Victoria für Vitoria

In der Hauptstadt des Baskenlandes hat die Verwaltung ­einen Fahrradboom ausgelöst – mit wenig Geld und erstaunlichem Erfolg. TEXT UND FOTO: STEFAN JACOBS.

Wieder stoppt Juan Carlos Escudero sein von der Regionalregierung gefördertes Pedelec, um seine Vorher-Nachher-Fotomappe herauszuholen: Er zeigt das Bild einer überbreiten Hauptstraße samt Nebenfahrbahn mit schmalen Gehwegen und insgesamt zehn Autospuren: fünf zum Fahren, fünf zum Parken. Jetzt stehen wir auf einem breiten Grünstreifen, der den parkartig angelegten Gehweg vom Radweg trennt, und schauen auf vier Fahrspuren plus eine Parkspur. Die Straßenbahn surrt auf grünem Gleisbett vorbei, dahinter flanieren Fußgänger auf dem nun ebenfalls viel breiteren Gehweg gegenüber. Escudero steigt wieder aufs Rad, um sein Rezept für die schmaleren Straßen zu zeigen.

Fahrradstraße in Vitoria. Hier geben Radfahrer das Tempo vor. Poller in der Straßenmitte verhindern, dass Kraftfahrer überholen.

Die Tour führt durch Vitoria-Gasteiz, die Hauptstadt des Baskenlandes. Flach, obwohl von Bergen umgeben, und kompakt genug für 55 Prozent Fußverkehrsanteil. Man könnte auch sagen: zu klein fürs Auto. Fast niemand wohnt weiter als drei Kilometer vom Zentrum entfernt. Also beschloss der Stadtrat auf Empfehlung des von Escudero geleiteten Umweltbeirats, die Stadt für Fußgänger noch angenehmer und zugleich fit fürs Fahrrad zu machen, das sonst in Spanien eher Sportgerät als Verkehrsmittel ist: Knapp zwei Prozent Radverkehrsanteil sind normal – und waren es vor zehn Jahren auch hier. Jetzt sind es zwölf. Ein solcher Zuwachs ist selten.

Escudero stoppt in einer typisch spanischen Einbahnstraße. »Hier haben wir die eine Parkspur weggenommen, damit Platz ist für einen Radweg in Gegenrichtung. Weil wir wenig Geld haben, arbeiten wir vor allem mit Farbe.« Also Fahrradsymbole in die Fahrbahnmitte, damit klar ist, wer Vorrang hat. Dazu eine Radspur in Gegenrichtung. Und wo bleiben die Autos? »Hier gibt es genug andere Stellplätze, wir haben ja die Daten.« Es gab keinen Aufstand der Autofahrer, sagt Escudero. Alle Bewohner wurden mit Flyern informiert, auch Radfahrer erfuhren so ihre Rechte und Pflichten: Gehwegradeln verboten! Es scheint zu funktionieren. Keiner hupt, keiner drängelt, keiner parkt auf der Radspur. 2012 wurde Vitoria-Gasteiz von der EU als »Europäische Umwelthauptstadt« ausgezeichnet. Seitdem gilt die Gefahr einer Revolte als gebannt.


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