Bike Polo: „Es beflügelt über den Sport hinaus“

Schnelle Bikes, rauer Asphalt, harte Bälle: Der Nischensport Bike Polo gewinnt immer mehr an Beliebtheit. Wer mitspielen will, sollte sein Rad perfekt beherrschen und keine Angst vor Kratzern am Rahmen oder Schienbein haben. Lara Eckstein hat ein Bike-Polo-Turnier besucht und mit einer der Organisatorinnen darüber gesprochen, was ihre ungewöhnliche Sportart mit Feminismus zu tun hat und mit dem Fahrradalltag in Berlin.

Durch die kalte, graue Aprilluft klingen Jubelrufe über den Sportplatz in Friedrichsfelde und das klackende Geräusch von Poloschlägern, die Beifall klatschend auf den Boden geschlagen werden. Rund 20 Frauen haben sich hier mit ihren Fahrrädern versammelt. Einige sind extra aus Weißrussland, England oder der Schweiz angereist zum Bike-Polo-Turnier für Frauen, Trans- und Non-Binary-Personen. Gespielt wird immer drei gegen drei, in wechselnden Teams nach dem Motto „alle mal mit und gegen alle“. Gitti la Mar ist eine der Organisatorinnen von diesem europaweiten Turnier, das am 13. und 14. April in Berlin stattfand.

Wie bist du zum Bike Polo gekommen?

Ein Freund von mir war früher Fahrradkurier und durch die Kurier-Szene ist Bike Polo ja wiederentdeckt worden, 1996 in Seattle. Es gab Bike Polo schon mal als olympische Nebendisziplin, damals wurde es aber noch auf Rasen gespielt. Ab 1996 wurde es dann auf Asphalt gespielt. Ich bin damit 2006 das erste Mal in Berührung gekommen. Da gab es eine kleine Kiez-Meisterschaft in Berlin. Danach bin ich öfter mal zu den Spielen gegangen und habe sie mir angeguckt. 2010 gab es dann die Weltmeisterschaft im Bike Polo in Berlin Weißensee. Da habe ich drei Tage komplett verbracht und danach gedacht: Ich muss jetzt unbedingt anfangen zu spielen! Also habe ich mir ein Rennrad gekauft und losgelegt. Seitdem ist Bike Polo der Sport, der mich am längsten „festhält“. Ich spiele jetzt acht Jahre und kann immer noch Neues dazulernen und mein Rad noch besser beherrschen.

Bist du denn vorher schon viel Fahrrad gefahren?

Ich hatte noch nie ein Auto und fahre, seitdem ich denken kann, nur Fahrrad. Das Schöne am Bike Polo ist, dass es viele Dinge miteinander vereint: das ist akrobatisch, das ist Geschwindigkeit, das ist aber auch Kontakt mit anderen Leuten, es ist ja ein Teamsport. Und es ist schon abgefahren, was man auf einem Bike alles machen kann.

Welche Regeln gibt es beim Bike Polo?

Regulär wird gespielt drei gegen drei. Es wird gemischt gespielt, das heißt, alle Geschlechter spielen zusammen. Und ich persönlich finde es interessant, wenn alle mal alle Positionen spielen, also im Tor, im Angriff, in der Mitte. Dann können sich alle im Team die Kraft besser einteilen und auch mal den Spielmodus wechseln – aber das ist jetzt schon Taktik. Im Turnier wird gespielt, bis fünf Tore gefallen oder 10 Minuten abgelaufen sind. Erlaubt ist: Rad an Rad, Schläger an Schläger und Person an Person. Schläger vors Vorderrad ist also ein Foul. Und jemanden attackieren, der den Ball nicht hat, ist auch ein Foul.  Als ich angefangen habe, gab es quasi gar keine Regeln. Mittlerweile professionalisiert sich das und es gibt einen ganzen Ordner voller Regeln. Bei einem schlimmen Foul muss man beispielsweise 20 Sekunden aus dem Spiel raus. Meistens wird aber Vorteil gepfiffen. Das heißt, ein Team darf angreifen kann und wenn es den Ball verlieret, bekommen es ihn trotzdem wieder. Die anderen dürfen also in dem Moment keinen Rebound (Gegenangriff, Anm. d. Red.) starten.

Wer sorgt dafür, dass die Regeln eingehalten werden?
Als Schiedsrichterinnen oder Schiedsrichter melden sich Teilnehmenden freiwillig. Das sind meistens dieselben Leute. Eigentlich kennen ja alle die Regeln, aber es gibt schon schwierige Situationen, wo eine Person entscheiden muss – ich bin nicht so gerne Schiedsrichterin.

Was tragt ihr als Schutzausrüstung?

Das ist unterschiedlich. Bei Turnieren müssen mittlerweile alle einen Helm tragen. Ich habe einen Helm mit Gesichtsschutz, also Visier. Als ich das neulich mal nicht aufhatte, hatte ich gleich einen Schnitt in der Lippe. Dann gibt es Ellenbogenschützer und Knieschützer und vor allem Handschuhe. Die sind auch für den Grip am Schläger wichtig. Es gibt aber Leute, die spielen wahnsinnsschnell, auf einem super Niveau und tragen nur Handschuhe. Es gibt auch Stürze, aber die Leute tun sich meistens nichts. Es ist wie Eishockey auf Rädern.

Wie alt sind Menschen, die Bike Polo spielen?

Das geht so von 18 bis 50. Wir hatten mal einen 13-Jährigen dabei und ich habe auch schon mal einen 64-Jährigen spielen sehen. Ich finde es sehr schön, dass es so durchmischt ist, denn dadurch komme ich mit sehr unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Der Sport verbindet eben.


Wie viele Menschen in Deutschland spielen Bike Polo und wie seid ihr miteinander in Kontakt?

Ich würde sagen, in Deutschland sind es so 200 bis 300 Leute, wobei die Szene auf jeden Fall wächst. Wir kennen uns eigentlich alle und organisieren uns über Facebook. In Berlin sind wir so 25 Leute, die regelmäßig dabei sind, mittlerweile auch acht Frauen.

Ist es etwas Besonderes, dass acht Frauen dabei sind?

Es gab auch Zeiten, da war ich die einzige Frau, oder wir waren nur zu zweit oder zu dritt. Gerade versuche ich, ein Training extra für Frauen, Trans- und Non-Binary-Personen zu organisieren. Ich hoffe, dadurch noch mehr Frauen zu diesem Sport zu bringen. Anfangs standen die Frauen beim Bike Polo immer nur im Tor. Es gab dann eine Wahnsinnsdiskussion darüber in den USA, auf Blogs und so, dass die Frauen nicht immer nur im Tor stehen sollen. Das hat sich auf jeden Fall schon verändert. Jetzt haben wir seit sieben Jahren ein eigenes europaweites Bike-Polo-Turnier nur für Frauen, das immer hier in Berlin stattfindet. So lernen wir uns untereinander kennen und spielen immer besser.


Würdest du sagen, Bike Polo kann als Empowerment dienen, speziell für Frauen?

Auf jeden Fall. Du brauchst auf dem Spielfeld einfach Selbstvertrauen. Und dann merkst du auch, was du dir sonst alles zutrauen kannst. Es beflügelt also weiter, über den Sport hinaus, zu anderen Sachen, die du dir vielleicht vorher nicht zugetraut hast. Wer als Frau Bike Polo spielt, bricht automatisch mit Geschlechter-Klischees. Mir ist es sehr wichtig, dass auch kleine Frauen wie ich öffentlich auftreten und sagen, dass sie Bike Polo spielen, damit mehr Leuten klar wird, dass das nicht nur ein Sport für große, muskulöse Typen ist.

Auch dass wir miteinander in Kontakt sind und dass alle Geschlechter zusammen spielen, finde ich einfach ein cooles Konzept von Gesellschaft.

Ihr als Berliner Bike-Polo-Community richtete jeden Sommer ein Turnier hier in Berlin auf dem Tempelhofer Feld aus.

Ja, das „Berlin Mixed“ ist das weltweit größte gemischte Bike-Polo-Turnier und findet dieses Jahr zum sechsten Mal auf dem Tempelhofer Feld statt. Das Besondere an diesem Turnier ist, dass in jedem Team eine Frau sein muss. Sonst ist es oft so, dass bei Turnieren immer die gleichen Leute gewinnen, das ist dann nicht so interessant.  Es kommen Leute aus der ganzen Welt, das ist eine super Atmosphäre. Bike Polo ist auch ein super Sport zum Zusehen, da bleiben immer alle Generationen stehen und sind fasziniert. Viele kommen zu unserem Training, weil sie das Turnier gesehen haben.


Fährst Du anders Fahrrad in Berlin, seitdem Du Bike Polo spielst – schneller oder sicherer?

Klar, ich beherrsche mein Rad zu 100 Prozent. Das gibt viel Sicherheit. Auf dem Spielfeld habe ich ja in einer Hand den Schläger, fahre also einhändig und trotzdem wahnsinnig schnell. Mein Hinterrad hebt manchmal ab und ich bremse mit einer Hand. Ich muss auf dem Spielfeld immer den Überblick haben. Deshalb sehe ich schon vorher, wer sich wo hinbewegt – und das ist ziemlich wichtig, um in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.

Was stört Dich besonders beim Radfahren in Berlin?

Ich fahre jeden Tag in Berlin Fahrrad, bei jedem Wetter. Und ich habe jeden Tag bestimmt fünf oder sechs Situationen, in denen ich über den Haufen gefahren werde, wenn ich nicht vorausschauend fahre. Mich ärgert sehr, dass kaum jemand die vorgeschriebenen 1,5 Meter Abstand beim Überholen einhält. Manchmal kriege ich einen halben Herzinfarkt, weil mich Leute mit zehn Zentimeter Abstand in wirklich brenzligen Situationen überholen.

Redet ihr als Bike-Polo-Sportler*innen über politische Ansätze für besseres Fahrradfahren in Berlin?

Ich habe mich beim Volksentscheid Fahrrad engagiert, weil ich will, dass Berlin sich verändert. Ich hätte gerne eine Innenstadt, in der es nur noch Radfahrende und Fußgänger*innen gibt, und vielleicht noch ein paar Taxis und ÖPNV. Ich bin der Meinung: In Berlin braucht man kein Auto. Für mich ist es auf jeden Fall politisch, Fahrrad zu fahren. Das ist ein direkter Beitrag zu mehr Lebensqualität in der Stadt.

Ich fliege auch nicht mehr, weil ich denke, alle müssen bei sich selbst anfangen. Ich versuche eben, so nachhaltig zu leben, wie das in einer Stadt möglich ist. Ich kann absolut nicht nachvollziehen, wie Eltern ihren Kindern vormachen, dass man nur mit dem Auto Dinge erledigen könne.

Es wird von der Politik auch einfach so akzeptiert, dass es Verkehrstote gibt. Die Straßenverkehrsordnung ist doch total überholt. Das Radgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn die Fahrrad-Lobby mehr und die Auto-Lobby weniger Einfluss bekommt, gibt es auch eine andere Politik. Insofern ist es für mich wichtig, sich politisch zu engagieren.

Eine letzte Frage: Wie viele Fahrräder besitzt du eigentlich?

Das ist immer ein Problem (lacht). Die Wohnung ist zu klein und die Fahrräder sind zu viele. Ich habe zwei Damen-Rennräder, ich liebe Rennräder. Ich habe ein Herren-Rennrad, ein Bike-Polo-Rad und im Keller habe ich diverse Räder als Ersatzteillager. Ich will immer mal wieder welche verkaufen, aber ich kann nicht, ich hänge sehr an diesen Rädern.

Ich schraube da auch selbst dran herum. Es gehört für mich dazu, dass ich mein Fahrrad komplett auseinandernehmen kann. Und wenn ich mein Rad komplett verstehe, kann ich Sachen einstellen, wie ich gerne möchte. An Fahrrädern herumzuschrauben ist für mich auch ein bisschen wie Meditation.

Fotos: © Gitti la Mar https://www.facebook.com/berlinbikepolo/