Angebot schafft Nachfrage

Seit einem Jahr sind im estnischen Tallin die öffentlichen Verkehrsmittel gratis für die Stadtbewohner. Während eine Karte für Busse und Straßenbahnen vormals 18,50 Euro kostete, muss jetzt nur mehr eine kostenfreie Chipkarte am Scanner vorbeigezogen werden, und los kann die Fahrt gehen. TEXT UND FOTO VON KERSTIN E. FINKELSTEIN

Hinter dem Projekt steht Oberbürgermeister Edgar Savisaar, der den Niedergang des Personennahverkehrs bei gleichzeitigem anwachsen des Autoverkehrs Einhalt gebieten wollte. Bislang ist seine Idee ein voller Erfolg: Um 15 Prozent sank der Autoverkehr in der Innenstadt bereits, gleichzeitig ist das Null-Euro-Ticket für die Gemeinde kostenneutral. Da nur Einwohner Tallins von der Regelung profitieren, meldeten sich viele Esten aus dem Umland ab und zogen offiziell in die Hauptstadt, die so höhere Steuereinnahmen generiert.

in Zukunft historisch: der Fahrkartenautoma.

in Zukunft historisch: der Fahrkartenautoma.

Gestoppt werden musste hingegen ein ähnlicher Versuch in der belgischen Stadt Hasselt. 1997 war dort die freie Fahrt für alle eingeführt worden, zu Beginn des Jahres 2013 wurde der Ticketverkauf jedoch aus Kostengründen wieder eingeführt. Ähnlich erging es den deutschen Kleinstädten Lübben und Templin: Beide Orte ließen zwei Jahre lang ihre Stadtbusse kostenfrei benutzbar fahren und änderten zudem die Taktung. Wie nicht anders zu erwarten, nahmen die Bürger das Angebot an, die Fahrgastzahlen stiegen durchschnittlich um das fünffache! Doch auch hier fehlten jeweils ein langfristiges Finanzierungsmodell sowie eine weitere Anbindung ins Umland. Und dennoch – während in Berlin sogar 1,70 Euro für einen Extrafahrradfahrschein gezahlt werden müssen, zeigen diese Versuche, dass ein insgesamt kostenfreier Nahverkehr ein Wunsch vieler Menschen ist und stark zur Entlastung vom Kfz-Verkehr beitragen würde. Auch in Potsdam wurde im vergangenen Jahr ein entsprechender Bürger-Antrag eingebracht, jedoch prompt von der Stadtverordnetenver sammlung abgelehnt. Wie sehr der ÖPNV neben dem Fahrrad die Grundmobilität von Menschen herstellt – oder eben auch bei ent-sprechender Preisgestaltung einschränken kann – zeigt ein Blick nach Plötzensee: 30 Prozent der dort Einsitzenden eint ein Delikt: Sie konnten die Strafe wegen Schwarzfahrens nicht zahlen. Doch während etwa der ADFC durch seine kostenfreien Fahrradchecks dafür Sorge trägt, die Mobilität auch finanziell schwächerer Berliner zu unterstützen, kommt von der Politik kein Signal in Richtung finanzierbarer Intermodularität. Deshalb hat sich jetzt eine private Initiative gegründet: „Mitfahren statt Schwarzfahren“ lautet deren Motto. Auf der zugehörigen Homepage wird darauf hingewiesen, dass Monatskartenbesitzer nach 20 Uhr einen weiteren Erwachsenen oder bis zu drei Kinder kostenfrei mitnehmen können. Durch Buttons sollen die entsprechenden Kartenbesitzer auf ihre Bereitschaft hinweisen, so Mitreisende ganz legal einzuladen. Ein Fahrrad darf man jedoch leider nicht dabei haben…

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