Wie auf Schienen

Die Oderbruchbahn ist längst Geschichte. Aber ein komfortabler Radweg folgt ihren Spuren. TEXT UND FOTOS VON STEFAN JACOBS.

S war einmal: Die Buckower Triebwagen stammen von alten Berliner Zügen ab.

Wo fängt man an, wo hört man auf? Schwierige Frage beim Oderbruchbahn-Radweg, der auf der Karte keine Runde beschreibt, sondern einen großen Bogen mit zwei Zipfeln. Mit knapp 150 Kilometern gerade richtig für ein Wochenende, wahlweise mit Verlängerung. Starten wir also in
Fürstenwalde, wo der Regionalexpress im Halbstundentakt hält und der Nachbarort Steinhöfel als Etappenziel schon nach knapp zehn Kilometern lockt: Theodor Fontane befand den Landschaftspark ums spätbarocke Schloss für den gelungensten weit und breit. Seitdem ist der Park zum artenreichen Wald geworden, mit Fließen und Wiesen.

Da es für die Mittagspause noch zu früh ist, folgen wir dem Weg, der sich am Ortsausgang gleich wieder von der lauten Landstraße verabschiedet und als schmales Asphaltband durch den Wald verläuft. Der lichtet sich bald und macht Platz für Felder und weite Blicke, während er die unspektakulären Nachbardörfer streift. Wo genau die Trasse verlief, ist nur vereinzelt zu erkennen. Aber es gibt Indizien: Blechlaternen, ein Schrankenwärterhäuschen, zugewachsene Bahnsteige und manchmal ein intaktes Stationsgebäude, als Wohnhaus ausgebaut. Die Oderbruchbahn war keine schicke, sondern eine praktische: Irgendwie musste das Obst und Gemüse aus dem fruchtbaren Umland in die Hauptstadt kommen. Da auch die Einheimischen unter den bescheidenen Verkehrswegen litten, planten die Kreisverwaltungen seit Ende des 19. Jahrhunderts, eine Kleinbahn zu bauen. Für die galten auch verkleinerte Vorschriften, was die Sache erleichterte. Ab 1912 waren die meisten Trassen endlich in Betrieb – zumal die Landwirtschaft auch Industrie gebracht hatte wie die zeitweise bis zu 18 Zuckerfabriken.

Um Buckow ist das Land hügelig.

Südlich von Seelow zieht sich der asphaltierte Bahndamm am Rand einer eiszeitlichen Rinne entlang. Mehrere Seen liegen in der Senke, und oberhalb am Weg ein Rastplatz, der korrekterweise »Schöne Aussicht« heißt. Zwischen Hecken und Obstbäumen geht es zur Komturei Lietzen, einem alten Rittergut samt renovierter Feldsteinkirche und Streuobstwiese. Ganz so idyllisch bleibt es nicht, weil der Weg um Seelow neben oder auf Landstraßen verläuft. Das macht keinen Stress, aber die Messlatte liegt nach den ersten 30 Kilometern schon ziemlich hoch. Bei Kienitz trifft die Route auf den Oderdeich, und nach kurzer Fahrt auf dieser Premiumstrecke entlang der Flussauen ist Groß Neuendorf erreicht. Im kleinen Hafen stehen fünf Eisenbahnwaggons, was angesichts der schon seit den 1960er-Jahren demontierten Oderbruchbahn überrascht. Später erfahren wir, dass die Wagen nach der Wende per Tieflader hergebracht wurden: als Ferienzimmer mit Blick auf den Fluss. In einen wurde ein winziges Theater gebaut. Großes Kino!

Im Restaurant »Maschinenhaus« auf der anderen Deichseite sind die Zutaten so regional, dass man sie auf einer Halbtagestour heranschaffen könnte. Satt und zufrieden steuern wir die Pension zur Schmiede an, in der unsere Fahrräder unterm rußschwarzen Werkstattdach nächtigen. Der letzte Schmied ließ hier 1987 den Hammer fallen. Wobei er den Krieg nur überlebte, weil er als Hufschmied in seiner motorisierten Einheit nicht mehr gebraucht wurde. Ein typisches Leben im 1945 schwer getroffenen Oderbruch, das die Nachkommen in einer kleinen Ausstellung dokumentiert haben.

Sonne und strammer Gegenwind färben die Oder dunkelblau, der wir am Morgen weiter folgen. Die beschilderte Route führt über die Dörfer. An der alten Bahnbrücke bei Wriezen ist Schluss, die Pläne für einen Radweg nach Polen kommen nicht voran.

Ende Gelände: Die Bahnbrücke über die Oder hinter Wriezen bleibt gesperrt.

Für uns bedeutet das die Wahl, dem wunderbaren Oderdeich nordwärts Richtung Schwedt zu folgen oder auf dem schnurgeraden Bahntrassenweg südwestwärts in die »Hauptstadt des Oderbruchs « zu radeln. In der steppt Sonntagmittag zwar nicht der Bär, aber immerhin ist der Pfarrer da, der von Zerstörung und Wiederaufbau der dreischiffigen Stadtkirche berichtet. Turm und ein Schiff sind schon bedacht, 3,3 Millionen Euro soll der Rest kosten. Viel Geld in dieser Gegend, die erst seit der Eindeichung um 1750 dauerhaft bewohnbar ist und nie reich war.

Über viele Hügel gelangen wir nach Buckow, das zwischen See und bewaldeten Hängen liegt. Am Bahnhof endet ein weiterer Ast des Oderbruchbahn-Radweges. Dabei gehörte die Strecke von Müncheberg hierher gar nicht zu deren Netz, wie wir im Kleinbahnmuseum erfahren. Schon 1930 wurde die Strecke auf Normalspur erweitert, um die Ausflüglermassen zu bewältigen, die an den Wochenenden in die Märkische Schweiz strebten. Jetzt fahren Vereinsmitglieder im Sommer die rot-beigen Züge, die nicht nur wie die alten Berliner S-Bahnen aussehen, sondern auch so klingen. Ein schöner Fall von »ewig nicht gehört und doch wiedererkannt«.
Der R1 weist uns den Weg nach Strausberg, von wo es zurück nach Berlin geht. Ein anstrengender Kontrast nach zwei Tagen mit so viel Natur und so wenigen Menschen. Was bleibt, sind die vielen schönen Bilder dieses Wochenendes. Und das Fazit, dass der komfortabel zu fahrende und zu findende Oderbruchbahn-Radweg eines der schönsten Landschaftserlebnisse bietet, die um Berlin zu erradeln sind.