Was tun nach einem Fahrradunfall?

Steffi K. erwacht nach einem Unfall ohne Erinnerung. Obwohl der Unfallhergang unklar ist, werden die Ermittlungen schnell eingestellt. Nach Zeugen muss sie selber suchen. Der Fall zeigt, wie machtlos Unfallopfer sein können. Und er wirft die Frage auf, wie wir uns als Beteiligte oder Zeugen eines Unfalls richtig verhalten. VON MICHAELA MARIA MÜLLER

Das Letzte, woran sich Steffi K. erinnert, ist ihr täglicher Heimweg. Sie fuhr an einem Frühlingstag im Jahr 2015 mit dem Fahrrad auf der Karl-Marx-Straße, links von ihr fuhren Autos, rechts von ihr parkten sie in einer Reihe. Als ihre Erinnerung wieder einsetzt, liegt sie im Krankenhaus. Sie ist schwerverletzt. Die Schwere ihrer Verletzungen deutet darauf hin, dass sie Opfer einer sich öffnenden Autotür wurde. Der Halter des Fahrzeugs
aber besteht auf der Schilderung, dass er lediglich einen Schlag vernommen habe und Steffi K. plötzlich neben seinem Auto auf dem Boden lag. Dann erst sei er ausgestiegen, gab er zu Protokoll. Als Rettungskräfte und Polizei eintrafen, hatte jemand das Fahrrad vom Boden aufgehoben und vorn an den Lkw gestellt.

Zeugensuche auf eigene Faust
Obwohl die Karl-Marx-Straße eine belebte Straße ist, gibt es vor Gericht nur eine Augenzeugin, die den Unfall unmittelbar beobachtet haben soll. Ermittelt hat sie Steffi K. Bei der Polizei hatte man ihr geraten, selbst Zeugen zu suchen, denn am Unfallort hatten die Beamten keine Aussagen aufnehmen können. Sie schaltet eine Anzeige in einer Tageszeitung und macht Aushänge an der Karl-Marx-Straße. Als es ihr wieder besser geht, sucht sie sechs Wochen später in Geschäften in der Nähe nach Zeugen. Sie wird tatsächlich fündig. Doch vor Gericht gilt ihre Aussage wenig: Gerade weil Steffi K. sie selbst gefunden hatte, zweifelt der Richter ihre Glaubwürdigkeit an. Der Hergang des Unfalls bleibt bei der Verhandlung völlig unklar. Obwohl viele Fragen offen bleiben, lässt die Staatsanwältin kein Gutachten erstellen. Ihre Begründung lautet: Da das Fahrrad nicht mehr am ursprünglichen Ort lag, sei dies nicht möglich. Wäre sie bei Bewusststein gewesen, hätte sie vielleicht darauf bestehen müssen, dass das Fahrrad an exakter Stelle am Unfallort verbleibt. Oder eine Angabe darüber machen können, wer das Rad vorn an den Lkw gestellt hat. Doch sie konnte nichts darüber sagen und Zeugen fand die Polizei offenbar nicht. Die Autotür wurde nicht nach Spuren untersucht. Der Angeklagte wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Erste Handlungen nach einem Unfall
Ein schwerwiegender Fall, der die Frage aufwirft, wie sich Unfallbeteiligte, Zeugen und Ermittlungsbehörden korrekt verhalten sollen. Im §34 StVO ist nachzulesen, was nach einem Unfall zu beachten ist. Die Beteiligten müssen unverzüglich anhalten, den Verkehr sichern, bei geringfügigem Schaden zur Seite fahren und die Fahrbahn frei machen, um den fließenden Verkehr nicht unnötig zu behindern. Sie müssen sich über die Folgen des Unfalls vergewissern: Gibt es Sachschäden? Sind Menschen verletzt? Wenn ja, muss ihnen geholfen werden. Wer über keine Erste Hilfe-Kenntnisse verfügt, muss dafür sorgen, dass Rettungskräfte verständigt werden. Von Kraftfahrern sollte man sich Führerschein und Fahrzeugpapiere zeigen lassen, das Kfz-Kennzeichen sowie Namen und Anschrift notieren. Bei Unfällen mit Radfahrern oder Fußgängern sollte man auf Vorlage des Personalausweises oder anderer Dokumente bestehen.

Schmerzensgeldansprüche sind ohne anwaltliche Hilfe nur schwer durchzusetzen. Einen Anwalt einzuschalten, ist auf jeden Fall hilfreich. Fachanwälte für Verkehrsrecht können weitere Posten wie Verdienstausfall oder Krankenhausbesuche von Angehörigen geltend machen. Bei Unfallflucht von Kraftfahrern tritt die Verkehrsopferhilfe ein, Gelder, die aus einem Fonds stammen, in den alle deutschen Kfz-Versicherer einzahlen müssen. Sachschäden am Fahrrad können nach Kostenvoranschlag oder einem Sachverständigengutachten abgerechnet werden. Generell geht man von einem hohen Wertverlust in den ersten Jahren aus: Zwei Jahre nach dem Kauf liegt der Wert des gebrauchten Fahrrads nur noch bei etwa 50%, nach acht Jahren bei 25%.

Auch wenn viele Straßen aussehen, als seien sie nur für Autos gemacht: Halten Sie ausreichend Abstand zu parkenden Autos und nehmen Sie sich selbstbewusst den Raum dafür. Eine Autotür schwenkt beim Öffnen etwa einen Meter aus. Radfahrer, die keinen ausreichenden Sicherheitsabstand halten, müssen beim Unfall sogar mit einer Teilschuld rechnen. Foto: Christian Kiehlmann

Umgehend Notizen machen
Weder die Ermittlungen noch ihre Bemühungen haben Steffi K. genützt, um zu ihrem Recht zu kommen. »Wenn man keine Erinnerung hat, ist das das Schlechteste überhaupt. Man kann nur an Augenzeugen appellieren, dass sie sich melden sollen«, sagt sie. Aber wie kann man ein guter Zeuge sein? Susanne Grittner, Verkehrssicherheitsexpertin beim ADFC Berlin, rät dazu, sich sofort Notizen über den Unfallhergang zu machen: Wie sieht der Ort aus? Wie ist der Fahrbahnverlauf? Welche Verkehrsschilder sind in der Nähe des Unfallorts? Hat der Radfahrer beim Abbiegen ein Handzeichen gegeben? Hat das Fahrzeug geblinkt? Das ist deshalb sinnvoll, weil zwischen dem Unfall und der Zeugenvernehmung vor Gericht oft Monate liegen. Wer in einen Unfall verwickelt ist, muss am Unfallort warten. Ein frühzeitiges Entfernen kann vor Gericht als Fahrerflucht gewertet werden. Wie lange gewartet werden muss, ist allerdings
unterschiedlich. »Einige Gerichte haben Richtwerte von 30 Minuten bis über eine Stunde bei Verkehrsunfällen mit Verletzten angegeben. Grundsätzlich gilt: Je höher der Schaden, desto länger die Wartezeit«, sagt Polizeihauptkommissar Stefan Drescher von der Unfallprävention. Die Wartepflicht gilt für Beteiligte, nicht für Zeugen. Doch der Fall von Steffi K. zeigt, wie wichtig es sein kann, dass diese noch am Unfallort sind.

Ungeklärte Fälle werden oft schnell beendet
Steffi K.’s Unfall hatte sich an einem Montag ereignet, am Samstag wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen. Bereits einen Tag zuvor hatte sie Post vom Verkehrsermittlungsdienst bekommen. Er wird bei schweren Unfällen ebenfalls zur Ermittlung hinzugezogen. Ihr Mantel und ihr Fahrrad wurden auf Lackspuren hin untersucht, um herauszufinden, ob sie links von der Fahrbahn abgedrängt worden war. Außerdem wurde online ein Zeugenaufruf veröffentlicht, auf den sich aber niemand gemeldet hatte. Als einzige Aussage zum Tathergang lag ihnen die Schilderung des Angeklagten vor. In dem Brief stand, dass davon auszugehen sei, dass ein Fremdverschulden auszuschließen ist. Vier Tage nach dem Unfall. Vor Gericht sollte es ähnlich schnell gehen. »Mein Eindruck war, dass ein Verfahren, wenn es nicht schnell über die Bühne geht, sobald wie möglich beendet wird«, sagt Steffi K. Den Angeklagten entließ der Richter mit den Worten: »Nur Sie wissen, was passiert ist. Wenn Sie schuldig sind, müssen Sie mit der Schuld leben.« »Aber kann der Richter mit so einer Aussage zufrieden sein?«, fragt Steffi K. Die Anzahl von Freisprüchen bei Verkehrsunfällen aus Mangel an Beweisen, werde an Berliner Gerichten nicht erhoben, sagt Stefan Stöhr von der Generalstaatsanwaltschaft Berlin. In Steffi K.’s Fall wird deutlich, dass die ermittelnden Behörden nicht ausreichend dazu beigetragen haben, den Fall zu klären. Deshalb hat sich Steffi K. entschieden, in Berufung zu gehen.

Rechtsberatung: ADFC-Mitglieder können sich von Anwälten,
die auf Verkehrsrecht spezialisiert sind, kostenlos
beraten lassen. Jeden Dienstag von 19 bis 20 Uhr in der
Landesgeschäftsstelle, keine Anmeldung erforderlich. Alle Informationen hier.