Bahn-Rad fahren

Jörg Siewert ist ADFC-tourenleiter und Referent für intermodalität. Mit dem 55-Jährigen sprach Kerstin E. Finkelstein über den nachteil bequemer Klappsitze, stillstehende Flughäfen und langsamer werdende Züge. TEXT VON KERSTIN E. FINKELSTEIN FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN UND JÖRG SIEWERT

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Bild: Jörg Siewert

radzeit: Was hat dich zum ADFC Referenten für „intermodalität“ gemacht?
Jörg Siewert: „Intermodalität“ heißt ja, mobil zu sein mit verschiedenen Verkehrsmitteln. Das war und bin ich als Tourenleiter – und wollte mich dann auch um die Beschwerden der anderen Kollegen kümmern. Denn die Probleme häufen sich. So fahren immer mehr Berliner mit Zug und Rad nach Brandenburg, es wird ja auch Werbung für den Radtourismus gemacht. Doch es gibt zu wenige Stellplätze in den Zügen, es werden Verbindungen nicht gut entwickelt oder sogar zurückgebaut. Im Grenzbereich zu Polen gibt es zum Beispiel noch immer nicht elektrifizierte Strecken, was unter anderem durch das mehrfache Wechseln der Lok zu einem enormen Zeitverlust führt. Andere Routen, wie zum Beispiel die Strecke Lichtenberg-Eberswalde-Wriezen-Frankfurt/Oder, werden ab Dezember 2014 auseinander gerissen. Ab dann gibt es einen Fahrplanwechsel – und das wird für Radfahrer und andere Reisende Umsteigen mit, wie immer, unsicherem Ausgang bedeuten. Daran merkt man, welcher Bedeutung der Schiene beigemessen wird.


Und woran hakt es?
Bezüglich der Stellplätze eindeutig am Willen der entscheidenden Politiker: So bestellt das Land bei der Bahn Kapazitäten. Der Verkehrsverbund Brandenburg (VBB) begleitet als Vertragskoordinator die Umsetzung der Bestellungen. Das Problem hinter den trotz steigendem Radverkehr sogar sinkenden Kapazitäten sind also die Politiker. Es wäre sinnvoll, wenn sie mehr Geld für die Fahrradmitnahme investieren würden, denn die touristischen Ausgaben der Radfahrer in der Region kommen dann wieder dem Land zu Gute.  Deshalb erhoffen wir uns auch Unterstützung aus der Tourismusbranche. Schließlich sind Kapazitäten auf beiden Gebieten knapp: Neben den Problemen bei der Fahrrad-Mitnahme gibt es an Brandenburgs Bahnhöfen auch nur wenig gute Radverleihe.

Gibt es auch gute Beispiele?IMG_1265
Ja, der Choriner Bahnhof ist zum Beispiel mehrfach ausgezeichnet worden. Im Jahr 2005 hat sich das Ehepaar Branding des verlassenen Gebäudes angenommen, das andernorts einfach zugenagelt worden wäre, und hat neben einer Tourismusstation einen sehr guten und ordentlich florierenden Radverleih eingerichtet.
Der ADFC Berlin konnte auch an verschiedenen Stellen schon etwas ausrichten. Zum Beispiel nimmt die ODEG jetzt in ihren Kiss-Wagen zwei Stangen aus den Mehrzweckabteilen, die verhinderten, mehr als zwei Räder ordentlich abzustellen. Weiterführend und sehr interessant ist das Modell, das man am Ruhrtalradweg betreibt – da fährt neben dem Zug auch ein Bus mit Fahrradanhänger und nimmt Räder mit, die nicht mehr in den Waggon passen. Es gibt also flexible Lösungen, wenn man möchte!
Aber stattdessen heißt es oftmals, ein Rad nehme drei Sitzplätze weg. Das ist nicht nur falsch, weil es auf die Wagengestaltung ankommt, wie viel Platz ein Rad benötigt; es ist auch eine seltsame Perspektive; stattdessen müsste man darauf hinweisen, dass so ein Radfahrer in den Zug kommt – und sonst eben nicht.
Auch innerhalb des Zuges gibt es häufig Konflikte. So ignorieren viele Reisende, dass sie in einem Mehrzweckabteil sind, wenn sie sich dort gemütlich auf die Klappsitze setzen. „Mehrzweck“ steht hier für Rollstuhlfahrer, Kinderwagen und Radfahrer, während Passagiere ohne irgendein Beiwerk eben in anderen Teilen des Zuges Platz nehmen können. Viele wissen das nicht oder wehren sich gar dagegen, wenn man sie darauf anspricht. Weil solche Leute einen nicht hereinlassen wollen, ist es mir schon passiert, dass ich einen Zug nicht nehmen konnte. Meistens wirken die Fahrgastbegleiter da meiner Erfahrung nach immerhin ausgleichend. Es gibt aber auch den anderen Typ, der nichts von Radmitnahme wissen will, und den sogar die Fliege an der Scheibe stört.
In Berlin bräuchten wir auch schlicht mehr Radabstellplätze an den Bahnhöfen. Man schaue sich nur einmal den Hauptbahnhof an: Da gingen die Planer wohl davon aus, dass der ankommende Reisende einen schönen Blick haben soll – und die Radfahrer müssen dann auf die andere Seite des Bahnhofs und ihr Rad irgendwie an einen schon zugeparkten Bügel stellen.
Häufiger als diese Planlosigkeit ist aber heutzutage die reine Ausrichtung aufs Geld: Wenn es um Radverkehr geht, heißt es immer, es sei nun mal nicht genug Geld vorhanden. Dann entgegne ich: Wer sich einen milliardenschweren Flughafen außer Betrieb leisten kann, der könnte auch ein paar Stellplätze mehr einrichten.

Der ADFC Berlin steht in einem konstruktiven Dialog mit dem VBB. Jörg Siewert möchte bei Gesprächen mit dem VBB immer alle wichtigen Fakten in der Hand haben. Wer also Schwierigkeiten auf einer Tour mit der Bahn hatte, kann ihm diese gerne schildern: joerg.siewert@adfc-berlin.de

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