Themenabend: The Bicycle Era – Rethinking Berlin

Berlin steht vor der Mobilitätswende. Der Radverkehr boomt und soll mehr Platz bekommen. Aber wie sieht eine moderne und sichere Radinfrastruktur aus? Und wie können wir mit Widerständen umgehen? Diesen Fragen ging der ADFC am Freitag, den 17.02.2017 mit  Vorträgen und einer Diskussion im Haus der Nordischen Botschaften nach.  ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork moderierte den Abend. VON NIKOLAS LINCK

William Boe, stellvertretender Botschafter von Dänemark, hat bleibende Erfahrungen mit den „Wurzelpfaden“ in Berlin gesammelt: Bei der Begrüßung der Gäste im Botschaftshaus erzählte er von einem Nasenbeinbruch, den er sich beim Sturz vom Fahrrad zugezogen hatte. Positiver Nebeneffekt: Seine Nase sehe nach den vier Operationen besser aus als vorher. Der Vorfall erinnerte ihn daran, wie viel besser die Radinfrastruktur in Kopenhagen sei. Aber auch in seinem Heimatland muss weiter über Verbesserungen nachgedacht werden: Vor allem auf dem Land sinkt der Radverkehrsanteil.

ADFC-Landesvorsitzende Eva-Maria Scheel sprach vom positiven Start der Verhandlungsgespräche zum Radverkehrsgesetz zwei Tage zuvor: „Plötzlich geht es nicht mehr um die Frage, ob der Radverkehr mehr Raum bekommt, sondern wie das konkret aussehen soll“. Dieser Frage solle an dem Abend nachgegangen werden. „Denn auch wenn immer mehr Menschen in Berlin Rad fahren: Studien wie der ADFC-Fahrradklimatest zeigen, dass sich viele von ihnen auf der vorhandenen Radinfrastruktur nicht sicher fühlen. Wenn es also darum geht, Berlin neu zu denken, dann müssen wir das aus der Perspektive derer tun, die bislang wenig oder gar nicht Rad fahren, weil sie sich nicht trauen.“

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Eva-Maria Scheel: „Infrastruktur aus der Perpektive derer denken, die bislang wenig oder gar nicht Rad fahren, weil sie sich nicht trauen.“

Noch eine andere Botschafterin war an diesem Abend zu Gast. Dänemark hat nämlich, wie nur zwei andere Länder auf der Welt, auch eine Fahrrad-Botschaft. Deren Vorsitzende Marianne Weinreich machte deutlich, dass es nicht bloß um trockene Verkehrsplanung geht. Um die Menschen zum Radfahren zu bewegen, brauche es auch gute Vermarktung des Radfahrens. Sichere und funktionierende Infrastruktur sei notwendig. Aber darüber hinaus müsse man die Menschen auch dafür belohnen, dass sie Rad fahren. Etwa durch geneigte Mülleimer, die während der Fahrt benutzbar sind oder Ampelsensoren, die Radfahrer im Regen kürzer warten lassen.  Weinreich: „Die Dänen fahren nicht aus genetischer Veranlagung so viel Fahrrad, sondern weil ihre Städte dafür designt sind.“

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Marianne Weinreich (Cycling Embassy od Denmark): „Radverkehr ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines großen Wandels“

David Smith ist Verkehrsplaner in Chicago, der drittgrößten Stadt der USA. Dort hat er im Auftrag des Bürgermeisters in den letzten Jahren eine Art Turbo-Verkehrswende herbeigeführt. In der gesamten Innenstadt wurden (und werden noch) Kfz-Fahrstreifen in geschützte Radstreifen umgewandelt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Smith spricht von 150% mehr Radverkehr, in vielen Straßen sei der Radverkehrsanteil inzwischen bei 20%, dort führen mehr Fahrräder als Autos. Möglicher Gegenwind bekomme bei der Verwandlung nicht viel Raum, weil die Maßnahmen so schnell durchgeführt würden. Teilweise wurden „Protected Bikelanes“ an nur einem Wochenende eingerichtet. Schnell wurde den einstigen Gegnern des Umbaus klar, dass ihre Sorgen unberechtigt waren: Lokale Einzelhändler hatte keine Umsatzeinbußen zu verzeichnen. Autofahrende fanden auch weiterhin Parkplätze.

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David Smith (Verkehrsplaner bei T.Y. Lin International) zeigte die Radinfrastruktur, mit der Chicago derzeit große Erfolge feiert

Die Trennung vom Autoverkehr durch Plastikpoller und Betonbarrieren sieht Smith als Erfolgsrezept. Überall dort, wo viel Verkehr und hohe Geschwindigkeit herrsche, sei sie unvermeidbar. Befragungen der Radfahrenden zeigten, dass alle unter ihnen seit der Einführung der Separierung öfter und in größerem Radius in ihrer Stadt auf dem Fahrrad bewegten.

Randy Neufeld ist ein Urgestein der internationalen Fahrradbewegung. Sein Wirken begann er ebenfalls in Chicag, als Chef der Active Transportation Alliance. Inzwischen reist Neufeld im Auftrag des Fahrradherstellers SRAM durch die Welt und berät Menschen und Kommunen zur Radverkehrsförderung. Die Frage, wie am besten mit Widerständen in der Politik umzugehen sei, beantwortete er so: „You have to think like a politician. Ask yourself: How can I help them to make the change?“ Neufeld erinnerte daran, dass die Diskussion um nachhaltige Mobilität nicht nur in Berlin, sondern in Städten auf der ganzen Welt geführt würde. Deshalb solle man voneinander lernen, damit nicht jede Stadt das Rad neu erfinden müsse. Zwar sei jede Stadt einzigartig, aber keine so einzigartig wie sie denke, so Neufeld. In Berlin sei jetzt der Moment gekommen für den großen Sprung des Radverkehrs.

Eine klare Botschaft aller Vortragenden: Radverkehrsförderung sei kein Selbstzweck, sondern Teil eines größeren Wandels. Mehr Radverkehr biete Lösungen vieler Probleme und sei der Schlüssel zu Städten, in denen sich Menschen gern aufhalten: „We have to ask ourselves: ‚Can our streets do more for us?‘ And they can”, erklärte Dave Smith. Dabei sei es in Ordnung, mit verschiedenen Designs zu experimentieren. Die Vortragenden waren sich einig: Regierung und Verwaltung dürfen den Umbau zur fahrradgerechten Stadt nicht für unmöglich erklären. Chicago beweise, dass es sehr schnell gehen kann.

An der anschließenden Diskussion beteiligte sich auch Christian Wiesenhütter, stellvertrender Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Für ihn sei Kopenhagen in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Was Parkplätze betrifft, könne Berlin noch viel lernen. Eine und intelligente und einheitliche Parkraumbewirtschaftung etwa könne Platz auf den Straßen schaffen und gleichzeitig für Geschäftstreibende zur Fluktuation von Kunden beitragen. Was in Berlin oft fehle, seien klare Zuständigkeiten: „Es kann doch kein Hauptbahnhof gebaut werden, ohne ans Fahrradparken zu denken“, so Wiesenhütter.

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Christian Wiesenhütter (IHK Berlin) wurde spontan aus dem Publikum in die Diskussion geholt

Auch mehrere Mitarbeiter von Bezirksverwaltungen nahmen an der Diskussion teil. Sie machten deutlich, dass vor allem dort mit Widerstand gegen Umbau zu rechnen sei, wo Parkplätze wegfielen. Deshalb sei es besonders wichtig, die Anwohner zu überzeugen. Mehrere Stimmen aus dem Publikum äußerten Unverständnis, dass Radstreifen in Berlin nicht vom Autoverkehr getrennt seien. Dazu die Frage aus dem Publikum an Dave Smith: „Kann sich Berlin nicht ein paar dieser Poller ausleihen?“