Aktivismus mit Abstand

Endspurt für die Brandenburger Volksinitiative Verkehrswende Brandenburg jetzt! – Mit Rad und Tat können wir gemeinsam ein zukunftsfähiges Brandenburg für alle gestalten. Bis zum 31. Oktober will die Volksinitiative Verkehrswende Brandenburg jetzt! 20.000 Unterschriften sammeln. Von Nicholas Potter.

Es ist ein häufiges Verkehrsbild, das große Gefahren birgt: Der Gehweg ist kaputt, der Radweg hört 100 Meter vor der Kreuzung abrupt auf – ohne Warnung an den Autoverkehr. Daneben: ganze drei Kfz-Spuren, auf denen Autos vorbeirasen. An der Kreuzung Franz-Mehring-Straße/Muskauer Straße in Cottbus gehört dieses Bild zum Alltag – ein Zustand, den die ADFC-Ortsgruppe sich nicht länger gefallen lassen möchte.

Am 23. Mai prägte stattdessen eine andere Vision von Mobilität die sonst so gefährliche Kreuzung: In einer gemeinsamen Aktion vom ADFC Cottbus, Greenpeace und VCD wurde eine der drei Kfz-Spuren zurückerobert – mit einer Abtrennung aus Blumentöpfen, Malereimern, Saxophonkoffern und Plüschtieren. In zahlreichen Städten bundesweit fanden gleichzeitig ähnliche Aktionen statt. Auf einer sogenannten Pop-Up Bike-Lane rollten Radelnde auf dem glattem Asphalt, statt über die kaputten Platten zu holpern – mit genug Radwegbreite, um sogar ein Lastenrad zu überholen. „In Cottbus gibt es kaum Radwege“, bemängelt Birgit Heine, Sprecherin der ADFC-Ortsgruppe. „Meistens teilen sich Fuß- und Radverkehr den Weg, was nicht funktioniert. Eltern lassen ihre Kinder nur ungern mit dem Rad zur Schule fahren. An Baustellen haben Radfahrende immer zu schieben, Umleitungen gibt es nur für Kfz und Fußverkehr. Das Schieben sollte man mal Kfz-Führenden zumuten!“

Die Aktion traf auf große Resonanz: Schon vor der Coronakrise legten die Cottbusser etwa 25 Prozent ihrer Wege mit dem Fahrrad zurück. In der Pandemie ist Abstand das Gebot der Stunde und immer mehr Menschen steigen aufs Rad als ansteckungsarme Alternative zum öffentlichen Nahverkehr. Sichere Radfahrwege fehlen allerdings immer noch.

Cottbus ist kein Einzelfall, sondern ein Paradebeispiel für mangelnde wie mangelhafte Fahrradinfrastruktur in ganz Brandenburg. Gleichzeitig sollten sichere und breite Radwege wie die Pop-Up Bike-Lane in der Franz-Mehring-Straße nicht bloß kurzfristige Aktionen sein: Sie gehören zum nachhaltigen Stadtbild. Mit der Volksinitiative „Verkehrswende Brandenburg jetzt!“, die vom ADFC und einem breiten Bündnis aus Verkehrs- und Umweltverbänden, Gewerkschaften und dem VCD ins Leben gerufen wurde, wollen Aktivisten den Landtag dazu zwingen, sich mit dem Thema Verkehrswende zu befassen.

Ziel der Volksinitiative ist ein Mobilitätsgesetz, das eine Verdopplung des Anteils der umweltfreundlichen Verkehrslösungen am Gesamtverkehr im Land von bislang 41 Prozent auf 82 Prozent bis 2035 vorsieht. Zu den zehn Forderungen der Volksinitiative gehören Maßnahmen wie breitere Radwege, ein gestärkter Radtourismus durch ausgebaute, gut vernetzte Radwege und eine erleichterte Fahrradmitnahme im ÖPNV. So soll Brandenburg sicher und attraktiv für alle Radfahrenden gemacht werden, ob durchtrainierte Radrennfahrerinnen oder entspannte Sonntagsradler. Auch der Fußgängerverkehr soll gefördert, barrierefrei und sicherer gemacht werden.

20.000 Unterschriften will die Volksinitiative bis zum 31. Oktober sammeln. Aber auch wenn die Pop-Up Bike-Lane in der Franz-Mehring-Straße ein erfolgreicher Anlass war, sich in die Unterschriftenlisten einzutragen, machen die aktuellen Kontaktbeschränkungen diesem Ziel einen Strich durch die Rechnung: Aktivismus mit Abstand ist gewiss eine Herausforderung. Doch die Krise zeigt, dass ein Ausbau der Fahrradinfrastruktur nötiger denn je ist. Mit Rad und Tat können wir gemeinsam ein zukunftsfähiges Brandenburg für alle gestalten.

Mehr zur Aktion:
www.brandenburg.adfc.de/4194