Sven Marx auf Weltreise: Aber du bist doch behindert!

Sven Marx war nach einer Tumoroperation bereits ein Pflegefall. Ende April startete er am Brandenburger Tor zu einer Weltreise mit dem Rad. In rund 18 Monaten will er wieder in Berlin ankommen, nachdem er alle fünf Kontinente bereist hat.

Sven Marx ist ein eher unauffälliger Radfahrer. Meist mit Schiebermütze, im T-Shirt oder mit Fleecejacke bekleidet, kein Helm oder bunte Trikots, die besonders auf ihn aufmerksam machen würden. Auch keine spezielle Outdoorkleidung. In der Stadt also einer von Tausenden. Aber Sven ist ein besonderer Radfahrer. Am 23. April startet er zu einer Weltreise – alleine mit seinem Rad, das er liebevoll „Donkey junior“ getauft hat. In den vergangenen Jahren hat er mit ihm und seinem Vorgänger, dem „Donkey“ bereits viele Gegenden Europas, Amerikas und Asiens bereist, war zur Audienz beim Papst und bei den Paralympics in Rio und hat somit schon fast eine halbe Weltreise hinter sich gebracht.

Denjenigen, die Sven auf seiner Weltreise begegnen, wird es ähnlich ergehen: er bleibt eher unauffällig. Zumindest in Mittel- und Nordeuropa sind Menschen mit Reiserädern, bepackt bis zur Belastungsgrenze, nicht komplett ungewöhnlich. „Man“ kennt „sie“. Den Deutschen, der auf dem Weg zur französischen Atlantikküste ist. Die Italienerin, die von Rom bis ans Nordkap radelt. Briten, die die Niederlande, Norddeutschland und Polen mit englischen Stahlrädern durchqueren, um ins Baltikum zu gelangen.

Wer Sven in Berlin nur auf dem Rad gesehen hat oder wer ihn auf seiner Weltreise auf dem Rad sieht, bekommt wahrscheinlich gar nicht mit, dass Sven behindert ist. Erst, wenn Sven vom Fahrrad absteigt, fällt dies auf. Treppen sind für ihn schwer zu bewältigen, Gesichter, Fotos und Texte kann er nur eingeschränkt wahrnehmen.

Ein Gehirntumor, der operativ nicht vollständig entfernt werden konnte, führte zu den Gleichgewichtsstörungen, die seinen Gang unsicher werden lassen und zu einer starken Gesichtsfeldeinschränkung. Daher sitzt er Gesprächspartnern lieber leicht schräg gegenüber. Dass er dennoch sicher Rad fahren lernte, ist reiner Zufall. Sven erklärt dies gern: Es gab einen kleinen Bereich in seinem Gesichtsfeld, der frei von Doppelbildern war. Solange er stand, befand sich dieser Bereich etwas oberhalb der Waagerechten. Sobald er aber seine leicht gebückte Haltung auf dem Rad einnahm, lag dieser Ausschnitt genau dort, wo er hinsehen musste. Und für das Gleichgewicht sorgt das Fahrrad sogar von selber. Das Rad stabilisiert sich mit zunehmender Geschwindigkeit selbst, der Fahrer muss so nur für den nötigen Antrieb sorgen.

Sven hat – außer der Lust am Reisen – noch einen Antrieb: er hat eine lebensbedrohliche Erkrankung überlebt, war Pflegefall und hat sich wieder ins Leben zurückgekämpft. Jetzt möchte er anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben, Mut machen, als Vorbild dienen. So engagiert er sich für die Initiative „Inklusion braucht Aktion“ und hält Vorträge vor Behinderten und Nichtbehinderten. Der Plan, um die Welt zu reisen – zudem mit Handicap – ist für Viele schwer nachvollziehbar. Dieses Unverständnis hat Sven mit dem – regelmäßig geäußerten – Einwand: „Aber du bist doch behindert!“ beschrieben. Sein – noch im Frühjahr erscheinendes Buch – wird daher genau diesen Satz als Titel tragen. Sven möchte mit dem Buch auch die Menschen erreichen, die nicht zu seinen Vorträgen kommen können.

Sven auf einer Audienz beim Papst im September 2015

Warum muss es unbedingt eine Weltreise sein, fragte ich Sven kurz vor seiner Abfahrt. Du hast die legendäre Route 66 bereist, bist durch Japans Süden gefahren, warst in Russland und am Nordkap – jede Tour für sich mehr als das, was die meisten Radfahrer jemals bewältigen werden.

Sven: Eine sehr gute Frage. Abenteuer. Ich bin schon immer ein Abenteurer gewesen. Ich hab mich oft gefragt, „warum machst du das?“ Am Nordkap, 3 Tage Dauerregen… da stellst du dir solche Fragen. Ich will mir beweisen, dass es geht, dass ich es kann – weniger körperlich, als vom Kopf her, mental. Ob du 8 Stunden arbeiten gehst, oder 12 Stunden Rad fahren ist egal. Es ist der Kopf, der irgendwann nicht mehr mitspielt.

Du fährst fast immer allein, auf deiner Weltreise wirst du dich auf einzelnen Etappen mit deiner Frau, Annett, treffen, die dich jedoch nicht begleiten wird. Hast du keine Angst vor der Einsamkeit? Immerhin wirst du 18 Monate unterwegs sein.

Sven: Ach, ich telefoniere jeden Tag mit Annett. Wenn du allein unterwegs bist, kommst du schneller ins Gespräch. Das ist anders, wenn du zu zweit unterwegs bist. Wenn dir jemand entgegen kommt, hast du gleich ein Gesprächsthema. Das ist cool.

Und wie geht es Annett damit?

Sven: Jetzt ok. Anfangs war es anders, wegen der Angst wegen des Tumors. Wir haben uns auch schon mal drei Monate nicht gesehen. Wir wissen, wie es ist, wenn man sich ein paar Monate nicht sieht. Damit können wir, glaube ich, umgehen.

Du selber machst dir keine Gedanken, dass es mit dem Tumor Komplikationen geben könnte?

Sven: Wenn ich darüber nachdenken würde, hätte ich nichts anderes mehr zu tun. Ich habe jetzt die Nachricht erhalten, dass der Tumor nicht gewachsen ist. Von daher ist das in Ordnung. Es kann immer was passieren. Mir kann ein Dachziegel auf den Kopf fallen – das würde gar nichts mit dem Tumor zu tun haben.

Du hast mir erzählt, dass du nicht trainierst. Dann bist du jedoch bei Reitstunden in der Rollireitschule Radensleben gesehen worden. Also doch Training?

Sven: Ich trainiere jetzt. Ich trainiere laufen! Es ist ein bisschen besser geworden. Wenn ich mein Fahrrad stehen lasse, muss ich auch vorankommen. Ich werde an Orte kommen, an denen ich das Rad nicht mitnehmen kann. (Schmunzelt:) Wenn ich zurückkomme, kann ich Marathon laufen!

Worauf freust du dich besonders?

Sven: Auf das Abenteuer Leben – jeden Tag zu spüren, egal ob Regen oder Sonnenschein. Die Welt zu entdecken!

Drei Tage Dauerregen: Sven am Nordkap

Svens Reise kann man auf Facebook (Sven Marx – Globetrotter) verfolgen. Unterstützen kann man Sven natürlich auch: über seine Website www.sven-globetrotter.com gelangt man zu einer Spendenaktion, die ihm helfen soll, seine Weltreise zu finanzieren.

Text: Andreas Stenzel
Fotos: Sven Marx / Andreas Stenzel – BikeBlogBerlin