Ungestörte Geschäfte

In Berlin werden reihenweise hochwertige Fahrräder von Banden gestohlen. Wenig später werden sie auf einer polnischen Internetseite verkauft – immer von demselben Anbieter. Opfer und Ermittler müssen dabei zusehen, weil die Staatsanwaltschaft untätig bleibt. VON NIKOLAS LINCK.

Es ist der Moment, vor dem sich alle Fahrradbesitzer fürchten. Als Felix T., Rechtsanwalt aus Schöneberg, eines Morgens aus dem Haus tritt, scheint im Hof alles beim Alten. Ungefähr 40 Fahrräder sind an den Ständern angeschlossen. Nur sein eigenes Rad sieht er nicht. Erst langsam – Blick nach links, Blick nach rechts – setzt die Erkenntnis ein: Von seinem Randonneur der Marke Patria fehlt jede Spur. Noch am Abend zuvor hatte er es an der vertrauten Stelle mit einem schweren Kettenschloss gesichert. Von dem Schloss fehlt ebenso jede Spur.

Ist das Ihr Fahrrad?

Felix zeigt den Diebstahl an und bekommt wenig später eine E-Mail von der Polizei, mit einem Foto und der Frage: Ist das Ihr Fahrrad? Die Mail zeigt einen Screenshot einer polnischen Plattform für Online-Auktionen nach dem Prinzip Ebay. Dort steht Felix‘ Spezialanfertigung jetzt zum Verkauf – für 400 Euro, ein Bruchteil des Neuwertes. Wer in die Suchmaske der Plattform die Namen deutscher Fahrradhersteller wie die „VSF Fahrradmanufaktur“ eingibt, erhält sofort eine lange Liste von Gebrauchträdern zu Schnäppchenpreisen. Die meisten von ihnen werden von einigen wenigen Nutzern verkauft, die regelmäßig frische Räder aus Deutschland anbieten. Sie werden mit ansprechenden Fotos und allen technischen Details beworben – zu einem Preis, der oft nicht einmal dem Wert einzelner Komponenten entspricht. Die Polizei macht Felix keine Hoffnungen. In Polen könne sie nicht tätig werden. Während der Jurist noch überlegt, sein geliebtes Velo vom Dieb zurückzukaufen, ist die Anzeige am nächsten Tag bereits verschwunden.

Screenshot der polnischen Internetplattform: Schon eine Woche, nachdem die Fahrräder in Berlin gestohlen werden, tauchen sie hier auf.

Screenshot der polnischen Internetplattform: Schon eine Woche, nachdem die Fahrräder in Berlin gestohlen werden, tauchen sie hier auf.

Immer derselbe Anbieter

Einige Wochen später im Moabiter Fahrradhandel Velophil. Geschäftsführer Rolf Wietzer und Velophil-Mitarbeiter treffen sich zum Krisengespräch mit der Polizei. Gleich mehrere Räder, die Velophil-Kunden in Berlin geklaut wurden, standen innerhalb weniger Monate auf der polnischen Seite zum Verkauf – immer durch denselben Nutzer. Wietzer ist ebenso wie andere Fahrradhändler in Berlin besorgt, dass in Berlin bald niemand mehr ein gutes Fahrrad kaufen will, weil er es nirgendwo guten Gewissens abstellen kann. Der Polizeibamte Stefan Kliesch erscheint im Radler-Trikot, eine Fahrradtasche über der Schulter. Ihm liegt die Sache auch persönlich am Herzen, kein Zweifel. Kliesch ist Ermittler im Bereich Hehlerei und Sachfahndung der Polizeidirektion 5 in Kreuzberg und Neukölln. Gestohlene Fahrräder sind, neben Handys und anderem begehrten Diebesgut, gewissermaßen sein tägliches Brot. Kliesch und seine Kollegen beobachten schon länger, dass Fahrräder, die in Berlin geklaut werden, von einem einzelnen Anbieter auf der polnischen Plattform zum Verkauf stehen. Mehr als 60 Fahrräder hat er derzeit im Angebot, immer vor dem gleichen Gartenzaun fotografiert. Fast alle sind Markenräder der gehobenen Preisklasse von Stevens, Kalkhoff, Scott und anderen Herstellern. Der Benutzername des Verkäufers soll hier aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht genannt werden.

„Ginge es um Autos, würde die Staatsanwaltschaft handeln“

Kliesch tippt mit dem Finger auf den Bildschirm und sagt: „Natürlich sind die alle geklaut“. Trotzdem müsse er jeden einzelnen Fall durch individuelle Merkmale nachweisen, wie bei der Sonderanfertigung für Felix. Oder durch die Aufkleber der Berliner Fahrradhändler, die oft genug auf den Fotos erkennbar sind.  Der Händler kann das Rad in seiner Datenbank finden und den Käufer kontaktieren. Oft wird der Diebstahl aber nicht zur Anzeige gebracht – zum Ärger von Kliesch, denn nur vermisst gemeldete Räder kann er mit der Hehlerware im Netz abgleichen. Bislang konnten er und seine Kollegen 13 Räder im Angebot des Verkäufers identifizieren, die definitiv  in Berlin gestohlen wurden. Trotzdem sind den deutschen Polizeibeamten die Hände gebunden. Die polnische Polizei muss tätig werden, dafür braucht es die Initiative der deutschen Staatsanwaltschaft. Doch die lässt die Ermittlungen von Kliesch und seinen Kollegen offenbar im Nichts verpuffen und stellt die Verfahren regelmäßig ein. Die Verantwortlichen, so Kliesch, bagatellisierten das Delikt Fahrraddiebstahl. „Wenn ein einzelner Anbieter mehrere hundert gestohlene, hochwertige Fahrräder anbietet, die für ihn bandenmäßig und gezielt in Berlin entwendet werden, ist er für einen sechsstelligen Schadenswert verantwortlich. Die Geschädigten verlieren ihre täglichen Transportmittel und trotzdem passiert nichts“, ärgert sich der Polizist. Er ist sicher: Ginge es um gestohlene Autos, würde die Staatsanwaltschaft handeln.

Kein Halt vor hochwertigen Schlössern

Für billige Schlösser reicht der Bolzenschneider. Doch auch für teure Modelle gibt es leider Mittel und Wege. Foto: istock/shotbydave

Was Kliesch weiter erzählt, ist entmutigend: Die meisten hochwertigen Räder, mit denen er zu tun hat, waren mit teuren Markenschlössern gesichert. Oft sogar im Hinterhof, hinter verschlossenen Türen. Mit Methoden, die hier nicht näher erläutert werden sollen, lassen sich auch High-End-Schlösser geräuschlos öffnen – der Beamte zeigt einige Youtube-Videos zum Beweis. Auch mit Gewalt lassen sich manche Schlosstypen scheinbar leichter knacken als versprochen. Velophil-Geschäftsführer Wietzer erzählt, dass er keine Empfehlung mehr für Faltschlösser ausspreche, seit ihm vor seinen Augen demonstriert wurde, wie sich deren Gelenke im richtigen Winkel aufhebeln lassen. Das bedeutet zwar nicht, dass die Wahl des Schlosses gleichgültig ist. Vor Gelegenheitsdieben bieten gute Schlösser nach wie vor Schutz. Nur gegen Profis scheint kein Kraut gewachsen. Diese finden laut Kliesch auch einen Weg in den Hof oder Hausflur, wenn es sich lohnt. Wer dem Polizisten länger zuhört, landet bei der Erkenntnis, dass nur die eigene Wohnung noch sicher ist.

Höherer Ermittlungsdruck, neue Abstell-Lösungen

32.244 Fahrräder wurden vergangenes Jahr in Berlin gestohlen gemeldet, die Dunkelziffer ist weit höher. Das sind 5% mehr als im Vorjahr. Stefan Kliesch und seine Kollegen sind zwar ein positives Beispiel, tatsächlich werden die polizeilichen Ermittlungen zu Fahrraddiebstählen aber umgehend eingestellt, wenn keine direkte Aussicht auf Erfolg besteht. Das besagt eine interne Geschäftsanweisung der Polizei. Klieschs Erfahrungen mit der Staatsanwaltschaft zeigen, dass auch in Teilen der Justiz das Delikt offenbar bagatellisiert wird. Kein Wunder, dass durchschnittlich nicht einmal vier von hundert Fällen aufgeklärt werden. Die Forderungen des ADFC an die Politik sind daher wichtiger denn je: Um organisierten Banden das Handwerk zu legen, muss der Druck von Polizei und Staatsanwaltschaft erhöht und eine Ermittlungsgruppe Fahrraddiebstahl gegründet werden. Darüber hinaus  müssen mehr sichere Abstellanlagen geschaffen werden. Hier wird es Zeit für neue Lösungen wie bewachte Radstationen und alarmgesicherte Fahrradboxen. Vermieter müssen Verantwortung übernehmen und den Mietern sichere Abstellanlagen und, falls möglich,  abschließbare Räume zur Verfügung stellen.

Schrottrad als letzte Option

Eine Woche, nachdem Felix‘ Fahrrad von der polnischen Seite verschwand, findet seine Frau ein gelbes Patria-Rahmenset bei Ebay. Zweifelsfrei sein Rahmen, sagt Felix, der da von einem User im polnischen Krakau angeboten wird. Der Preis hat sich erhöht: 418 Euro soll jetzt der Rahmen allein kosten. Neben einer Reihe von Kosmetikartikeln hat der Verkäufer etliche gebrauchte Fahrradteile im Angebot. Ob er selber die Räder demontiert hat, damit niemand sie erkennt, oder die Einzelteile gekauft – für Felix spielt das keine Rolle mehr. Ihm wurde der Neupreis seines Fahrrades inzwischen von der Versicherung erstattet. Doch ein gleichwertiges Rad wird er sich, wenn überhaupt, nur für Touren am Wochenende kaufen. Für seine täglichen Wege nimmt er jetzt ein altes Hollandrad ohne Gangschaltung. Die Untätigkeit der Staatsanwaltschaft sei doch eine „Einladung für professionelle Diebe“, sagt er. Jetzt kann er sich morgens wenigstens sicher sein: Sein Rad steht noch da.

Screenshot von Ebay: Hier fanden sich Einzelteile des geklauten Fahrrads wieder.

Screenshot von Ebay: Hier fanden sich Einzelteile des geklauten Fahrrads
wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Der Tagesspiegel griff in einem Artikel den Bericht der Radzeit auf.

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Velophil