Abhängig vom Auto

In Marzahn-Hellersdorf dominiert der Autoverkehr, denn Rad-, Fuß- und öffentlicher Nahverkehr wurden bislang vernachlässigt. Eine neue Stadträtin macht Hoffnung, muss sich jedoch noch beweisen.

Auch wenn manch einer in Berlin- Mitte es kaum glauben mag: Marzahn-Hellersdorf hat einiges zu bieten. Zwischen Plattenbausiedlungen und Einfamilienhaus-Idyll finden sich lauschige Baggerseen, Wanderwege, eine historische Mühle und die einzige Seilbahn der Stadt. Doch wer aus der Innenstadt zu einem Besuch mit dem Fahrrad anreist, muss sich auf ein Nahtoderlebnis gefasst machen, noch bevor das Sightseeing losgehen kann.

Durch Lichtenberg geht es zunächst auf zum Radfahren freigegebenen, holprigen Gehwegen gen Osten. Die böse Überraschung kommt auf der Marzahner Brücke, die den Verkehr über S-Bahngleise und die Märkische Allee in den Nachbarbezirk trägt. Hier löst sich der Gehweg plötzlich in Luft auf und Radfahrende sollen es ihm offenbar gleichtun: Auf drei Fahrstreifen drängen sich die Autos mit Tempo 50. Dazu kommt nach etwa hundert Metern rechterhand eine Auffahrt (Tempo 60), die in einen weiteren Fahrstreifen mündet, sodass man plötzlich nicht mehr am rechten Fahrbahnrand, sondern inmitten der Reihen hupender und drängelnder Autos fährt. So ähnlich muss es sich anfühlen, mit dem Fahrrad aus Versehen auf die Autobahn zu geraten.

Es ist wie so oft in Berlin: Die Gefahr ist lange bekannt, doch die Behörden werden nicht tätig. Bereits 2017 reichte die lokale ADFC-Stadtteilgruppe eine Petition im Abgeordnetenhaus ein. Auf Einladung des Petitionsausschusses mussten die Verantwortlichen aus Bezirk, Verkehrslenkung (VLB) und Polizei daraufhin zu zwei Ortsterminen erscheinen. Grundlegende Änderungen an der Situation wurden von der VLB jedoch abgelehnt, mit der Begründung, dass die Brücke ohnehin in den Jahren 2022 bis 2028 neu gebaut werden soll. Radfahrende müssen bis dahin also weiterhin einen komplizierten Umweg über Treppen unter der Brücke hindurch nehmen – sofern sie ihn kennen.

Nach dem Brückenschock in MarzahnHellersdorf angekommen, öffnen sich typisch breite Ost-Berliner Straßen. Auf manch ruhiger Nebenstraße lässt sich recht gut Radfahren, auf den Hauptverkehrsachsen meistens nicht. Obwohl es im Bezirk verglichen mit der Innenstadt noch richtig viel Platz gibt, wird es immer enger. Denn neben einer steigenden Zahl von Autos füllen auffällig viele Lkw die Straßen. Diese fahren nicht nur gewerbliche Ziele im Bezirk an, sondern warten auch Tage und Nächte in langen Reihen an den Straßenrändern auf den nächsten Einsatz.

Dass das eigene Auto für die meisten im Bezirk unverzichtbar scheint, verwundert nicht. Denn der öffentliche Nahverkehr schafft es nicht, Mobilität umfassend zu gewährleisten. Die nächste Haltestelle ist oft weit entfernt, die Taktung der Trams und Busse ist gering und nachts stehen S- und U-Bahnen still. Wer nun das Fahrrad ernsthaft als Alternative in Erwägung zieht, steht schnell vor Problemen, genauer gesagt: auf Straßen mit wichtiger Verbindungsfunktion, aber ohne gute Radinfrastruktur. Wo es Radwege gibt, sind sie wie an der B1/B5, der Hellersdorfer Straße oder der Landsberger Allee größtenteils in miserablem Zustand, verlaufen vor Kreuzungen gefährlich versteckt oder befinden sich in der »Dooring-Zone« parkender Autos. Daneben schiebt sich auf vier bis sechs Spuren der Autoverkehr vorbei. Normale Flächenungerechtigkeit in Berlin, möchte man meinen. Eine Besonderheit in Marzahn-Hellersdorf ist, dass öfters auch die Gehwege fehlen. Gibt es einen befestigten Gehweg auf der einen Straßenseite, weist die andere oft nur einen matschigen Trampelpfad auf. Oder es gibt auf einer Straßenseite zwar einen Radweg, aber keinen Gehweg. Kein Wunder, dass auch Fußgänger*innen den Radweg nutzen, um nicht über die vierspurige Straße hetzen zu müssen.

Mit seinem vielen Grün wäre der Bezirk prädestiniert für attraktive Radrouten abseits des motorisierten Verkehrs. Doch der von vielen Radfahrenden genutzte Wuhletalwanderweg blieb bislang ein Trampelpfad und wird erst jetzt unter der neuen Stadträtin endlich angefasst. Auch kleinere beliebte Rad-Abkürzungen wie der Biesdorfer Friedhofsweg sind Schlaglochpisten. Dass fast der gesamte Bezirk mit dem Auto unterwegs ist, macht sich besonders zu den Stoßzeiten bemerkbar. Dann staut es sich nicht nur auf den Einfallstraßen in Richtung City, sondern auch vor den Schulen des Bezirks. Die meisten Kinder werden mit dem Auto gebracht, denn zu Fuß oder mit dem Rad kann es gefährlich werden. Das Problem dabei: Je mehr Kinder mit dem Auto gebracht werden, desto gefährlicher wird es für alle anderen.

Grit Lehmann (3. v. l.) und Rüdiger Schubert (2. v. l.) engagieren sich in der ADFCStadtteilgruppe Wuhletal

Auch Grit Lehmann macht sich Sorgen, wenn ihr 11-jähriger Sohn mit dem Rad zur Schule fährt. Sie klagt über die vielen schlecht einsehbaren Straßenquerungen auf seinem Weg. »Wenn er mit dem Rad unterwegs ist, habe ich immer Herzklopfen«, sagt Lehmann, die seit zwei Jahren in Mahlsdorf lebt und sich in der Stadtteilgruppe des ADFC engagiert. Sichere Schulwege sind eines von vielen Themen der Gruppe, zum Beispiel in der Kastanienallee. In dieser ruhigen Nebenstraße steht nicht nur eine Schule, sondern auch ein Forschungszentrum für Kinder. Doch statt Radwegen oder einer Fahrradstraße befindet sich auf der engen Fahrbahn eine Reihe parkender Autos, wodurch Verkehr immer nur in eine Richtung möglich ist. Mit dem Fahrrad eine gefährliche Slalomfahrt, besonders für Kinder. Stadträtin Zivkovic (CDU) kennt das Problem und die Forderung des ADFC nach einem Parkverbot, kann sich aber nicht dazu durchringen (siehe Interview).

Ein klares Bekenntnis zur Verkehrswende fehlt seitens der Stadträtin noch zu oft. Trotzdem gibt es Lob von Grit Lehmann und ihrer Stadtteilgruppe. Denn das Thema Radverkehr ist seit der Amtsübernahme Zivkovics erstmals überhaupt wieder auf dem Radar des Bezirksamts. »Sie hört zu und schaut sich die Probleme auch mal vor Ort an«, erzählt Lehmann. Auch langjährige Marzahn-Hellersdorfer Radaktivisten wie Rüdiger Schubert, der seit 20 Jahren im Bezirk wohnt, haben Hoffnung: »Es passiert jetzt etwas, nur eben viel zu langsam. Es ist trotzdem mehr als bei ihren Vorgängern.«

Die 42-jährige Zivkovic hat kein leichtes Erbe angetreten. Marzahn-Hellersdorf ist ein junger Bezirk, der zu großen Teilen vor 40 Jahren, in der ehemaligen DDR gebaut wurde. Damals wurde an vieles, aber nicht ans Radfahren gedacht. Will Zivkovic jedoch den rasanten Wachstum ihres Bezirks meistern, kommt sie am Thema Radverkehr heute nicht mehr vorbei. Dafür muss sie ihm, neben der Wirtschaft als ihrem anderen großen Aufgabengebiet, ausreichend Aufmerksamkeit widmen. Und sie muss den Mut haben, dem ausufernden Autoverkehr Flächen zu entziehen, um Platz für die anderen Verkehrsarten zu schaffen. Mit dem ADFC steht sie dabei im konstruktiven Austausch. Ein gemeinsames Projekt feiert bereits große Erfolge: Seit Januar beherbergt der Bezirk zehn Freie Lastenräder der ADFC-»fLotte«. Bleibt zu hoffen, dass nun auch flott gute Radwege gebaut werden, auf denen die Menschen gern fahren und sicher ankommen.

Radfahrer bitte in Luft auflösen: Lebensgefährliche Verkehrsführung auf der Marzahner Brücke.