Viele Wege, ein Ziel

Über geschützte Radstreifen wird zurzeit viel diskutiert. Das ist wichtig, darf aber die Fahrradbewegung nicht spalten. NIKOLAS LINCK wünscht sich mehr Gelassenheit

Mit großer Mehrheit hat die ADFC-Bundeshauptversammlung neue Leitlinien für Infrastruktur beschlossen. Damit spricht sich der Verband dafür aus, dass bei hohem Verkehrsaufkommen auch geschützte Radwege als Lösung in Betracht kommen, die durch physische Barrieren vom Autoverkehr getrennt sind. Auch die rot-rot-grüne Landesregierung sieht in ihrer Koalitionsvereinbarung separierte Radwege vor, so wie es der ADFC Berlin vor der Wahl forderte. Staatssekretär Kirchner bekräftigt dieses Ziel im Interview mit der Radzeit. Der Beschluss des ADFC wurde nicht ohne Diskussion gefällt: Kritiker befürchten, dass Radfahrende durch benutzungspflichtige Radwege von der Fahrbahn verbannt werden. Dass die Radwege zu schmal sind, sie deshalb ausgebremst werden und die Unfallgefahr steigt. Ihre Sorgen sind verständlich, schließlich hat der ADFC Jahrzehnte dafür gekämpft, auf der Fahrbahn zu fahren. Im direkten Sichtfeld der Autofahrer, anstatt auf verwahrlosten Huckelpisten, versteckt hinter Bäumen und parkenden Autos. Die Einführung markierter Radstreifen verbesserte die Sichtbeziehungen an den Kreuzungen und machte sie damit sicherer. Außerdem ließen sie sich vergleichsweise schnell und günstig umsetzen. Warum also umdenken? Das wichtigste Argument ihrer Kritiker: Zu wenige fühlen sich auf den Streifen sicher. Um ein Sicherheitsgefühl herzustellen, reiche es nicht, mit der Unfallstatistik zu wedeln. Obendrein würden die Radstreifen ständig zugeparkt. Bestärkt fühlen sich Kritiker bloßer Markierungen durch den Blick ins Ausland, wo der Trend klar zu separierten Radwegen geht.

Es sind weder die einen, noch die anderen Argumente, die mich irritieren. Es ist die Schärfe, mit der die Diskussion bisweilen geführt wird. So hitzig kann es dabei werden, dass man meint, es gehe um ganz andere Fragen: Autobahn oder Radschnellweg? Lkw oder Lastenrad?

Schnell ist vergessen, dass wir alle dasselbe Ziel haben: Eine Stadt, in der alle Menschen gern aufs Rad steigen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Je einiger eine politische Bewegung ist, desto mehr Durchschlagskraft hat sie. Desto mehr reißt sie auch solche mit, die noch zögern. Eine gespaltene Fahrradbewegung jedoch spielt den Gegnern der Verkehrswende in die Hände. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen.

Eine Ursache der Meinungsverschiedenheiten ist die persönliche Brille, durch die man den Verkehr beobachtet. Je länger wir auf dem Sattel sitzen, desto mehr lernen wir. Wir beobachten die Kreuzungen und die anderen Verkehrsteilnehmer und meinen irgendwann genau zu wissen, was man markieren oder bauen müsste. Bloß sieht man die Kreuzung immer nur aus den eigenen Augen, geprägt von eigenen Erfahrungen und – noch wichtiger – Fähigkeiten. Umso erhellender kann es sein, andere nach ihren Empfindungen im Verkehr zu fragen. Vorzugsweise Menschen, die weniger Rad fahren als man selbst. Oder vielleicht noch gar nicht.

In Wahrheit ist Verkehrsplanung kompliziert und ein ständiger Abwägungsprozess verschiedener Interessen. Gebunden an Richtlinien, Gesetze und Häuserwände, die sich nicht verschieben lassen. Das macht die Suche nach einer Musterlösung, die sich überall anwenden lässt, so schwer. Deshalb brauchen wir weiterhin ständige Diskussion und Evaluation, um unser Wissen zu erweitern und das Radfahren so zu gestalten, dass sich alle dabei sicher fühlen. Aufgabe der Politik ist jetzt, verschiedene Lösungen zu erproben und die Bürger daran zu beteiligen. Von uns, die den Radverkehr voran bringen wollen, wünsche ich mir eine entspannte, respektvolle und sachliche Debatte, in der wir unser gemeinsames Ziel nicht vergessen. Denn noch nie waren wir der Fahrradstadt Berlin so nah wie jetzt.