35 Jahre: Der ADFC Berlin feiert Geburtstag

Was vor 35 Jahren im Hinterzimmer eines Fahrradladens begann, ist heute ein Landesverband mit 15.000 Mitgliedern. Pünktlich zu seinem Jubiläum eröffnet der ADFC Berlin seine neuen Räume – und blickt zurück auf eine bewegte Geschichte. Von Philipp Poll und Nikolas Linck.

 

Die Geschichte des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs beginnt in keiner deutschen Hauptstadt. Weder in Bonn, noch in Berlin. Sie beginnt in der Hansestadt Bremen. Dort, wo die Häuser selten breiter als ein Wohnwagen sind und die Fahrräder im Vorgarten stehen, schließt sich der Gründer und Ideengeber des Verbands Jan Tebbe am 18. April 1979 mit 17 weiteren Aktivisten zusammen. Wenig später entsteht der Bundesverband, dessen Vorsitz Tebbe übernimmt. In Berlin gibt es schnell eine Gruppe, die ebenfalls einen Ableger gründen will, jedoch mehrere Male an den Formalien scheitert. Dass es dann doch klappt, ist auch der Initiative von Tilman Bracher zu verdanken.

Berliner ADFC nach Freiburger Modell
Als Bracher 1983 von Freiburg nach West-Berlin zieht, hat er in der alten Heimat gerade einen Bezirksverein des ADFC aufgebaut. Nun will er dasselbe auch in der Hauptstadt schaffen. Die erste Gruppe der Fahrradfreunde trifft sich in der Huttenstraße in Moabit in den Räumen eines Fahrradladens: »Wir kannten uns alle vorher nicht, das war ziemlich bunt«, erinnert sich Bracher. Mit Hilfe der Erfahrungen aus Freiburg gründen insgesamt neun Aktivisten am 14. Juni 1983 den ADFC Berlin. Tilman Bracher wird der erste Vorsitzende des Vereins.

Aus Freiburg kommt auch die Idee einer Vereinszeitschrift. Bracher gibt ihr den Namen Radzeit. Am Anfang ist das Blatt kaum von einem Flyer zu unterscheiden. Ein paar Seiten farbiges Papier werden mit einer Heftklammer zusammengehalten. Pressemitteilungen, Verlautbarungen des Vorstands und kleinere Artikel druckt der ADFC in der Radzeit ab. Der ADFC Berlin gewinnt schnell neue Mitglieder. Es gibt die ersten Smogalarme und autofreie Sonntage. Immer mehr Autobahnen und immer mehr Verkehr – dagegen regt sich wachsender Widerstand. Die Gründung des ADFC und des Berliner Landesverbands fällt in eine Zeit des allgemeinen gesellschaftlichen Umbruchs.

Axel von Blomberg, späteres ADFC-Mitglied in Berlin, lebte im damaligen West-Berlin: »Mit einem Mal begann unglaublich viel. Die Grünen und die taz wurden gegründet, es war eine große, allgemeine Anti-Stimmung«, erinnert er sich.

Grüne Radler und die Bürgerinitiative Westtangentektionen

Auch Schnee und Eis halten ADFC-Aktive im Winter 1995 nicht davon ab,
für ein besseres Fahrradklima zu demonstrieren. © Christian Eicke

Der ADFC ist aber nicht die erste Gruppe, die in Berlin darüber nachdenkt, was gute Radwege sind und ob die Autobahn ausgebaut werden muss. Seit 1974 gibt es die Bürgerinitiative Westtangente (BIW), später kommen die Grünen Radler dazu. Von letzteren kommen viele Impulse, die der ADFC später aufnimmt. Einer davon ist der Totenkopfatlas. Darin kennzeichnen die Grünen Radler in den Achtzigern lebensgefährliche Kreuzungen mit Totenköpfen. Der ADFC bringt den Atlas später mit den Grünen Radlern zusammen heraus. Blomberg kümmert sich darum, den Atlas ins Positive zu kehren und zeichnet zum ersten Mal besonders gute Fahrradrouten ein.

Im Gegensatz zu den Grünen Radlern tritt der ADFC als Verein von Anfang strukturierter auf. Von Jan Tebbe stammt der Spruch: »Die Grünen Radler demonstrieren vor dem Rathaus, wir gehen ins Rathaus und ändern die Dinge.« Das ist lange Zeit die Devise des ADFC. Statt zu agitieren, arbeitet man mit der Verwaltung und der Politik auf sachlicher Ebene zusammen.

Die ersten Aktionen
Die erste Aktion des Berliner ADFC findet dann auf der Schlossstraße in Steglitz statt. Die Aktivisten treffen sich morgens vor dem Karstadt. Mit dabei sind Fahrräder, ein Holzrahmen und Flugblätter. Die Berliner Mitglieder fordern vernünftige Fahrradstellplätze auf der Fahrbahn. Der Holzrahmen ist dem Umriss eines Autos nachempfunden und blockiert die gewünschte Stelle. Doch Passanten zeigen sich unbeeindruckt, die Presse nimmt keinerlei Notiz. »Die Aktion ist verpufft«, sagt Bracher.

1992: Die ADFC-Landesgeschäftsstelle in der Brunnenstraße 28 wird komplett ehrenamtlich renoviert und eingerichtet. 26 Jahre später, im Juli 2018, zieht der ADFC Berlin in den Kreuzberger Möckernkiez. © ADFC Berlin

Die erste große Geschichte des ADFC ist dann vom Zufall bestimmt. Auf der Kreuzung Katzbachstraße/Yorckstraße in Kreuzberg wird 1984 ein Kind von einem rechtsabbiegenden Lkw überfahren und getötet. Die Y-Kreuzung liegt direkt auf dem Arbeitsweg von Tilman Bracher. »Hier gab es täglich Beinahe-Unfälle«, erinnert er sich. Bracher hat deshalb schon lange eine Presseerklärung vorbereitet und am Vortag an die Verwaltung und die Polizei geschickt. Als die Polizei den Unfall meldet, hat sie so die Reaktion des ADFC schon im Briefkasten. Die Aktion wird von der Öffentlichkeit gut wahrgenommen. Und noch wichtiger: Die Polizei nimmt den Berliner ADFC als Partner an.

Schon Anfang der 90er Jahre stellten ADFC-Aktive Mahnmale für getötete Radfahrer auf – wie diese einem Trauerkranz nachempfundene Felge. Inzwischen stellt der Verein seit 10 Jahren für jeden tödlich verunglückten Radfahrer ein weißes Geisterrad auf. © Christian Eicke

Die Neunziger – der Berliner ADFC sucht die Konfrontation
Unter den neuen Vorsitzenden Uta Wobit und später Benno Koch ändert sich auch der Stil des Berliner ADFC. Arbeiten die Aktivisten vorher weitgehend kooperativ mit den Beamten der Verwaltung zusammen, werden nun auch konfrontative Aktionen geplant. Es gilt, wieder einen Kampf gegen Autofahrer zu führen. Zur Demonstration lassen ADFCler in eine befahrene Kreuzung Autoreifen rollen. Die sollen zeigen, dass Autos gar nicht schnell genug abbremsen können. Die Zusammenarbeit mit der Polizei wird schwerer. Der Verband wird in den Neunzigern immer stärker. Nur die Verwaltung kommt nicht hinterher. Blomberg erinnert sich, dass die grüne Verkehrsbeauftragte noch nicht einmal Rad fahren konnte. »Viele fühlten sich allein gelassen«, sagt Blomberg.

Ab der Jahrtausendwende werden immer mehr Forderungen umgesetzt

Sound-Tandem per Megafon auf einer Sternfahrt (Datum unbekannt). © Christian Eicke

Erst mit der Jahrtausendwende wird die Verwaltung wieder aktiver. Ein Name steht für diesen Wandel ganz besonders: Friedemann Kunst. Als Kunst 2001 Chef der Berliner Verkehrsverwaltung wird, holt er nach und nach Leute in die Verwaltung, die den Fahrradverkehr voranbringen wollen. Viele der Forderungen des ADFC werden nun umgesetzt. Bracher sieht darin auch ein Ergebnis jahrelangen Drucks auf die Verwaltung. Daneben gibt der ADFC seit 1992 auch die ersten gedruckten Fahrradstadtpläne von Berlin heraus. Auch das touristische Engagement steigt. Heute unternimmt der ADFC Berlin im Jahr rund 600 geführte Radtouren durch Berlin und Umgebung.

Die Sternfahrt richtet der Berliner ADFC seit 1995 allein aus. Auch sie geht ursprünglich auf die Idee der Grünen Radler zurück, die bereits 1977 die erste Sternfahrt durchführten. Das Berliner Fahrrad-Event des Jahres wird unter der Organisation des ADFC zur größten regelmäßigen Fahrraddemonstration der Welt. Die Demo führt über 19 Routen und die Berliner Autobahn. Susanne Grittner organisiert die Veranstaltung seit 2006. »Ich brauche für die gesamte Planung das ganze Jahr«, sagt sie. Im Schnitt nehmen heute um die 100.000 Radfahrende an der Demo teil.

Ein besonderes Augenmerk gilt seit jeher der Verkehrssicherheit von Radfahrenden. Im Jahr 2009 stellt der ADFC Berlin zum ersten Mal ein Geisterrad auf. Seither werden die weiß lackierten Räder zur Mahnung an Orten aufgestellt, wo Radfahrer tödlich verunglückten.

Steigender Druck auf die Politik
Der ADFC Berlin hat zur Jahrtausendwende ein enges Netz an Aktivisten gespannt und der Verwaltung mit seinen Publikationen und Sachverstand gezeigt, wie vernünftige Radpolitik aussehen kann. Doch auch wenn immer mehr Forderungen umgesetzt werden, bleibt es für den großen Wurf bei Lippenbekenntnissen. Die Radverkehrsstrategie des Berliner Senats von 2004, die der ADFC Berlin mit erarbeitete und die in vielen Teilen Grundlage des frisch verabschiedeten Mobilitätsgesetzes ist, wurde nie systematisch umgesetzt. Das Auto genoss nach wie vor Vorfahrt und an Geld und Personal fehlte es der Verwaltung sowieso. Zur Sternfahrt 2015 stellt der ADFC sein Umsetzungskonzept vor und erhöht damit den Druck auf die Politik. Mit dem darauf aufbauenden Forderungskatalog zur Abgeordnetenhauswahl
2016 bestimmt er ein Thema des Wahlkampfes, in dem die Verkehrspolitik plötzlich eine wichtige Rolle spielt.

Unterstützung des Volksentscheid Fahrrad
Der wohl größte Schritt für Berlin in Richtung Fahrradstadt beginnt 2015, als sich auf Einladung des ADFC verschiedene Initiativen und Radaktivisten vernetzen. Es entsteht die Idee eines Volksbegehrens – der Volksentscheid Fahrrad ist geboren. Teile des ADFC sind begeistert, andere skeptisch: Lässt sich Radverkehrspolitik überhaupt in ein Landesgesetz gießen? Könnte der Volksentscheid einen Kampf mit der Autolobby heraufbeschwören, der nicht zu gewinnen ist? Wie viel wäre zerstört, wenn das Abstimmungsquorum nicht erreicht würde? Der Vorstand beschließt, die Mitgliederversammlung über eine Unterstützung entscheiden zu lassen. Die zeigt sich weniger gespalten und votiert mit einer Mehrheit von mehr als zwei Dritteln für die Unterstützung der Initiative. Seither arbeiten der Volksentscheid Fahrrad und sein heutiger Trägerverein Changing Cities mit dem ADFC Berlin eng zusammen. Gemeinsam wurde auf der Sternfahrt 2016 ein Großteil der Unterschriften für das Volksbegehren gesammelt. Gemeinsam wurden die Inhalte des Gesetzes mit Senat und Fraktionen erarbeitet. Viele Aktive engagieren sich inbeiden Gruppen und mit Evan Vosberg ist einer der Initiatoren des Volksentscheids heute stellvertretender Landesvorsitzender des ADFC.

Radfahren in Berlin – eine Herausforderung, auch in den 90er Jahren.

Der ADFC im Wandel
Währenddessen wird der ADFC immer größer – der Berliner Landesverband konnte kürzlich sein 15.000stes Mitglied begrüßen. Mit seiner Größe haben auch die Aktivitäten und Verwaltungsaufgaben des Verbands zugenommen – und sind schon lange nicht mehr ehrenamtlich zu stemmen. In den letzten Jahren ist das hauptamtliche Team in der Landesgeschäftsstelle auf sieben Mitarbeiter angewachsen, die fast alle in Teilzeit beschäftigt sind. Unterstützt werden sie von engagierten Menschen, die im Verband ein Freiwilliges Ökologisches Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst leisten.

Ein kleines, nämlich fünfjähriges Jubiläum feiert übrigens in diesem Jahr auch die PSD HerzFahrt. Das Spendenradeln zugunsten herzkranker Kinder veranstaltet der ADFC Berlin gemeinsam mit der PSD Bank und dem Verein Berliner helfen e. V..

Ein ganz aktueller Meilenstein in der Verbandsgeschichte ist der Umzug der Landesgeschäftsstelle. Seit 26 Jahren befand die sich gemeinsam mit der Selbsthilfewerkstatt und dem Buch- und Infoladen in der Brunnenstraße in Mitte. Die neuen Räume im kreuzberger Möckernkiez sind nicht nur repräsentativer, sondern bieten auch durch eine zeitgemäße Ausstattung mehr Möglichkeiten für Meetings und Workshops. Eine Bibliothek zu Radtourismus, Fahrrad-Kultur und Verkehrspolitik zieht ebenso ein wie eine runderneuerte Fahrradwerkstatt. Ein Ort um sich zu vernetzen, kreativ zu sein, um Unterstützung und Rat zu finden. Ein guter Ort für weitere 35 Jahre ADFC Berlin.

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