The Cycling Dead. Eine Replik zur AutoBILD-Ausgabe vom 6.10.2017

Lieber Tom Drechsler, lieber Hauke Schrieber aus der AutoBILD-Redaktion,

Sie tun mir wirklich leid. Nicht nur wurde die AutoBILD jahrelang von Autoherstellern veräppelt und hat deren geschummelten Verbrauchs- und Abgaswerte abgedruckt. Viel schlimmer: Von Fahrradfahrern „gejagt und bepöbelt“ grenzt es an ein Wunder, dass Sie es morgens noch lebendig in die Redaktion schafft, beginnt Ihr Tag schließlich so:

„Und plötzlich klammerte sich dieser Radfahrer an mein Auto. Krallte sich an die Dachreling, trat gegen die Tür und schrie mich durch das Fenster an, dass Speichel gegen die Scheibe spritzte. Wir standen nebeneinander an der Ampel, die wieder Grün zeigte, aber ich konnte nicht fahren“.

Nein, diese Szene entstammt keiner neuen TV-Serie mit dem Namen „The Cycling Dead“, in der Radler-Zombies in zerfetzten Warnwesten und löchrigen Lycra-Shorts arglose Autofahrer fressen. Sie ist offenbar so alltäglich in Ihrem Leben, dass Sie damit sowohl Editorial als auch Titelstory eröffnen.

„Die Radfahrer spinnen“ heißt es auf dem Cover Ihrer aktuellen Ausgabe, und Sie fragen fassungslos: „Warum also hämmern einem Fahrradfahrer bei voller Fahrt aufs Autodach, während man sie überholt?“ Vielleicht deshalb: Wenn Radfahrer Ihnen beim Überholvorgang aufs Autodach klopfen können, halten Sie den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von anderthalb Metern nicht ein, gefährden deren Leib und Leben und verstoßen gegen geltendes Recht.

„Radfahrer sind Teilzeitbefolger des Gesetzes“, zitieren Sie einen Sozialwissenschaftler und beklagen, dass Rotlichtverstöße bei vielen Fahrradfahrern offenbar als Kavaliersdelikt gelten. Das ist wahr und ein großes Problem. Beim Blick in die Polizeistatistik wird allerdings schnell klar, dass nicht nur Radfahrer, sondern die meisten Verkehrsteilnehmer Teilzeitbefolger des Gesetzes sind. Mit dem feinen Unterschied, dass die mehr als 3.000 Verkehrstoten jedes Jahr in Deutschland nahezu alle auf das Konto von Autofahrern gehen.

Viele von ihnen würden noch leben, wenn weniger aufs Gas gedrückt würde. Doch eine aktuelle Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt, dass Tempolimits für die meisten Autofahrer allenfalls eine Empfehlung darstellen, besonders in der AutoBILD-Heimat Hamburg. Bei erlaubten 50 km/h fahren dort 18 Prozent der Autofahrer zu schnell, bei Tempo 30 sind es satte 54 Prozent (https://udv.de/de/medien/mitteilungen/hamburg-neue-metropole-der-temposuender). Fachjournalisten wie Sie wissen sicherlich, dass sich der Bremsweg bei 40  km/h statt 30 km/h bereits verdoppelt (https://www.bussgeldkatalog.org/bremsweg/). Dies wohlgemerkt in Tempo-30-Zonen, die besonders oft vor Schulen und Kindergärten angeordnet werden. Jedem zweiten Autofahrer in Hamburg ist es also wichtiger, ein paar Minuten früher anzukommen, als rechtzeitig bremsen zu können, wenn ein Kind unerwartet auf die Fahrbahn tritt. Toleranzabzug und geringe Kontrolldichte lassen die meisten davonkommen. Sie sind ja nur ein wenig zu schnell gefahren – ein Kavaliersdelikt.

Ein rotes Tuch sind für Sie Radfahrer, die „trotz Fahrradwegen auf der Straße fahren“. Dass dies im Gegensatz zur Geschwindigkeitsübertretung grundsätzlich kein Delikt darstellt, weil die wenigsten Radwege benutzungspflichtig sind, interessiert Sie wenig. Oder wussten Sie es einfach nicht? Dann nehmen Sie sich den Pro-Tipp für feurige Schreiberlinge zu Herzen: Erst recherchieren, dann auf den Putz hauen.

Aber wer soll auch ordentlich arbeiten bei den bösen Radfahrern überall? „Ob sie abends unbeleuchtet die Dorfstraße langeiern oder als Gefahrensucher links und rechts im Großstadtstau vorbeiwüten“, sie nerven einfach. Vor allem offenbar, wenn sie vorankommen, während Tom Drechsler mit seiner Blechkiste im Stau steht.

Womit haben Sie das nur verdient? Als einer der Letzten in unserer Gesellschaft mit ein wenig Anstand, der immer einstecken muss vom „Feind auf meiner Straße“ (Titel): „Vielen Deutschen sind die Manieren flöten gegangen. Das Miteinander ist schwer geworden. Und wir Autofahrer sind mal wieder die Leidtragenden. Wenn uns Fahrverbote nicht aus der Innenstadt vertreiben, dann eben die Radfahrer, die uns langsam aber sicher die Straße klauen“. Dass die Fahrbahn laut StVO grundsätzlich für alle Fahrzeuge da ist – auch Fahrräder – ist Ihnen entweder egal oder Sie wissen es nicht, was ziemlich peinlich wäre.

Eigentlich habe ich nichts dagegen, dass die AutoBILD in den verkehrspolitischen Diskurs einsteigen will. Aber dabei sollte Sie sich an die Fakten halten und sich Ihrer Verantwortung bewusst sein. Falls Sie dazu nicht fähig sind, sollte Ihre Zeitschrift lieber bleiben, was sie ist: Ein Werbekatalog für Autos. Denn eins ist klar: Mit Ihren unsauberen Recherchen, Ihren Vorurteilen und Ihrem Hass machen Sie den „Krieg auf der Straße“ nicht friedlicher, sondern heizen ihn erst richtig an.

Herzlich,

Ihr Nikolas Linck
Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin