss-Museum in Buttenheim. Erst seit 1983 wissen sie hier, dass der Erfinder der Jeans aus dem Dorf stammt. Seit 2011 ist sein zuvor verfallenes Geburtshaus von 1687 ein Schmuckstück in Hellblau und Weiß.
In Forchheim erreicht die Fachwerkkunst ihren Höhepunkt; garniert von der beängstigend schiefen Mühle. Die Route, die nun direkt dem Main-Donau-Kanal folgt, fährt sich leicht und locker, wenn man von einem Stück neben der Autobahn absieht. Kurioserweise liegt der Kanal oft höher als seine Umgebung. So fahren wir auf einer Art Badewannenrand entlang, von dem wir auf Äcker, Dörfer und querende Straßen hinabblicken.

Am Main-Donau-Kanal lässt es sich tagelang steigungsfrei fahren.

Vor Fürth verlassen wir den Kanal ostwärts Richtung Nürnberg. Das Stadtgebiet lässt sich durch Grünzüge weitgehend autofrei durchqueren. So bleiben genug Kraft und Nerven für einen abendlichen Stadtbummel zwischen raffiniert beleuchteten Gebäuden mit der Burg als Highlight. Der Platz zu ihren Füßen ist Treff punkt hunderter junger Leute, die nach bester fränkischer Art hier beieinander sind und trinken, ohne dass es einen gruselt. Während wir Ausschau halten, in welcher Gaststube noch Plätze frei sind und als Alternative Bratwürstchen im Weckla to go erwägen, parken unsere Fahrräder auf einem mit Rollrasen reservierten Platz in der Hotelgarage. An der Rezeption steht ein Kühlschrank mit feuchten Handtüchern. Die Franken erweisen sich als Spezialisten für freundliche Empfänge.

Nach ein paar Straßen mit Stadtverkehr geht’s tags darauf rasch wieder ins Grüne: Am aufgelassenen Ludwigskanal aus den 1840ern verliert sich Nürnberg nach Süden hin, und wir fressen locker die Kilometer auf dem Badewannenrand bis nach Hilpoltstein, wo an der Burgruine gerade eine Hochzeitsgesellschaft posiert. Es ist ein gemütliches Städtchen, das unsere Tour durchs Fränkische Seenland einleitet. Wir fahren nun westwärts, teils auf dem »Fränkischen Wasserradweg«. Ein Stück folgt der Weg einer ehemaligen Bahntrasse, an der die alte Signaltechnik stehen gelassen und mit Schildern erklärt wurde. Dann geht es auf kleinen Landstraßen durch noch kleinere Dörfer. In Altenheideck, knapp 80 Einwohner und zwei Dutzend Gänse, stehen Bierbänke auf der Fahrbahn. »Fürs Burgfest«, erklärt ein Bauer. Burgfest ist erst morgen und von der Burg seit dem 17. Jahrhundert wenig übrig. Aber beides lässt sich verschmerzen, weil der brombeergesäumte Pfad zur Ruine hübsch zu laufen ist und der Blick von oben bis nach Nürnberg reicht. Und weil der Bauer bereits den Kühlschrank in der Scheune mit alkoholfreiem Radler gefüllt hat.

Die nächste Erfrischung gibt’s am Brombachsee, in dem Familien planschen und Segelboote in der Flaute dümpeln. An einem Verbindungskanal geht’s durch den Wald weiter nach Gunzenhausen, durch das der Limes verläuft : die Grenze zwischen Römischem Reich und germanischen Heiden oder, nunmehr: zwischen Franken und Bayern. Wir bemerken den Unterschied, als wir tags darauf der Altmühl folgen: Die Kirchtürme werden zwiebeliger, das Fachwerk weicht bemaltem Putz.

Auf den letzten Kilometern des Tages werden die Hügel Berge. Als es vollbracht ist, öffnet sich vor uns die Landschaft zur Donau hin, wo hinter dem Fluss das Schloss von Neuburg steht wie ein Gruß aus dem Märchenbuch. Schön wär’s, wenn wir nach Franken jetzt auch Bayern durchqueren könnten. Man fühlt sich so willkommen hier. Aber uns bleibt nur ein halber Tag bis zur Rückfahrt ab Donauwörth. Einen ICE, in dem man die Fahrradplätze sicher hat, sollte man nicht verpassen.

Strecke als GPX Download:
Teil 1: Bamberg – Nürnberg
Teil 2: Nürnberg – Gunzenhausen
Teil 3: Gunzenhausen – Neuburg
Teil 4: Neuburg – Donauwörth